Zeitschrift B&B Agrar

Regionales Lernen 21+

Konzept mit Potenzial f├╝r die Berufsbildung?

Jugendliche im Kuhstall
┬ę Matthias Niehues, Ruba e. V.

Regionales Lernen 21+ verbindet Lernprozesse mit der Region, indem es au├čerschulische Lernphasen, regionale Orte und Menschen themenbezogen miteinander verkn├╝pft.

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Regionales Lernen 21+ ist ein Bildungskonzept, welches an der Universit├Ąt Vechta entwickelt wurde. Es l├Ąsst die Region in Lernprozessen bildungswirksam werden. Ausgehend von dem Konzept der Bildung f├╝r nachhaltige Entwicklung (BNE) sowie den ├ťberlegungen und Praxiserfahrungen zum Regionalen Lernen nach Salzmann steht es f├╝r au├čerschulisches, handlungsorientiertes Lernen im Nahraum. Zentral ist jeweils die originale Begegnung mit dem Lerngegenstand. Wesentliche Grundlagen f├╝r lebenslanges Lernen in der Region werden zum Beispiel durch Prim├Ąrerfahrungen gelegt.

Evaluationen mit Schulklassen allgemeinbildender weiterf├╝hrender Schulen zeigen, dass Regionales Lernen 21+ die Entwicklung der Handlungs- und Gestaltungskompetenz, vernetztes Denken sowie die regionale Identit├Ąt f├Ârdert. Charakteristisch f├╝r die Lernprozesse ist der Zugang ├╝ber und die Vernetzung von verschiedenen thematisch-inhaltlichen Perspektiven wie zum Beispiel die geografische, die ├Âkologische, die ├Âkonomische, die sozio-kulturelle und die naturwissenschaftlich-technische. Erfahrungs- und erlebnisorientiert angelegt weckt es Neugier und Interesse der Sch├╝lerinnen und Sch├╝ler. Damit wirkt es als Ausgangspunkt f├╝r die Entwicklung von pers├Ânlichen Vorstellungen und Werten. Regionales Lernen 21+ ist angelegt als integrativer Bestandteil einer nachhaltigen Regionalentwicklung.

Praxistransfer

Im Rahmen eines umfangreichen Praxistransfers vor Ort im Landkreis Vechta und bei anderen regionalen Bildungstr├Ągern wird das Bildungskonzept verwendet. Anwendungsbereiche sind beispielsweise die Bauernhofp├Ądagogik, die Berufsorientierung, die Umweltbildung sowie Nachmittagsangebote in Ganztagsschulen. Besonderes Potenzial wird in der Ganztagsschulentwicklung gesehen, die ausreichend Raum und Zeit bietet f├╝r die umfangreiche Nutzung der Region als Lernort. Exemplarisch, erfahrungs- und erlebnisorientiert k├Ânnen Verkn├╝pfungen zum Unterricht geschaffen und Inhalte vertieft werden.  Viele Orte des regionalen Kultur-, Natur-, Wirtschafts- und Siedlungsraums er├Âffnen M├Âglichkeiten f├╝r Prim├Ąrerfahrungen und eine vertiefte thematische Auseinandersetzung im schulischen Kontext: Rath├Ąuser, W├Ąlder, Flussauen, agrarisch genutzte Fl├Ąchen, Parks ebenso wie Wirtschaftsunternehmen oder Museen. Zusammen mit den an diesen Orten agierenden Menschen als Experten entstehen Lernsettings, die auf Sch├╝lerinnen und Sch├╝ler authentisch und motivierend wirken. Realit├Ątsnahe Einblicke in Prozesse und Entwicklungen werden m├Âglich. Zielgerichtet und planvoll eingebunden in ein Gesamtkonzept entstehen praxisorientierte, au├čerschulische Beitr├Ąge f├╝r den Unterricht. Es wird ein enger Bezug zu den Kerncurricula der F├Ącher sowie eine fach├╝bergreifende Umsetzung im Rahmen schulischer Projekttage, Projektwochen und anderem mehr gesucht.

"Die Welt zu Gast in ..."

