Zeitschrift B&B Agrar

Neue Rollen f√ľr Berater

Trends erkennen und umsetzen

Menschenhand und Roboterhand
Foto: zapp2photo/stock.adobe.com

Die aufkommenden Ver√§nderungen besch√§ftigen landwirtschaftliche Beratungskr√§fte europaweit. Das zeigte die rege Beteiligung an zwei interaktiven Workshops im Rahmen der IALB-Tagung in Ungarn. Fast 70 Berater und Beraterinnen aus √ľber 20 Nationen diskutierten √ľber ein neues Rollenverst√§ndnis.

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Der Einstieg ins Thema erfolgte mittels drei Fragen zu verschiedenen Aspekten der Entwicklung der Beraterrolle. Die Beantwortung dieser Fragen geschah zuerst nonverbal nur √ľber Positionierung im Raum zwischen "Ja auf jeden Fall" bis "Nein √ľberhaupt nicht" und l√∂ste sogleich rege Diskussionen aus. Es zeigte sich sehr schnell - und auch r√§umlich gut sichtbar, dass es unter den Teilnehmenden ganz unterschiedliche Einsch√§tzungen und Perspektiven in Bezug auf Beraterrollen gibt. Ebenso existiert ein gro√ües Spektrum an Vorstellungen davon, wie sich der Aufgabenbereich der l√§ndlichen Beratungskr√§fte entwickeln wird.

Nach einer kurzen Einf√ľhrung zu den f√ľnf Megatrends Digitalisierung, Umweltschutz, Tierwohl, Diversifizierung und Privatisierung ging es bei der anschlie√üenden Diskussion in Kleingruppen darum, diese Trends vertieft zu diskutieren. Die Teilnehmenden lenkten den Blick darauf, wie sich die Trends auf die Arbeit und Rolle des Beratenden auswirken, welche L√∂sungsans√§tze es (bereits) gibt und welche Qualifikationen zuk√ľnftige Beratende haben m√ľssen, um bestehen zu k√∂nnen. Trotz enormer Diversit√§t der Situationen in den vertretenen L√§ndern wurde klar, dass diese Trends die Rolle der Beratenden europaweit beeinflussen, wenn auch l√§nderspezifisch in unterschiedlicher Art und Intensit√§t.

Die Ergebnisse des Workshops sind vielfältig - thematisch gesehen, aber auch in Form gestärkter Beziehungen und Diskussionen, die in den Gängen und (hoffentlich) der digitalen Welt nachhallen werden.

Aussichten und Ansichten

Wird sich die Beraterrolle √§ndern? Generell herrschte das Gef√ľhl vor, dass es sicher eine gr√∂√üere Ver√§nderung der Beraterrolle geben wird, verbunden mit neuen Aufgaben - vor allem getrieben von der Digitalisierung. Gleichzeitig vertraten einige Beraterkollegen die Meinung, dass sich die Rolle an sich nicht √§ndern wird - die Aufgabe ist und bleibt, Landwirten Unterst√ľtzung bei der Entscheidungsfindung zu geben und ihnen bei der L√∂sung von Problemen zu helfen. √Ąndern werden sich lediglich die Themen und die Form, wie die Beratung stattfinden wird - n√§mlich angepasst an die neuen technischen/ digitalen M√∂glichkeiten.

Sind Fachberaterinnen und Fachberater (zum Beispiel Pflanzenbauer, Tierspezialisten oder Betriebswirte) in Zukunft noch n√∂tig? Die gro√üe Mehrheit der Teilnehmenden war sich einig, dass Expertise nach wie vor wichtig sein wird, dass man als Berater aktuell informiert sein und aktuelle Trends im Blick haben muss. Die Informationssuche und -vermittlung wird aber digital immer professioneller unterst√ľtzt werden, sodass die Mittlerrolle und die Prozessberatungsrolle wichtiger werden wird (information broker). Es wird also immer noch Fachberaterinnen und Fachberater geben, aber vermutlich eher in der Privatberatung. F√ľr neutrale staatliche oder staatlich getragene Beratungskr√§fte gilt es, den Kontakt zu privaten Beratungskollegen und -kolleginnen zu halten und in der eigenen Fachdisziplin Vernetzungsm√∂glichkeiten zu nutzen oder auch selbst anzubieten.

Macht den Beratungskr√§ften die Entwicklung Angst? Zum einen wurde Besorgnis ge√§u√üert, dass sich die Arbeitsbedingungen der Beratenden durch Privatisierung, Mittelk√ľrzungen, schwindende Neutralit√§t und Entgrenzung sowie Flexibilisierung (Stichwort konstante Verf√ľgbarkeit) verschlechtern werden. Zum anderen gab es auch sehr gro√üe Zuversicht, weil Ver√§nderungen immer mit Chancen verbunden sind und Ver√§nderung das Hauptbusiness der Beratung ist. Wer damit nicht umgehen kann, sollte nicht als Beratungskraft t√§tig sein.

