Zeitschrift B&B Agrar

Vorbereitung auf den Notfall

In einem Ordner alle wichtigen Informationen zusammenfassen

Notfallordner
Foto: Wiebke Wohler

Unfall, Krankheit, Quarant├Ąne: Im Notfall m├╝ssen helfende und unterst├╝tzende Personen ├╝ber alle Vorg├Ąnge des landwirtschaftlichen Betriebs Bescheid wissen, damit die Arbeit weiterlaufen kann. Iris Flentje von der Landwirtschaftskammer Niedersachsen r├Ąt landwirtschaftlichen Familienbetrieben, einen Notfallordner f├╝r Ausnahmesituationen zu erstellen.

Artikel als PDF herunterladen

Frau Flentje, in der sozio├Âkonomischen Beratung geben Sie auch Seminare zum Thema Notfallordner. Inwiefern ist es wichtig, einen solchen Ordner im Betrieb zu haben?

Flentje: F├╝r den Fall, dass der "Kopf" des Betriebes ausf├Ąllt, ist so ein Ordner aus meiner Sicht zwingend notwendig f├╝r diejenigen, die die Arbeit ├╝bernehmen. In ganz vielen landwirtschaftlichen Betrieben wissen nur die Betriebsleiter Bescheid ├╝ber alle Abl├Ąufe auf dem Hof: Wen man wann anrufen muss, wer welchen Zettel kriegt oder wo man seine Milch im Verkauf hat. Das haben sie meist nicht schriftlich festgehalten, sondern alles nur im Kopf.

Haben Sie ein Beispiel?

Flentje: Einen aktuellen Fall hatten wir im Rahmen von Corona. Das Paar kam nicht aus dem Urlaub zur├╝ck, weil kein Flieger ging. Die Urlaubsvertretung musste nach der vereinbarten Woche zur├╝ck in den eigenen Betrieb. Und so kam ein fremder Betriebshelfer auf den Hof. Ein bisschen konnte in diesem Fall immerhin telefonisch geregelt werden. Wenn aber ein Unfall passiert und der Betriebsleiter auf der Intensivstation landet oder gar stirbt, dann muss jemand Fremdes von jetzt auf gleich alles ohne Einarbeitung machen. Gerade bei Betrieben mit Tierhaltung ist sofortiges Handeln notwendig. Wenn dann nichts schriftlich festgehalten ist, wirdÔÇÖs schwierig.

Frau Flentje
Iris Flentje, Beraterin Sozio├Âkonomische Beratung, LWK Niedersachen (Bezirksstelle Nienburg)

Welche Informationen muss der Notfallordner enthalten?

Flentje: Wir haben mit der Landwirtschaftskammer eine Vorlage mit zehn Rubriken entworfen. Eine ist zum Beispiel "Kontaktdaten": Da geh├Âren alle wichtigen Ansprechpartner und Telefonnummern hin. Wichtig sind auch Passw├Ârter: Heute sind ja PC, F├╝tterungs- und L├╝ftungsanlagen passwortgesch├╝tzt. Oder Schl├╝ssel: Wo finde ich die? Ein Lageplan vom Betrieb ist ebenfalls sehr hilfreich. Ganz entscheidend sind Beschreibungen der einzelnen Betriebsabl├Ąufe. Ich komme zum Beispiel aus der Sauenzucht, da habe ich im Notfallordner genau beschrieben, welche Ferkel ich wie und wann umstalle. Im Ackerbau muss man wissen, wo die Ackerschlagkartei zu finden ist. Dort kann man sehen, welche Fl├Ąchen zum Betrieb geh├Âren, was wo angebaut ist und was bereits an D├╝ngungs- und Bepflanzungsma├čnahmen erfolgt ist. F├╝r den Fall, dass jemand langfristig ausf├Ąllt, sind auch Informationen ├╝ber Vertr├Ąge wichtig: Pachtvertr├Ąge, Strom- oder Kartoffelabnahmevertr├Ąge. Einen ├ťberblick ├╝ber Versicherungen sollte man ebenfalls geben ÔÇô und auch wichtige Informationen ├╝ber die private Lage.

Inwiefern?

Flentje: Ein Beispiel: Das Betriebsleiter-Ehepaar f├Ąllt aus. Neben dem Betrieb gibt es auch Kinder, die betreut werden m├╝ssen und da ist auch noch Oma zu versorgen. Eine Aushilfe muss dann zum Beispiel wissen, welche Tabletten sie wann einnehmen muss, wohin die Kinder zur Schule oder in den Kindergarten gehen und so weiter.

N├╝tzt der Ordner auch au├čerhalb von Notf├Ąllen?

Flentje: Ja klar. Ich habe selbst einen landwirtschaftlichen Betrieb. Wir haben den Ordner einmal erstellt und ich habe ihn auch auf meinem PC gespeichert. Einmal im Jahr aktualisiere ich alles und drucke einige Sachen neu aus, weil sich zum Beispiel Ansprechpartner ge├Ąndert oder weil wir etwas im System umgestellt haben. Unser Sohn, der langsam in den Betrieb einsteigt, guckt da ├Âfter mal rein. Wenn ich nicht da bin, dann freut er sich, wenn er dort nachschlagen kann.

Wie lange dauert die Erstellung eines Notfallordners?

Flentje: Also, den hat ein Betriebsleiter nicht an einem Abend fertig. Es h├Ąngt nat├╝rlich von der Gr├Â├če des Betriebes ab. Die meisten brauchen so zwei bis drei Arbeitstage. Ist der Notfallordner einmal angelegt, muss er regelm├Ą├čig ├╝berarbeitet und aktualisiert werden.

Welche Unterst├╝tzung bietet die Landwirtschaftskammer an?

Flentje: Der Ordner mit Formularen, Merkbl├Ąttern und Vordrucken ist bei uns erh├Ąltlich. Ohne eine begleitende Beratung kann aber Folgendes passieren: Der Ordner wird mit den besten Vors├Ątzen gekauft und begonnen. Dann kommt die Aufschieberitis und der Ordner steht noch zwei Jahre sp├Ąter unfertig im Regal. Deshalb mein Tipp: Lassen Sie sich beraten. Fragen Sie bei Ihrer Landwirtschaftskammer oder beim Amt f├╝r Landentwicklung nach. Ich fahre meist mit den Listen und Vorlagen zum Betrieb und wir sprechen einmal alles durch. Dann vereinbaren wir einen zweiten Termin in sechs bis acht Wochen, um das Ergebnis durchzusehen und Fragen zu kl├Ąren. Der Termin hilft dranzubleiben und bis dahin alles auszuf├╝llen und aufzuschreiben.


Valeska Zepp

Das Interview f├╝hrte

Valeska Zepp
Freie Journalistin, Bonn
valeska@langeundzepp.de