Zeitschrift B&B Agrar

Vier Generationen auf einem Weingut

Erfolgsfaktoren fĂŒr einen Mehrgenerationenbetrieb

Mehrere Menschen auf einem AnhÀnger
Foto: Landwirtschaftsverlag Hessen

Alle mĂŒssen mit anpacken, damit es auf einem landwirtschaftlichen Betrieb rund lĂ€uft. Die Hahns aus Rhein-Hessen leben dieses Erfolgskonzept und wurden deshalb zur Agrar-Familie 2019 gewĂ€hlt. Das Betriebsleiterpaar gibt Einblick in den Alltag mit vier Generationen auf einem Weingut.

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Sie sind eine Winzerfamilie, ein Mehrgenerationenbetrieb und seit einem Jahr Deutschlands Agrar-Familie. Was hat es damit auf sich?

Christine Hahn: Über eine Anzeige in einer Zeitung sind wir letztes Jahr im Mai auf den bundesweiten Wettbewerb aufmerksam geworden. Wir haben uns die Teilnahmebedingungen durchgelesen und fanden, dass die Aktion ganz gut zu unserer Familie passt. Die Voraussetzungen waren: ein zukunftsorientiertes Betriebskonzept, soziales Engagement, Öffentlichkeitsarbeit, AktivitĂ€ten im Tourismus und im Mehrgenerationenbetrieb arbeiten.

Wie viele Generationen leben und arbeiten denn auf Ihrem Hof?

Stefan Hahn: Wir sind vier Generationen: Die Älteste in der Familie ist 95 und die JĂŒngste ist gerade ein paar Wochen alt.

Wer hat welche Rolle im Betrieb?

Christine Hahn: Selbst Ur-Oma Lilli hat mit ihren 95 Jahren noch ihre Aufgaben wie Kartoffeln schĂ€len, Salat putzen und WĂ€sche zusammenlegen. Wir JĂŒngeren haben so den Kopf frei fĂŒr unsere Aufgaben.
Stefan Hahn: Die zweite Generation, das sind meine Eltern: Senior-Chef Klaus und seine Frau Annerose. Er macht Kundenbetreuung, Ackerwirtschaft und ist als Allrounder unverzichtbar. Auch wenn er auf die 70 zugeht – an Ruhestand ist nicht zu denken. Meine Mutter betreut Kunden und richtet alles fĂŒr die Weinproben her. Sie dekoriert den Hof und sorgt fĂŒr das Ambiente. Und sie kĂŒmmert sich um alle hauswirtschaftlichen TĂ€tigkeiten.

Die dritte Generation, das sind dann Sie beide?

Christine Hahn: Genau. Stefan ist als Juniorchef Kern des Betriebs – auf ihn prasselt alles ein. Seine Schwerpunkte sind der Ausbau der Weine, die Kellerwirtschaft und natĂŒrlich auch die Betreuung der Kunden.
Stefan Hahn: Christine ist Quereinsteigerin seit zehn Jahren. Sie macht Kundenbetreuung und alle BĂŒroarbeiten, Akquise und Buchhaltung. Meine Geschwister arbeiten in anderen Berufen, wohnen aber in der NĂ€he. Sie und ihre Partner helfen am Wochenende und bei Festen.

Und die Kinder – helfen die auch schon mit?

Christine Hahn: Klar, wenn sie Lust haben. Sie sind ja noch jung. Wir haben drei Kinder und Stefans Bruder zwei. Sie spielen natĂŒrlich auf dem Hof und sind bei den Festen mit dabei. Tische abrĂ€umen, GlĂ€ser spĂŒlen, KĂŒhlschrĂ€nke auffĂŒllen – diese Aufgaben erledigen die Ă€lteren schon. Ob sie spĂ€ter den Hof mal ĂŒbernehmen, das steht noch in den Sternen.

Haben Sie auch Angestellte?

Stefan Hahn: Ja, momentan zwei. Einer ist unser Nachbar, der eine Lernbehinderung hat. Er war als Kind schon immer auf dem Hof und sein grĂ¶ĂŸter Wunsch war es, auf dem Weingut zu arbeiten. Wir haben ihm trotz seiner Lernbehinderung eine Ausbildung ermöglicht und ihn dann eingestellt. 

Wie lief der Wettbewerb "Deutschlands Agrar-Familie" ab?

Christine Hahn: Im Mai 2019 haben wir uns beworben und sind dann von Runde zu Runde weitergekommen, bis es hieß: Ihr seid unter den besten zwölf und steht im Finale. Dann wurde es spannend. Die Voting-Phase ging los. Von Mitte August bis Mitte September 2019 konnte jeder online abstimmen. Da war dann plötzlich ganz schön viel los: Wir waren im Fernsehen, in Radiosendungen und die Presse war da. In den sozialen Netzwerken war auch viel los. Das war alles Neuland fĂŒr uns und eine schöne Erfahrung.
Stefan Hahn: Aber irgendwann mussten wir auch mal sagen: Jetzt ist Schluss und uns wieder auf unsere Kernarbeit konzentrieren. Den Trauben ist es egal, ob wir im Fernsehen sind oder nicht. Wenn sie reif sind, sind sie reif und mĂŒssen gelesen werden.

Wie ging es dann mit der Online-Abstimmung weiter?

Christine Hahn: Bis zum Schluss wussten wir nicht, auf welchem Platz wir landen. Wir bekamen ein Viertel aller Stimmen und waren damit die Gewinner-Familie. Das war eine große Überraschung und eine große Ehre, weil wir ganz starke Konkurrenz hatten. Deutschlandweit gibt es viele andere Betriebe, die tolle Arbeit leisten.

Was hat sich seitdem fĂŒr Ihr Weingut und den Familienbetrieb verĂ€ndert?

