Zeitschrift B&B Agrar

Verborgene Karriereanker

Beratungsinstrument zur beruflichen Entwicklung

Schematisches Bild Ballon am Anker
Foto: freshidea/stock.adobe.com

Was ist mir im Beruf wirklich wichtig? Worauf lege ich besonderen Wert? Was macht mich zufrieden? Mögliche Antworten auf diese Fragen liefert das Modell der Karriereanker – ein Beratungsinstrument zur Entdeckung unbewusster Motive beruflicher Entscheidungsprozesse.

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Das Konzept der Karriereanker wurde in den 1960er-Jahren von Edgar Schein, einem damaligen Professor fĂŒr Organisationspsychologie und Management am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge bei Boston, entwickelt. Seine Grundidee war, die "innere" und "Ă€ußere" Karriere voneinander zu unterscheiden. WĂ€hrend die "Ă€ußere Karriere" fĂŒr das Verfolgen eines klassischen Aufstiegspfades steht, der im Allgemeinen von Organisationen festgelegt und vorgegeben wird, bezeichnet die "innere Karriere" eine berufsorientierte PrĂ€ferenz, die sich aus den eigenen Talenten, FĂ€higkeiten, Werten und Motiven speist. Diese Vorstellung, die jemand von sich selbst in Zusammenhang mit dem eigenen beruflichen Werdegang entwickelt, entsteht schon vor der eigentlichen Berufswahl in jungen Jahren - eine Entwicklung, die sich unter dem Eindruck beruflicher Erfahrungen immer stĂ€rker herausbildet. Sind diese grundlegenden Motivationsstrukturen erst einmal ausgeprĂ€gt, Ă€ndern sie sich meistens nicht mehr, nur die Priorisierung innerhalb dieser Gesamtheit kann wechseln.

Selbstbild als Leitsystem

Der BegrĂŒnder weist in seinem Konzept darauf hin, dass dieses Selbstbild als Leitsystem dient und als Anker wirkt, der die Wahlmöglichkeiten begrenzt. "Der Mensch entwickelt ein GespĂŒr dafĂŒr, was 'seins' ist und was nicht. Dieses Selbstwissen hĂ€lt jemanden 'auf Kurs' oder im 'schĂŒtzenden Hafen'", wie Edgar Schein in seinem Handbuch erlĂ€utert (2005, S. 25). "Wenn Menschen sich auf ihre bisher getroffenen beruflichen Entscheidungen besinnen, erkennen sie immer wieder, dass sie zu Dingen zurĂŒckgezogen werden, von denen sie schon abgekommen waren. Sie ĂŒberlegen, was sie 'eigentlich' machen wollen, und versuchen so, sich 'selbst zu finden'". Allein schon diese zwei Passagen deuten an, weswegen der Anker als Metapher gewĂ€hlt worden ist: Ein vor Anker liegendes Schiff kann auf dem Wasser in die eine oder andere Richtung treiben, aber der in der Tiefe versunkene Anker begrenzt die Reichweite des Schiffs. WĂ€hrend die Karriereanker sich hinsichtlich dieser Reichweite als nachteilig erweisen, erfĂ€hrt der Einzelne gerade durch diese Begrenzung einen Schutz in Gestalt eines sicheren psychologischen "Hafens" - daher der Name: Anker.

Folgt man Scheins Gedanken, geht es also darum, eine berufliche Arbeit zu finden, die im Einklang mit den eigenen Kompetenzen, Werten und Neigungen steht. Eine Arbeit hingegen, die immer wieder in Konflikt mit eigenen Werten steht, die das Einbringen eigener Talente und FĂ€higkeiten verhindert und keinen Sinn darstellt, wird das körperliche und/ oder seelische Wohlbefinden beeintrĂ€chtigen. Sollte also dieses subjektive GefĂŒhl wahrgenommen werden, ist es höchste Zeit zu handeln. Der erste Schritt auf dem Weg zu einer stimmigen Arbeit wĂŒrde dann darin bestehen, sich ĂŒber die eigenen Karriereanker klar zu werden.