Trend-Erforschung

Pinnwand mit den Ergebnissen
Die Teilnehmenden haben ihre abschließenden Erkenntnisse in Form von Kurzstatements auf Karten festgehalten.

F√ľnf Megatrends und einige durch die Teilnehmenden erg√§nzte Trends wurden in Kleingruppen diskutiert. So wurde zum Beispiel bei der Diversifizierung wie auch bei der Innovationsberatung festgehalten, dass diese Themen immer komplexe Fragestellungen mit sich bringen und eine professionelle Auseinandersetzung damit erfordern. Eine entsprechende Qualifizierung im Coaching und in der Prozessberatung liefert daf√ľr die Grundlage.

Die Beratung kann im Rahmen einer klassischen Unternehmensberatung (Diversifizierung) erfolgen. Beim Thema Innovation k√∂nnen erg√§nzend verschiedene andere Rollen f√ľr Beratungskr√§fte notwendig werden, zum Beispiel Prozessbegleiter, Impuls- oder Ideengeber, Experte, Vernetzer und Kontakthersteller.

Die Digitalisierung bringt einen hohen Fortbildungsbedarf auf Beraterseite mit sich. Durch Vernetzung auf europ√§ischer Ebene lassen sich hohe Programmierkosten einsparen, wenn gute Tools von anderen Beratungsdiensten √ľbernommen werden k√∂nnen.

In der Untergruppe Privatisierung fanden sich einige F√ľhrungskr√§fte, die unter anderem zu dem Schluss kamen, dass ‚Äď falls die Privatisierung noch weiter voranschreitet ‚Äď der Staat mit den privaten Beratenden zusammenarbeiten sollte, um einen gemeinsamen Weg zu finden, nicht an den gesellschaftlichen Themen vorbei zu beraten.

Bei den gesellschaftlichen Themen Tierwohl und Umweltschutz/ Ressourcenschutz war die Quintessenz, dass Landwirtinnen und Landwirte das Heft selbst in die Hand nehmen m√ľssen. Die Beraterrolle liegt darin, f√ľr die Balance zwischen den Interessen der √Ėkologie und √Ėkonomie zu sorgen und dabei vermittelnd, motivierend und unterst√ľtzend in der Kommunikation zu wirken.

Das Thema Nachfolge und Neueinsteiger wurde von den Teilnehmenden als Trend mit eingebracht und bearbeitet. Sowohl in der Landwirtschaft als auch bei den Beratungsdiensten ist die Nachwuchsarbeit ein wichtiges Thema. Gerade bei der Hofnachfolge ist die Unterst√ľtzung von Beraterseite wichtig, um einen guten √úbergang des Hofes auf die n√§chste Generation zu erm√∂glichen.

"Analoge" Tweets

Gegen Ende des Workshops wurden die Teilnehmenden angeregt, ihre abschließenden Erkenntnisse in Form von Kurzstatements auf Karten festzuhalten. Aufgrund dieser "analogen" Tweets stellten Thomas Mirsch und Barry Caslin am nächsten Tag im Plenum den gut 300 Konferenzteilnehmern und -teilnehmerinnen die Kernbotschaften vor. Wesentliche Schlussfolgerungen daraus:

  • Beratung ist als Prozessberatung zu verstehen.
  • Diversifizierung ist Innovation und Entwicklungsbegleitung zugleich.
  • Beratung und Bildung ist als Paket wahrzunehmen, um Perspektiven zu √∂ffnen.
  • Neben zunehmender Nutzung der digitalen Beratung prim√§r in der Fachberatung braucht es auch analoge Beratung insbesondere in der Prozessberatung.
  • Der Berater kann auch Innovationsberater sein.
  • Vernetzung auf allen Ebenen wird immer wichtiger.
  • Der Erfahrungsaustausch muss gef√∂rdert und Prozesse begleitet werden.

Die angeregten Diskussionen verstummten nicht mit dem Ende des Workshops. So zeigte sich ein weiteres Mal, dass interaktive Workshop-Formate nachhaltige Spuren in einer Konferenz-Gesellschaft hinterlassen - in Form von gemeinsamen Themen, vertieften Beziehungen und geteilten Erkenntnissen. Und - der eine oder andere "analoge" Tweet hat es vielleicht auch ins Digitale und somit in die weite Welt geschafft.

Die Autoren


Pablo Asensio

Pablo Asensio

Amt f√ľr Ern√§hrung, Landwirtschaft und Forsten, Landshut
pablo.asensio@aelf-la.bayern.de


olivia.hartmann@agridea.ch

Olivia Hartmann

AGRIDEA, Lindau, Schweiz
olivia.hartmann@agridea.ch


Thomas Mirsch

Thomas Mirsch

Staatliche F√ľhrungsakademie f√ľr Ern√§hrung, Landwirtschaft und Forsten, Landshut
Thomas.Mirsch@fueak.bayern.de