Zeitschrift B&B Agrar

Neue Kommunikationsräume

Gute Umgangsformen sind auch im Internet wichtig

Stilisierte Sprechblasen
Foto: elaborah/stock.adobe.com

Der digitale Wandel verändert auch die zwischenmenschliche Kommunikation. Chatten, twittern, posten, bloggen, mailen – die Welt der internetbasierten Kommunikation ist bunt und innovativ, aber mit Vorsicht zu genießen.

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Neue digitale Kommunikationswege machen es leichter, sich beruflich und privat auszutauschen, Kontakt mit anderen aufzunehmen, in Verbindung zu bleiben, eigene Anliegen und Informationen zu transportieren – über Postings in Blogs, Videos auf YouTube, ein Profil bei Facebook, Instagram und Twitter oder über Text-, Video-, und Audionachrichten mit kostenlosen Messengerdiensten wie WhatsApp. Auch junge Landwirtinnen und Landwirte machen sich zunehmend das Internet zunutze und berichten beispielsweise auf Portalen oder in einem eigenen Blog von ihrem Leben und der Arbeit auf einem landwirtschaftlichen Betrieb. Wie Agrarblogger Ingmar Jaschok thematisieren sie aber auch gesellschaftliche Fragen und Probleme, die sie als Landwirte beschäftigen. (s. Interview).

Ingmar Jaschok

Interview: Bauern-Blogs

Immer mehr Landwirtinnen und Landwirte wagen den Schritt in die sozialen Medien. Dabei ist ihr Arbeitsalltag zeitlich schwer mit dem eines Bloggers vereinbar.

Zum Interview

Im Netz präsent

Grundsätzlich sind immer mehr Menschen online. Laut ARD/ZDF-Onlinestudie 2018 liegt der Anteil in der deutschsprachigen Bevölkerung erstmals über 90 Prozent. Auch die tägliche Nutzungszeit im Internet steigt weiter. Sie liegt jetzt bei 196 Minuten (3:16 Stunden), rund anderthalb Stunden (87 Minuten) werden mit Individualkommunikation verbracht, die in vielen Fällen auf Chatdiensten wie WhatsApp basiert.

Soziale Medien sind einer der wichtigsten Wachstumstreiber für das Internet und erreichen breite Bevölkerungsschichten. Von vergleichsweise jungen Netzwerken wie Snapchat oder TikTok, über Social-Business-Portale wie LinkedIn oder Xing bis hin zu etablierten Plattformen wie Instagram oder Facebook reicht das Angebot. Ein Leben ohne Social Media können sich viele laut einer Anfang 2018 veröffentlichten Studie des IT-Verbands Bitkom nicht mehr vorstellen (s. Abbildung). 87 Prozent der Befragten sind in sozialen Netzwerken unterwegs, von den 14- bis 29-Jährigen nutzen 98 Prozent Social Media. Im Durchschnitt ist jeder Nutzer bei drei sozialen Netzwerken angemeldet, bei den 14- bis 29-Jährigen sind es im Schnitt sogar fünf Netzwerke. Der Trend zu mehr Präsenz in sozialen Medien insgesamt setzt sich fort.

Grafik: Ein Leben ohne Social Media ist für jeden Dritten unvorstellbar. Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster
Quelle: Bitkom Research

Das Smartphone ist dabei inzwischen der wichtigste Zugang zu den sozialen Netzwerken: Laut Bitkom greifen mittlerweile acht von zehn Social-Media-Nutzern (82 Prozent) so auf die Plattformen zu. Die Entwicklung der sozialen Netzwerke ist noch lange nicht am Ende, betont Bitkom-Hauptgeschäftsführer Dr. Bernhard Rohleder "Die Echtzeitkommunikation wird durch Funktionen wie Stories und Livestreams attraktiver. Parallel verändern technologische Entwicklungen wie Künstliche Intelligenz und Virtual Reality die Netzwerke und lassen neue Angebote entstehen."

Stumm geschaltet?