Persönliche Anker entdecken

Turnschuhe auf einer Straße mit der Beschriftung "Karriere" - Klick fĂŒhrt zu Großansicht im neuen Fenster
Eine Vorstellung hinsichtlich des eigenen beruflichen Werdegangs entsteht schon vor der eigentlichen Berufswahl. Foto: stockpics/ stock.adobe.com

Edgar Schein hat aus empirischen Langzeitstudien an Managerkarrieren mit Absolventen von MBA-Ausbildungen acht Karriereanker entwickelt, die im Folgenden kurz genannt und erlÀutert werden.

  • Fachliche Kompetenz: Menschen mit diesem Karriereanker trĂ€umen davon, in ihrem Beruf so gut zu sein, dass ihr fachlicher Rat immer wieder gefragt ist. Sie ziehen aus der Lösung komplexer Sachprobleme ihre SelbstbestĂ€tigung. Demzufolge wĂŒrden sie eher eine Arbeitsstelle kĂŒndigen, als eine Versetzung zu akzeptieren, die eine TĂ€tigkeit außerhalb ihres Fachgebietes mit sich bringt.
  • Managementorientierung: Menschen mit diesem Karriereanker ziehen es vor, die Arbeit anderer Menschen zu koordinieren und zu integrieren. Sie trĂ€umen davon, in komplexen Systemen Entscheidungen zu treffen. Ihr Karriereziel ist erreicht, wenn sie nach einem Aufstieg in der Hierarchie in einer Funktion stehen, die es ihnen erlaubt, möglichst viel gestalten und beeinflussen zu können.
  • Autonomie/ UnabhĂ€ngigkeit: Menschen mit diesem Karriereanker trĂ€umen davon, ihre Arbeit so durchfĂŒhren und ihre Zeit so einteilen zu können, wie sie es selbst fĂŒr richtig halten. Sie ziehen es vor, bei der Arbeit ihren eigenen Regeln, BewertungsmaßstĂ€ben und ihrem Arbeitsrhythmus zu folgen. Ob ein Schritt auf der Karriereleiter nach oben infrage kĂ€me, hĂ€ngt fĂŒr gewöhnlich davon ab, ob die Beförderung ihnen mehr oder weniger Autonomie beschert. Nicht selten finden sich diese "Freigeister" in einer freiberuflichen oder selbststĂ€ndigen Arbeit wieder.
  • Sicherheit/ StabilitĂ€t: Menschen mit diesem Karriereanker trĂ€umen von einer beruflichen TĂ€tigkeit, die ihnen das GefĂŒhl der BestĂ€ndigkeit vermitteln kann. Sie schĂ€tzen die finanzielle Sicherheit und die Voraussehbarkeit beruflicher Anforderungen. Das GefĂŒhl, zu einer Firma dazuzugehören, ist ihnen besonders wichtig. Sie vermeiden berufliche Entscheidungen, die mit einem Risiko verbunden sein könnten.
  • Unternehmerische Orientierung: Menschen mit diesem Karriereanker trĂ€umen davon, ihre eigene Firma zu grĂŒnden. Wenn sie Ideen entwickeln, Produkte, Dienstleistungen oder Technologien verkaufen, sind sie in ihrem Element. Dabei scheuen sie nicht, auch Risiken einzugehen. Sie empfinden ihre berufliche Entwicklung erst dann als erfolgreich, wenn sie etwas geschaffen oder erbaut haben, das sich ganz allein mit ihrem Namen verbinden lĂ€sst. Befinden sich diese Menschen in einem AngestelltenverhĂ€ltnis, wollen sie fĂŒr gewöhnlich ihren Bereich selbststĂ€ndig fĂŒhren und die alleinige Verantwortung fĂŒr das Personal und Budget tragen.
  • Dienst und Hingabe: Menschen mit diesem Karriereanker trĂ€umen davon, einen Beitrag zum Wohlergehen der Gesellschaft zu leisten. Demzufolge finden sie ihre BerufstĂ€tigkeit als zufrieden, wenn sie ihre FĂ€higkeiten fĂŒr andere Menschen einsetzen können. Ein möglicher Karriereschritt kommt nur dann infrage, wenn er mit dieser persönlichen Sinn- und Werteorientierung ĂŒbereinstimmt. 
  • Herausforderung: Menschen mit diesem Karriereanker trĂ€umen von einer Arbeit, bei der sie Situationen meistern können, die eine echte Herausforderung darstellen. Demzufolge sind sie mit ihrer beruflichen Entwicklung nur zufrieden, wenn sie das Unmögliche möglich machen können. Sie wollen nicht in Routine versauern, sondern brauchen stĂ€ndig neue Impulse. Ein spezielles Arbeitsgebiet ist fĂŒr sie dabei zweitrangig. Was zĂ€hlt, ist einzig und allein, Probleme in den Griff zu bekommen, die andere fĂŒr unlösbar halten.
  • Integration des eigenen Lebensstils: Menschen mit diesem Karriereanker trĂ€umen von einer Arbeit, die es ihnen ermöglicht, ihr Privat- und Arbeitsleben in Einklang zu bringen. Diesen Wunsch nach einer Work-Life-Balance wĂŒrden sie durch einen möglichen Karriereschritt nicht gefĂ€hrden. Potenzielle VerĂ€nderungen werden immer dahingehend geprĂŒft.