Stefan Hahn: Wir waren vorher schon sehr eng miteinander verbunden und der Wettbewerb hat das noch verstĂ€rkt. Wir sind auch viel bekannter geworden und werden auf der Straße angesprochen. Die Bekanntheit hat sich auch im Betrieb bemerkbar gemacht. Es kommen mehr Kunden – auch von weiter weg. Und es kommen andere Landwirte, die sich unseren Betrieb ansehen wollen.

Was zeichnet Ihre Familie aus?

Christine Hahn: Wir sind eine eingeschworene Gemeinschaft. Alle schauen in die gleiche Richtung, selbst die Familienmitglieder, die nicht aktiv hier auf dem Hof arbeiten. Die Kommunikation ist gut bei uns. Wir haben eine Sitzecke im Hof eingerichtet. Da treffen wir uns wie andere in der KĂŒche und besprechen alles. Der Ort ist sehr wichtig. Die Kinder rennen herum und wir haben oft tolle GesprĂ€che.

Wie treffen Sie Entscheidungen fĂŒr den Betrieb?

Stefan Hahn: Wir besprechen etwas, diskutieren und dann treffen wir eine klare Entscheidung, bei der alle mitgehen können. Manchmal schlafen wir auch noch mal eine Nacht drĂŒber. AlleingĂ€nge gibt es nicht.

Inwiefern ist Ihr Weingut zukunftsorientiert und innovativ?

Christine Hahn: Wir wollen mit dem Trend gehen und unseren Kunden auch mal was Neues bieten. Dabei ist unser Leitsatz: Innovatives trifft auf AltbewĂ€hrtes. Ein Beispiel ist unser ‚Schoko Vino‘. Das ist ein Schokoladenwein, den es nur bei uns gibt. Stefan hat ihn entwickelt – es ist Rotwein mit natĂŒrlichen Schokoladenaromen.
Stefan Hahn: Mit der ganzen Familie haben wir so lange probiert, bis er rund war. Wir haben Brainstormings gemacht, um einen Namen zu finden und ein Etikett zu entwerfen. Dann haben wir unseren Schoko Vino auf den Markt gebracht. Er lĂ€uft super an – ein toller gemeinsamer Erfolg. 

Welche Vorteile und Herausforderungen bringt ein Mehrgenerationenhof?

Christine Hahn: Es hat viele Vorteile, wenn alle zusammen sind. Die gegenseitige UnterstĂŒtzung zum Beispiel bei der Kinderbetreuung oder beim Einkaufen. Aber es ist natĂŒrlich nicht alles einfach. Manchmal will man auch mal seine Ruhe haben. Wichtig ist, dass jeder seine eigenen vier WĂ€nde hat und die TĂŒr zumachen kann. Und wenn es Streitigkeiten gibt, dann reden wir darĂŒber.
Stefan Hahn: Wir versuchen alle Zwiste so zu lösen, dass wir abends guten Gewissens schlafen gehen können. Streits ĂŒber lĂ€ngere Zeit gibt’s eigentlich nicht: Wir versuchen alles schnell zu klĂ€ren und dann gehts am nĂ€chsten Tag ganz normal weiter.

Zu Ihrem Arbeitsalltag gehört auch Tourismus. Was bieten Sie an?

Christine Hahn: Wir organisieren Erlebnisweinproben und zeigen den GÀsten unsere Region. Wir fahren sie mit Planwagen durch die Weinberge und erklÀren, welcher Wein an welchem Rebstock wÀchst. Der Wein wird dann gleich vor Ort verkostet.

Das war bestimmt dieses Jahr aufgrund der Corona-Krise schwierig?

Christine Hahn: Ja, was die touristischen Angebote betrifft war das ein schwieriges Jahr. Jetzt dĂŒrfen wir wieder mit dem Planwagen fahren – aber nur mit wenigen Leuten und unter Einhaltung der Hygienevorschriften. Das ist dann etwas gehemmter als sonst. Aber immerhin dĂŒrfen wir wieder fahren.

Wie hat sich die Pandemie noch auf Ihren Betrieb ausgewirkt?

Stefan Hahn: Die Gastronomie ist ĂŒberall sehr stark eingebrochen. Da wir viele Gastwirtschaftsbetriebe beliefern und normalerweise deutschlandweit mit unserem Wein auf Festen unterwegs sind, hatten wir schon einige Einbußen.

Der Wettbewerb war mit einem Preisgeld verbunden – was haben Sie damit gemacht?

Christine Hahn: Wir haben einen grĂ¶ĂŸeren Betrag an die Kinderkardiologie der Uniklinik Heidelberg gespendet. Da gibt es einen persönlichen Bezug, unsere Tochter war dort eine Zeit lang stationĂ€r. Zum anderen wollen wir einen Ausflug mit allen zusammen machen.
Stefan Hahn: Dass wirklich alle ein paar Tage zusammen wegfahren, das kommt so gut wie nie vor. Leider hat uns Corona einen Strich durch die Rechnung gemacht. Aber wir holen das hoffentlich nÀchstes Jahr nach.

Agrar-Familie 2019 (eine Aktion des Netzwerks Agrarmedien)
Der Wettbewerb fĂ€llt dieses Jahr aufgrund der Corona-Pandemie aus. Die Veranstalter hoffen, dass er 2021 wieder stattfinden kann. 

Weingut Hahn
Der Familienbetrieb liegt in Rhein-Hessen zwischen Mainz und Worms und bietet neben dem Weinverkauf Planwagenfahrten und Weinproben an.


Valeska Zepp

Das Interview fĂŒhrte

Valeska Zepp
Freie Journalistin, Bonn
valeska@langeundzepp.de