Vor 35 Jahren begann in Deutschland das E-Mail-Zeitalter, vor mehr als 25 Jahren wurde die erste SMS verschickt. Die bis zu 160 Zeichen langen Nachrichten entwickelten sich zu einem Verkaufsschlager, "Simsen" wurde zum Bestandteil der deutschen Sprache. Seitdem haben sich die digitalen Kommunikationswege im Arbeits- und Privatleben stark erweitert. Und das ruft zunehmend kritische Stimmen auf den Plan: "Die sozialen Netzwerke drohen uns ironischerweise von unserem sozialen Leben abzuschneiden", befürchtet der Kommunikationsexperte Robert Spengler in einem Welt-Artikel: "Und die E-Mail-Flut ertränkt unsere Sprachfähigkeit. Wir ersetzen Begegnungen in der realen Welt mit virtuellen Kontakten. Das hat gefährliche Folgen – nicht nur in der Freizeit, sondern auch und gerade im Business. Wir verlieren auf dramatische Weise unsere Kompetenz, mit Kollegen, Kunden und Vorgesetzten erfolgreich zu kommunizieren."

Droht zu viel Technik, das Gespräch "face to face" zu ersetzen? "Wir werden von unserer Technologie stumm geschaltet", meint jedenfalls die US-amerikanische Soziologin und Buchautorin Sherry Turkle auf sueddeutsche.de. Es gebe zu viele Bildschirme und zu wenig Blickkontakt. Seit mehr als 25 Jahren beschäftigt sich Sherry Turkle vom Massachusetts Institute of Technology mit den Folgen der Digitalisierung. Zu viel Elektronik lasse die Menschlichste aller Kommunikationsformen, nämlich das Gespräch von Angesicht zu Angesicht, langsam, aber sicher erodieren – und so auch Fähigkeit der Menschen, sich in ihr Gegenüber einzufühlen, warnt sie in einem Interview mit süddeutsche.de: "Mir haben einige Jugendliche erzählt, Telefongespräche inzwischen zu vermeiden, weil sie dort zu viel von sich preisgeben. Für sie sind Facebook und SMS eine Möglichkeit, Emotionen zu verstecken, Konflikten aus dem Weg zu gehen. Eine Entschuldigung per E-Mail oder SMS erlaubt mir, die damit verbundenen Emotionen auszuklammern, also die Kommunikation zu kontrollieren. Aber zu einer Entschuldigung gehört auch die Reaktion des anderen, die Konfrontation mit Gefühlen, Reaktionen, Konsequenzen."

Permanent online

Bauer vor Traktor mit dem Smartphone
Das Smartphone immer im Blick – beruflich und privat. Foto: Hoda Bogdan/ stock.adobe.com

Online-Kommunikation durchzieht den gesamten Alltag, das Smartphone immer im Blick: „Permanently online, permanently connected (kurz: POPC) ist ein Phänomen, das vor allem für viele junge Nutzer gilt. Welche Folgen das für den sozialen Umgang miteinander hat, haben der Medienforscher Peter Vorderer (Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover) und der Psychologe Christoph Klimmt (Universität Mannheim) in einem Gastbeitrag in der Wochenzeitschrift "Die Zeit" kritisch in den Blick genommen und folgende Aspekte hinsichtlich des Kommunikationsverhaltens identifiziert:

  • Erreichbarkeit ersetzt räumliche Nähe: Ständige Erreichbarkeit – auch in privaten Momenten – verändert über kurz oder lang auch das Verständnis von Intimität.
  • Konversationsfäden ersetzen Gespräche: Im Gegensatz zu herkömmlichen Gesprächen mit Anfang und Ende verschwinden die Grenzen zwischen Kontakt und Nichtkontakt. Konversationen verlaufen im latenten Dauerzustand: immer wieder unterbrochen, immer wieder fortsetzbar. Geschlossenheit, Kohärenz und Effizienz gehen verloren, das Gefühl von Verbundenheit und dauerhafter Gemeinsamkeit im Alltag wird gestärkt. 
  • Unverbindlichkeit ersetzt Zuverlässigkeit: Die Bereitschaft, sich auf Verabredungen festzulegen, sinkt; der Wunsch, Optionen "offenzuhalten", wächst. Je nach Standpunkt geht dies mit Verlust von Loyalität und Verantwortungsbewusstsein oder aber Gewinn an Autonomie und Flexibilität einher.
  • Aufmerksamkeit ersetzt Wertschätzung: Eine neue Währung "soziale Anerkennung" durch Likes, Smileys oder Kommentare etabliert sich.