Ein Umsetzungsbeispiel ist das Ganztagsmodul "Die Welt zu Gast in...". Es zeigt Sch├╝lerinnen und Sch├╝lern der Klassenstufe 9/10 Globalisierungsprozesse in ihrer Stadt auf und bietet Raum diese eigenst├Ąndig zu erkunden (Duda, 2014). Der Inhalt des Moduls ist auf ein Schulhalbjahr ausgelegt und weist einen direkten Bezug zum Lehrplan auf. Es betont regionale Besonderheiten, indem es ausgew├Ąhlte regionale Orte und Akteure einbindet und mit der Schule vernetzt. Die Sch├╝lerinnen und Sch├╝ler erarbeiten und vertiefen unterschiedliche Themenbereiche der Globalisierung, die bereits im Unterricht behandelt wurden. Sie festigen und erweitern ihre Kenntnisse und Kompetenzen praxisorientiert, indem sie Wirtschafts- und Handelsunternehmen erkunden, globale Verflechtungen ihrer Heimatregion analysieren, ihren pers├Ânlichen Konsum in Bezug setzen oder ausl├Ąndische Mitb├╝rger befragen. Die Teilnehmenden gewinnen dadurch zus├Ątzliches Fachwissen, methodische Kenntnisse, Kommunikations- und Bewertungskompetenzen. Besonders interessant sind die zudem gef├Ârderten Kompetenzbereiche "Vernetztes Denken" und "Regionale Identit├Ąt".

Ein Beitrag zu BNE

Der Bildungsdiskurs der vergangenen Jahre war stark von der Ausrichtung auf die Bildung f├╝r nachhaltige Entwicklung gepr├Ągt. Auch Sch├╝lerinnen und Sch├╝ler sollen im Unterricht Kompetenzen erwerben, im gesellschaftlichen Bem├╝hen um nachhaltige Entwicklung teilzuhaben. Dass das Regionale Lernen 21+ ein geeignetes Element hierzu ist, wurde 2014 durch die Auszeichnung als ÔÇ×offizielle Ma├čnahme der Weltdekade Bildung f├╝r nachhaltige Entwicklung (BNE)" deutlich. Es ist somit Bestandteil des Nationalen Aktionsplans. Die Weltdekade f├╝r BNE wurde f├╝r die Jahre 2005 bis 2014 von den Vereinten Nationen ausgerufen. Die UNESCO koordinierte weltweit die Projekte und Ma├čnahmen der Dekade. Im Gegensatz zu zahlreichen, eher lokal ausgerichteten Dekade-Projekten, von denen es rund 1.800 gibt, wurden deutschlandweit nur 49 Vorhaben als Ma├čnahmen ausgezeichnet. ÔÇ×Dekade-Ma├čnahmen sind Leuchtt├╝rme der Bildung f├╝r nachhaltige EntwicklungÔÇť, so Prof. Gerhard de Haan, Vorsitzender des Nationalkomitees der UN-Dekade, im Rahmen der Preisverleihung im April 2014. ÔÇ×Sie haben ├╝berregionale Strahlkraft und leisten einen ganz besonderen Beitrag zur systematischen Verankerung des Konzepts BNE im deutschen BildungswesenÔÇť.

Berufsorientierung

Jugendliche auf einem Spargelfeld
Das Lernsetting Spargelfeld erm├Âglicht den Sch├╝lerinnen und Sch├╝lern realit├Ątsnahe Einblicke in landwirtschaftliche Produktionsprozesse. ┬ę Gabriele Diersen