Die meisten Menschen lassen sich nach Schein anhand der oben genannten acht Typen von Karriereankern einordnen. Jeder soll nun fĂŒr sich selbst herausfinden, was seine eigene berufliche IdentitĂ€t ausmacht und wie er diese in Einklang mit der Arbeitswelt bringen kann. Dabei kann die Gewissheit, dass keine guten oder schlechten Karriereanker existieren, sehr beruhigend sein.

Einsatz in der Beratung

Berater im GesprĂ€ch - Klick fĂŒhrt zu Großansicht im neuen Fenster
Im GesprĂ€ch mit dem Berater können die vergangenen, gegenwĂ€rtigen und zukĂŒnftigen Themen einer beruflichen Laufbahn beleuchtet werden. Foto: Jeanette Dietl/ stock.adobe.com

Soll ich das Unternehmen wechseln oder lieber den alten Job behalten? Soll ich eine Fach- oder FĂŒhrungskarriere anstreben? Wer sich mit solchen oder Ă€hnlichen Fragen auseinandersetzt und nach langem Hin und Her keine befriedigende Antwort darauf findet, sucht nicht selten eine Beratung auf. Der Weg aus dieser Ambivalenz kann ĂŒber die Analyse der individuellen Karriereanker fĂŒhren. DafĂŒr hat Schein einen Fragebogen entwickelt, der zunĂ€chst vom Ratsuchenden auszufĂŒllen ist.

Dieser Einstieg in eine Beratung kann aus zwei GrĂŒnden hilfreich sein: Zum einen werden die beruflich relevanten Informationen vom Ratsuchenden selbst erhoben, nicht vom Berater. Dies kann auf der Beziehungsebene die Botschaft vermitteln, dass sich beide im GesprĂ€ch auf Augenhöhe begegnen. Zum anderen kommt es im Idealfall durch das Studium des Fragebogens zu einem reflexiven Prozess, der erkennen lĂ€sst, wie gewichtig die einzelnen, vorher latenten Karriereanker in der persönlichen Motivationsstruktur des Ratsuchenden sind.