Sprachverfall?

Die Kommunikation in sozialen Netzwerken hat ihren eigenen Stil. Abkürzungen, zum Beispiel thx (thanks), OMG (oh my God/Oh mein Gott, CU (see you/man sieht sich), GLG (ganz liebe Grüße) oder HDL (hab Dich lieb) haben sich etabliert. Charakteristisch ist eine einfache, prägnante Ausdrucksweise, oftmals eher in Fragmenten als in ganzen Sätzen. Sind Auswirkungen auf den allgemeinen Sprachgebrauch oder die schulische und berufliche Schriftsprache zu befürchten?

Sprachwissenschaftler reagieren gelassen. Sie sehen die sogenannte "Netzkommunikation" als eigene Sprachkategorie an, die sich durch die spezifischen Kommunikationsformate digitaler Medien herausgebildet hat. Die Germanistik-Professorin Angelika Storrer (Universität Mannheim) hat im 2017 veröffentlichten "Zweiten Bericht zur Lage der deutschen Sprache" das Thema Internetkommunikation behandelt und spricht von einer "interaktionsorientierten Schreibhaltung", bei der nicht das Schreibprodukt (also die Textqualität), sondern die laufende Interaktion im Mittelpunkt steht. Generell sei bei dieser Kommunikationsform eine schnelle Reaktion auf Nachrichten wichtiger als ein geschliffener sprachlicher Ausdruck.

Neue Verbindung

Emoticons
Emoticons sind in der Internetkommunikation wichtig, um Gefühlslagen deutlich zu machen.
Foto: yamonstro/stock.adobe.com

Digitale Kommunikation ist zwar im privaten und beruflichen Leben zu einem wichtigen Faktor geworden, kann jedoch das echte Gespräch nicht ersetzen. In seinem Buch "Menschengewinner" lädt der Kommunikationsexperte Robert Spengler deshalb explizit dazu ein, "den persönlichen Kontakt zu leben". Gegenüber dem Online-Magazin SteadyNews sagt er: "Wir Menschen brauchen reale Begegnungen. Wir sind darauf angelegt, andere zu berühren, mit ihnen live zu lachen und zu weinen. Virtualität ist dafür kein Ersatz."

Allerdings bietet der digitale Informationsaustausch eine optimale Ergänzung zu klassischen Kanälen. Kommunikation findet heute oft auf mehreren Ebenen gleichzeitig statt. Insbesondere mit der Einführung des Smartphones habe sich die Kommunikationskultur gravierend verändert, aber keineswegs nur negativ: Es habe sich nicht nur die Erreichbarkeit von uns selbst für andere gesteigert, sondern auch die Funktion der Verbundenheit mit anderen, stellt die Mannheimer Kommunikations- und Medienwissenschaftlerin Prof. Dr. Angela Keppler im Deutschlandfunk fest: "Wir können mit körperlich anwesenden anderen sprechen und gleichzeitig mit körperlich abwesenden auch in irgendeiner Form in Verbindung stehen."

Entwarnung also? Die manchmal geäußerte Befürchtung, digitale Medien hätten negative Auswirkungen auf das Sozialverhalten der (jungen) Menschen, findet in der ersten 2014 veröffentlichten U25-Untersuchung des Deutschen Instituts für Vertrauen und Sicherheit im Internet (DIVSI) keine Bestätigung. Ein zentraler Befund: Die Kombination verschiedener Kommunikationsmittel fördere die soziale Integration in der Familie und im Freundeskreis.

