Zeitschrift B&B Agrar

Natur- und Artenschutz im Agrarstudium

Für neue berufliche Perspektiven ausbilden

Studenten auf einem Feld
Foto: landpixel.de

An deutschen Hochschulen entstehen immer mehr Studiengänge, die für die Landwirtschaft der Zukunft ausbilden. Eine profitable Agrarproduktion soll dabei mit Natur- und Artenschutz Hand in Hand gehen.

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Seit Ende der 1970er Jahre beschäftigten sich Agrarwissenschaftler an den Hochschulen immer intensiver mit der Frage, wie eine nachhaltige sowie umweltfreundliche landwirtschaftliche Produktion umgesetzt werden kann. Die neuen Themen wie der Klima-, Ressourcen- und Biodiversitätsschutz veränderten gleichzeitig auch den Arbeitsmarkt für Bachelor und Master im Studiengang Landwirtschaft drastisch. Neben den klassischen Einsatzfeldern in landwirtschaftlichen Betrieben, Fachbehörden sowie in agrarwissenschaftlichen Forschungsinstituten der Hochschulen taten sich zahlreiche neue Beschäftigungsmöglichkeiten für Agrarwissenschaftler auf. Es entstanden zunehmen neue Jobs im Fachpressewesen und der landwirtschaftlichen Öffentlichkeitsarbeit, in Futtermittel-, Tier- und Pflanzenzüchtungsunternehmen, Landschaftsplanungsbüros, mikrobiologischen oder diagnostischen Laboratorien, Agrar- und Umweltberatungsbüros, Naturschutz- und Entwicklungsorganisationen, Unternehmensberatungen sowie im Umwelt- und Qualitätsmanagement von Unternehmen und Organisationen. Diese neuen beruflichen Perspektiven kamen auch für die Hochschulen zur rechten Zeit, denn die Nachfrage nach Agrarstudienplätzen fiel zwischen 1985 und 1997 um mehr als die Hälfte von rund 2.600 in den alten Bundesländern auf 1.200 in Gesamtdeutschland. Es war dringend erforderlich, mit neuen Angeboten junge Menschen wiederzugewinnen.

Premiere in Kassel

An der Universität Kassel wurde bundesweit das erste Fachgebiet für ökologischen Landbau am Standort Witzenhausen eingerichtet. Das Studienfach "Ökologischer Landbau" nahm 1993 seine Arbeit auf, seit 2002 heißt der Studiengang "Ökologische Agrarwissenschaft". Neu im deutschsprachigen Gebiet war auch, dass mit dem Hauptstudium unter anderem die Schwerpunktmodule Nachhaltige Regionalentwicklung sowie Landschafts- und Agrarökologie angeboten wurden. In den vergangenen Jahren haben viele Bachelorstudiengänge und fast alle Masterstudiengänge im Studienfach Agrarwirtschaft/Agrarwissenschaft an deutschen Hochschulen Schwerpunktmodule zur Agrarökologie oder auch Agrarbiologie eingerichtet. Der ökologische Landbau bildete aber auch die Basis für vollkommen neue Studiengänge.

Hörsaal
Viele Bachelor- und Masterstudiengänge im Studienfach Agrarwirtschaft/Agrarwissenschaft haben Schwerpunktmodule zur Agrarökologie oder auch Agrarbiologie eingerichtet.
Foto: HNE Eberswalde

"Ökologisierung"

In diesen neuen Studienfächern werden agrarwissenschaftliche Inhalte wesentlich stärker als früher üblich mit den Inhalten von Biologie, Ökologie, Bodenkunde, Klimatologie, Hydrologie und Ökotrophologie kombiniert. Die klassischen Themen der Agrarwirtschaftslehre werden dabei je nach Studiengang mehr oder weniger stark berücksichtigt. Besonders eng ist der Bezug zur Landwirtschaft in der Agrarökologie. In diesem Studium werden landwirtschaftliche und gartenbauliche Produktionssysteme hinsichtlich ihrer Nachhaltigkeit analysiert und bewertet sowie Ansätze zu deren Optimierung erarbeitet. Zentrale Studienschwerpunkte sind der Klimawandel, die zunehmende Bodenzerstörung, der Verlust der Artenvielfalt und die Frage, wie diese Probleme in Zusammenhang mit der Ernährung der Weltbevölkerung und der Einkommenslage der Landwirte stehen.

Einen ersten Studiengang der Agrarökologie hatte die Universität Rostock eingeführt, den es in der Form allerdings nicht mehr gibt. Aktuell bietet die Hochschule Rhein-Waal (Kleve) ein Bachelorstudium "Sustainable Agriculture" an. Einen Masterstudiengang "Landwirtschaft und Umwelt" gibt es an der Fachhochschule Bingen. Die Technische Universität München (TUM) plant am Standort Weihenstephan für das Wintersemester 2018/19 das Studium der "Agrarsystemwissenschaften" mit ähnlichen agrarökologischen Schwerpunkten.