Welche Potenziale bietet das Bildungskonzept f├╝r die Berufsbildung in der Agrarwirtschaft? Berufliche Bildung, verstanden als gro├če Klammer um die Vermittlung theoretischen und praktischen Wissens zur Aus├╝bung eines Berufs, umfasst auch die Berufsorientierung im schulischen Kontext. Hier sind bereits Ans├Ątze zum Regionalen Lernen 21+ untersucht worden. Im Bildungsmodul ÔÇ×Expedition BerufsweltÔÇť finden Sch├╝lerinnen und Sch├╝ler der Klassenstufe 9 im Unterricht ein 60-st├╝ndiges Modul als Praxisphase (Diersen, Duda, Flath, 2015). Bereits seit zehn Jahren erfahren Jugendliche in diesem Modellvorhaben dadurch eine Unterst├╝tzung, die im Kern Erkundungen von Unternehmen vor Ort vorsieht. Die Teilnehmenden bereiten in kleinen Gruppen (zehn bis 15 Jugendliche) die Erkundungen vor und f├╝hren sie handlungsorientiert durch. Reflexionsphasen erm├Âglichen kontinuierlich den Abgleich mit ihren Vorstellungen, W├╝nschen und pers├Ânlichen Gestaltungsm├Âglichkeiten. In der Region Vechta spielt dabei auch die Agrar- und Ern├Ąhrungswirtschaft aufgrund eines regionalen Wirtschaftsschwerpunkts in diesem Bereich eine sehr gro├če Rolle.

Auch in weiteren Schulprojekten und Tageserkundungen spielen berufsorientierende Aspekte eine Rolle. So werden Unternehmen der Agrar- und Ern├Ąhrungswirtschaft im Fach ÔÇ×Arbeit und WirtschaftÔÇť besucht und f├Ącher├╝bergreifende Projekte und Erkundungen im Themenbereich Landwirtschaft, Ern├Ąhrung und Nachhaltigkeit durchgef├╝hrt. Hier spielt vonseiten der Agrarwirtschaft auch der Gedanke der Kommunikation zwischen Erzeugern und Konsumentinnen und Konsumenten eine bedeutende Rolle.

Projekte wie ÔÇ×Transparenz schaffen ÔÇô von der Ladentheke bis zum ErzeugerÔÇť in Bremen und Niedersachsen wirken an dieser Schnittstelle und f├Ârdern insbesondere die Zusammenarbeit mit Schulen in der Regel durch Erkundungen auf landwirtschaftlichen Betrieben. In vielen F├Ąllen wird der Ansatz des Regionalen Lernens wirksam. Die Initiative hat einen Ursprung in der Zusammenarbeit zwischen berufsbildenden Schulen und Agrar- und Ern├Ąhrungswirtschaft. Als Ankn├╝pfungspunkt dient die im Unterricht vorgesehene Pr├Ąsentation des Ausbildungsbetriebes. Unter Nutzung der geschilderten handlungsorientierten Vorgehensweise findet diese statt.

Originale Begegnung

Auch in weiteren Bereichen der beruflichen Ausbildung kann die originale Begegnung, ein erlebnis- und erfahrungsorientierter Lernprozess an Orten der Region, sinnvoll und erfolgreich umgesetzt werden. Die ├╝berbetrieblichen Ausbildungszentren sind ein Beispiel hierf├╝r. Sie stellen Ausschnitte des Arbeitsfeldes bereit, so dass Auszubildende praktische ├ťbungen durchf├╝hren und sich mit Ger├Ąten und Methoden vertraut machen k├Ânnen.  Das Regionale Lernen 21+ hingegen sucht den origin├Ąren Bezug wie das Gespr├Ąch mit der Praxis oder authentische Einblicke. Um diesen Zugang zu nutzen, w├Ąren auch im Unterricht berufsbildender Schulen Projekte und Erkundungen auf Basis des Bildungskonzepts Regionales Lernen 21+ denkbar. Zum Beispiel k├Ânnten neue Entwicklungen wie das Leitbild der Bio├Âkonomie mit entsprechenden Praxisbeispielen in Unternehmen eigenst├Ąndig durch Sch├╝lerinnen und Sch├╝ler erkundet werden. Auszubildende w├╝rden dadurch unterst├╝tzt, sich f├╝r Fragen der Zukunft und ihre L├Âsungen zu interessieren und hieran mitzuwirken. Um diese Thesen zu ├╝berpr├╝fen, gilt es potenzielle Lernorte zu identifizieren, Lernsequenzen zu entwickeln sowie diese zu evaluieren.

Stand: 01.04.2017