Schattenseiten

Dank sozialer Netzwerke und Smartphones lassen sich Meldungen, Nachrichten und Meinungen rasend schnell überall hin und von jedem verbreiten. Der Nutzen der technischen Errungenschaften ist unstrittig, aber es gibt auch die Schattenseiten wie folgende:

  • Cybermobbing (Schikanieren/Diffamieren von Personen über das Internet),
  • Sexting (Austauschen intimer Nachrichten und Fotos via Smartphone),
  • Happy Slapping (Verbreitung von Filmen/ Fotos mit Prügelszenen),
  • Fake News (manipulativ verbreitete, vorgetäuschte Nachrichten),
  • Social Bots (Accounts in einem sozialen Netzwerk, die von einem Algorithmus gesteuert werden),
  • Populismus (Stimmungsmache bei Themenwahl und in Rhetorik).

Höflichkeit und Respekt bleiben in Foren, Kommentaren oder sozialen Netzwerken oftmals auf der Strecke. Bei aller grundsätzlich chancenorientierten Einstellung zur digitalen Welt sehen 14- bis 24-Jährige vermehrt Online-Risiken, zeigt die Ende 2018 veröffentlichte zweite DIVSI U25-Studie. Viele aus der sogenannten "Generation Internet" nehmen eine Beleidigungskultur wahr, die sie zum Teil davon abhält, die eigene Meinung zu äußern. Deshalb sind Regeln in der digitalen Kommunikation (s. Kasten) zwingend notwendig – in Sachen Fairness die gleichen wie im analogen Gespräch von Angesicht zu Angesicht.

Netiquette

Das Internet ist ein Ort der Begegnung und der Kommunikation. Wie im echten Leben gelten bestimmte Umgangsformen. Das "Du" hat sich dabei übrigens als landläufige Anrede im deutschsprachigen Netz etabliert. Nachfolgend wichtige Regeln der Netiquette, der Etikette (frz. Etiquette) im Netz (engl. Net):

  • erst denken, dann schreiben,
  • Rechtschreibung beachten,
  • nicht hinter Anonymität verstecken,
  • keine Schimpfworte benutzen,
  • eindeutig ausdrücken oder Emoticons benutzen, denn das geschriebene Wort transportiert keine Mimik oder Gestik,
  • vorsichtig mit ironischen Bemerkungen umgehen, leicht entstehen Missverständnisse,
  • nicht zu viele Abkürzungen nutzen,
  • besser keine Streitigkeiten bis zum Letzten digital austragen,
  • Zitate kenntlich machen,
  • nicht ungeduldig werden, wenn jemand nicht sofort antwortet,
  • nichts Persönliches und Intimes über andere schreiben.

Literatur

Hildebrandt, A. (2017): Smartphones machen unsere Gespräche schneller privat. URL: https://www.welt.de/vermischtes/article171080057/Smartphones-machen-unsere-Gespraeche-schneller-privat.html (Abruf: 8.5.2019).

Moorstedt, M. (2015): Digitale Kommunikation. Wie uns die Technik entmenschlicht. URL: https://www.sueddeutsche.de/digital/digitale-kommunikation-wie-uns-die-technik-entmenschlicht-1.2748685 (Abruf: 8.5.2019)

Spengler, R. (2012): Soziale Netzwerke schädigen soziale Fähigkeiten. URL: https://www.welt.de/wirtschaft/karriere/leadership/article106568479/Soziale-Netzwerke-schaedigen-soziale-Faehigkeiten.html (Abruf: 8.5.2019).

Vorder, P.; Klimmt, C. (2016): Online-Kommunikation. Das neue Normal. URL: https://www.zeit.de/2016/05/online-kommunikation-leben-alltag-auswirkungen (Abruf: 8.5.2019).


Die Autorin

Michaela Kuhn

Michaela Kuhn

Freie Journalistin, Königswinter
michaela.kuhn1@web.de