In anderen Studiengängen dagegen bildet die Landwirtschaft nur einen, wenn auch wichtigen Aspekt des Studiums. Dabei handelt es sich um

  • den "Master Naturschutz und Landschaftsökologie" an der Universität Bonn,
  • den "Master of Environmental Management" an der Universität Kiel und an der Universität Halle-Wittenberg,
  • den "Master Naturschutz und Landschaftsplanung" an der Technischen Universität München/Weihenstephan,
  • den "Bachelor Landschaftsnutzung und Naturschutz" an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde,
  • den Master "Landschaftsökologie" an der Universität Oldenburg,
  • die Masterstudiengänge "Environmental Science – Soil, Water and Biodiversity" und "Landscape Ecology" an der Universität Hohenheim,
  • den Masterstudiengang "Biodiversität und Naturschutz" an der Universität Marburg.

Neben agrar- und naturwissenschaftlichen Faktoren werden auch sozialwissenschaftliche Inhalte mit Bezug zur Landschaftsökologie und zum Umwelt- und Naturschutz beim "International Master in Rural Development" an der Humboldt-Universität zu Berlin und dem Master "Nachhaltige Entwicklung" an der Hochschule Bochum vermittelt.

Biosysteme verstehen

Während die vorgenannten Studiengänge die Landschaft vorrangig als ökologisches Gesamtsystem betrachten, gehen zwei Studiengänge an der Universität Hohenheim schwerpunktmäßig auf die Analyse der biologischen Faktoren und ihren Einfluss auf die Produktion landwirtschaftlicher Güter ein: die "Agrarbiologie" (Bachelor und Master) und der Master "Environmental Protection and Agricultural Food Production". Beim Studium der Agrarbiologie sollen vorrangig Lösungen vermittelt werden, wie mittels der nachhaltigen und schonenden Nutzung der biologischen Systeme die Landwirtschaft noch effizienter produzieren kann. Grundlage hierfür ist das Verstehen und Erlernen der biologischen Prozesse sowie von modernen laboranalytischen Verfahren der Biostatistik und Bioinformatik. Neben Hohenheim bietet nur die Universität für Bodenkultur Wien im deutschsprachigen Raum ein Studium der Agrarbiologie an.

Das Studium "Environmental Protection and Agricultural Food Production" beschäftigt sich mit der Intensivierung der Nahrungsmittelproduktion mittels umweltfreundlicher und nachhaltiger Produktionssysteme und hat eine ausgesprochen internationale Ausrichtung – die Studiensprache ist daher Englisch. Ein inhaltlich ähnlich strukturiertes Master-Studium mit dem Titel "Sustainable Food Systems" gibt es an der Hochschule Fulda.

Globale Probleme lösen

Der internationale Bezug ist bei den folgenden Studiengängen noch ausgeprägter, die sich auf die Lösung von ökologischen, aber auch sozio-ökonomischen Problemen in den Ländern der Tropen und Subtropen konzentrieren. So bietet zum Beispiel die Universität Bonn einen Studiengang "Agrarwissenschaften und Ressourcenmanagement in den Tropen und Subtropen" an.

Eine Besonderheit stellt der englischsprachige Studiengang "Sustainable International Agriculture" an den Universitäten Göttingen und Kassel dar. In diesem Gemeinschaftsprojekt der beiden Hochschulen sind die Studierenden aus 25 Ländern an beiden Hochschulen eingeschrieben und belegen auch an beiden Studienorten Ausbildungsmodule. Das Studium soll die Studierenden befähigen, Herausforderungen und Probleme für die Landwirtschaft sowie für den Natur- und Umweltschutz (Agroecosystems) im Kontext der spezifischen Bedingungen vor Ort mittels einer "Organic Agriculture" zu lösen.

Außergewöhnlich ist ferner, dass Kassel aus der Perspektive der ökologischen Landwirtschaft lehrt, während in Göttingen eher der Ansatz der "konventionellen" Landwirtschaft verfolgt wird. "Dies gibt den Studierenden die Möglichkeit, die verschiedenen Sichtweisen zu vielen landwirtschaftlichen Themen kennenzulernen", meint Grete Thinggaard, Academic Advisor der Universität Göttingen.

Netzwerke bilden

Seit 2014 gibt es den Master-Studiengang "Natural Resources Management and Development" (NRM) an der Technischen Hochschule (TH) Köln. Das Netzwerk CNRD (Center for Natural Resources and Development) kooperiert dabei intensiv mit einer wachsenden Zahl an Partnerhochschulen weltweit. Professor Sabine Schlüter erklärt: "Die Masterarbeiten werden in der Mehrzahl mittels Fördermitteln vor Ort in den Ländern der Tropen und Subtropen durchgeführt, zumeist betreut von den Partnerinstitutionen aus Forschung und Entwicklung und möglichst integriert in die Forschungskooperation mit den Partnerinstitutionen." Studienfächer, in denen deutsche und ausländische Studenten zusammenarbeiten, um die globalen Probleme der Menschheit zu lösen: an Deutschlands Hochschulen wird Zukunft gestaltet.

Dr. Joerg Hensiek

Der Autor

Dr. Joerg Hensiek
Freier Journalist, Bonn
jo.hensiek@web.de