ErgĂ€nzend zu dieser ersten SelbsteinschĂ€tzung kann ein Berater mit dem Ratsuchenden ein strukturiertes Interview fĂŒhren, das die vergangenen, gegenwĂ€rtigen und zukĂŒnftigen Themen einer beruflichen Laufbahn beleuchtet. Mit dem leitfadengestĂŒtzten biografischen Interview, das ebenfalls auf einem von Schein entwickelten Analysetool basiert, wird der Versuch unternommen, die Muster, die den bisherigen Entscheidungen zugrunde lagen, herauszufiltern und klar zu benennen. Mit anderen Worten: Das Interview soll den Ratsuchenden dabei unterstĂŒtzen, jene Einflussfaktoren zu entdecken, die seine berufliche Karriere unbewusst bestimmen. Denn wer sich erst mal im Klaren darĂŒber ist, welche Karriereanker niemals auf der Strecke bleiben dĂŒrfen, kann beispielsweise auch entscheiden, ob er das Unternehmen wechseln soll oder nicht beziehungsweise ob fĂŒr ihn eher eine Fach- oder FĂŒhrungskarriere infrage kommt.

Lebensaufgabe

ErfahrungsgemĂ€ĂŸ können auf einen Menschen bis zu drei Karriereanker passen. Dabei kann es auch vorkommen, dass sie in Konkurrenz zueinander stehen - zum Beispiel: Jemand trĂ€umt davon, seine Arbeit so durchfĂŒhren und seine Zeit so einteilen zu können, wie er es selbst fĂŒr richtig hĂ€lt, möchte aber trotzdem ein geregeltes Einkommen beziehen. Diese Kombination kann sich als Ă€ußerst schwierig erweisen, wenn sich herausstellt, dass der Arbeitsmarkt kein entsprechendes Angebot offeriert. In solchen kniffligen Situationen empfiehlt der BegrĂŒnder des Modells, einen "Trick" anzuwenden: Der Ratsuchende möge sich die potenziell zukĂŒnftige Berufssituation so vorstellen, dass sie zu einer Entweder-oder-Wahl zwingt. Auf diesem Weg kann er herausfinden, was er unter keinen UmstĂ€nden aufgeben wĂŒrde - das ist sein eigentlicher Karriereanker. Im Idealfall finden Menschen so zu ihrem Traumjob. Und wer erst einmal dort angekommen ist, also eine Arbeitsstelle bekleidet, die seiner Motivationsstruktur entspricht, kann auch stressige Zeiten gut regulieren.

Die Auseinandersetzung mit dem Modell der Karriereanker soll Schein zufolge keine "Einmal-Veranstaltung" sein, im Gegenteil: In Zeiten des stetigen Wandels plĂ€diert er dafĂŒr, es sich zur Lebensaufgabe zu machen, sich immer wieder selbst zu beobachten und aus den Wahrnehmungen die entsprechenden SchlĂŒsse zu ziehen - zum Beispiel: Stimmt die aktuelle TĂ€tigkeit noch mit den persönlichen Karriereankern ĂŒberein? Oder muss sie umstrukturiert werden, damit sie auch weiterhin als befriedigend erlebt werden kann? Ist zum Erhalt der eigenen Kompetenz der Besuch von Seminaren notwendig? Oder gibt es Schritte, die man partout vermeiden sollte? Wer sich dieser Lebensaufgabe stellt, wird zum Karriereberater in eigener Sache und nimmt seine berufliche Entwicklung selbst in die Hand. Er wird im besten Sinne zum "TĂ€ter", nicht "Opfer" der UmstĂ€nde.


Literatur

Schein, E. H. (2005): Karriereanker. Die verborgenen Muster in Ihrer beruflichen Entwicklung. Lanzenberger/ Looss/ Stadelmann Verlags GmbH, Darmstadt.


Stand: 04.01.2018

Der Autor

Foto des Autors

Michael Kluge
Ausbilder-Coach (IHK/EASC), Personaltrainer und Buchautor, Pattensen
info@kluge-kompetenzen.de