Zeitschrift B&B Agrar

Mit Stuhlarbeit zum Aha-Erlebnis

Ein Rollengespr├Ąch zur Entdeckung unbewusster Motive in Entscheidungsprozessen

Zwei sich gegen├╝berstehende St├╝hle
Foto: Stepan_KO - stock.adobe.com

Die Zwei-Stuhl-Technik gilt als eine der wirksamsten Methoden im Umgang mit Ambivalenzen zwischen Ver├Ąnderungswunsch und Vermeidungsverhalten. Wie aber funktioniert diese Technik? Welche Stolpersteine k├Ânnen auf dem Weg zum Ziel lauern?

Artikel als PDF herunterladen

Stuhlarbeit: ein Rollengespr├Ąch mit sich selbst, eine Art "fliegender Platzwechsel" zur Entdeckung unbewusster Motive beruflicher Entscheidungsprozesse. Diese Technik wurde von den Begr├╝ndern der Gestalttherapie, Laura und Fritz Perls, entwickelt. Sie wussten aus der Psychoanalyse Freuds, dass im Menschen verschiedene "Pers├Ânlichkeitsanteile" miteinander im Clinch liegen k├Ânnen. Sie zogen daraus die Konsequenz, diesen inneren Streit leibhaftig zur Auff├╝hrung zu bringen: Dazu wird der Klient eingeladen, in einen laut ausgesprochenen Dialog einzutreten, wie er zwischen zwei widerspr├╝chlichen Seiten ohnehin schon in Gedanken stattfindet.

Innerer Dialog

Mit dem Einsatz der "Zwei-Stuhl-Technik", wie diese Vorgehensweise von den beiden Gestalttherapeuten genannt wurde, soll der innere Dialog transparent gemacht und eine klare Trennung zwischen den Positionen herausgearbeitet werden. Hierzu werden zwei leere St├╝hle aufgestellt, auf denen die ratsuchende Person abwechselnd Platz nimmt. Stuhl A steht f├╝r das Bed├╝rfnis des Ver├Ąnderungswunsches ("Ich will ÔÇŽ"), Stuhl B f├╝r das Bed├╝rfnis der Vermeidungsstrategie ("Ich will nicht ÔÇŽ"). Der Begriff "Bed├╝rfnis" weist darauf hin, dass es in dem Dialog um die Auseinandersetzung zweier Begehren geht. Innerhalb der "Zwei-Stuhl-Technik" sollen diese zwei Strebungen miteinander ins Gespr├Ąch kommen, um den inneren Konflikt f├╝r die ratsuchende Person erlebbar zu machen. Wenn der Dialog zu der Erkenntnis f├╝hrt, dass beide Bed├╝rfnisse etwas Positives f├╝r die Person anstreben, dann kann es im g├╝nstigsten Fall zu einer Integration der beiden kommen ÔÇô aus einem Entweder-oder wird ein Sowohl-als-auch. Gleichzeitig deutet dieses Modell einen Weg an, wie zwei vermeintlich "verfeindete Lager" zueinanderfinden k├Ânnen.

Drei Phasen

Schaubild
Anordnung der St├╝hle
Idee Abbildung: Marc Rott

Die Methode setzt sich aus drei Phasen zusammen: Vorbereitung, Durchf├╝hrung und Nachbereitung. Im Folgenden wird beschrieben, wie ein Rollengespr├Ąch mit sich selbst angeleitet werden kann. In der Vorbereitung wird dem Ratsuchenden erl├Ąutert, wie er sich mit beiden Handlungsimpulsen ÔÇô Ver├Ąnderung und Vermeidung ÔÇô abwechselnd identifizieren kann, zum Beispiel:

"Wenn ich Sie richtig verstanden habe, dann schlagen zwei Seelen in Ihrer Brust: eine, die das laufende Masterstudium abbrechen will, und eine, die diesen Abbruch nicht will. Wenn Sie einverstanden sind, gehen wir bei der Kl├Ąrung dieser Ambivalenz ganz praktisch vor: Wir bringen das F├╝r und Wider, das Sie vermutlich schon zigmal in der Fantasie durchgegangen sind, in einem Rollengespr├Ąch mit sich selbst nach au├čen. So k├Ânnen Sie das Wirrwarr aus Widerspr├╝chen erleben und f├╝hlen. Dazu gibt es eine Hilfe: Wir werden zwei St├╝hle aufstellen, die f├╝r die verschiedenen Positionen stehen. Je nachdem, auf welchem Stuhl Sie gerade sitzen, k├Ânnen Sie aus der jeweiligen Perspektive heraus argumentieren und im Verlauf des Dialogs herausfinden, wof├╝r diese Positionen eigentlich stehen. Was halten Sie von dieser Idee?"

Erkl├Ąrt sich der Ratsuchende mit dieser Vorgehensweise einverstanden, wird er aufgefordert, die zwei St├╝hle nach eigenem Ermessen im Raum anzuordnen (s. Abbildung). Ist dieser Vorgang abgeschlossen, wird der Ratsuchende gefragt: "Welcher Stuhl repr├Ąsentiert welchen Handlungsimpuls?" Danach werden zwei Moderationskarten beschriftet, auf denen einerseits Ver├Ąnderungswunsch ("Ich will ÔÇŽ") und andererseits Vermeidungsverhalten ("Ich will nicht ÔÇŽ") zu lesen ist. Mit der Bezeichnung der St├╝hle durch die entsprechenden Karten ist die Vorbereitung abgeschlossen.

Zu Beginn der Durchf├╝hrung wird der Ratsuchende gefragt, welche Handlungsoption ihm aktuell n├Ąherliegt. Nachdem er auf dem daf├╝r vorgesehenen Stuhl Platz genommen hat, wird er gebeten, sich mit der Handlung seiner Wahl g├Ąnzlich zu identifizieren. Aus dieser Perspektive heraus soll er erl├Ąutern, weswegen es besser ist, diesem Impuls zu folgen. Die Befragung dieser Seite kann beendet werden, wenn klar geworden ist, f├╝r welches Bed├╝rfnis diese Position steht.

Danach wird der Ratsuchende gebeten, den Stuhl zu wechseln und sich mit der anderen Handlung zu identifizieren. Auch aus dieser Perspektive heraus soll er schildern, wieso es besser ist, diesem Impuls zu folgen. Wenn auch hier deutlich geworden ist, f├╝r welches Bed├╝rfnis dieser Pol steht, kann die Befragung beendet werden, indem der Ratsuchende den Stuhl verl├Ąsst.

Zwei neue Moderationskarten, auf denen die genannten Bed├╝rfnisse (zum Beispiel Entspannung und Sicherheit) geschrieben worden sind, werden passend zu den Moderationskarten Ver├Ąnderungswunsch und Vermeidungsverhalten gelegt. Durch diesen Akt wird sichtbar, f├╝r welche Bed├╝rfnisse die einzelnen Standpunkte stehen. Auch wenn sp├Ąter m├Âglicherweise eine dieser Positionen aufgegeben wird, m├╝ssen beide Bed├╝rfnisse ernst genommen und ber├╝cksichtigt werden.

L├Âsungssuche

Nachdem deutlich geworden ist, dass beide Einstellungen ihre Berechtigung haben, geht es im n├Ąchsten Schritt um die Suche nach einer L├Âsung. Hierzu wird der Ratsuchende eingeladen, mit beiden Positionen zu diskutieren. In dieser Phase kann er beliebig wechseln zwischen Stuhl A und Stuhl B ÔÇô so lange, bis sich eine L├Âsung herauskristallisiert, mit der sowohl der Ratsuchende als Oberhaupt als auch die beiden Standpunkte gut leben k├Ânnen.

Erfahrungsgem├Ą├č ist es empfehlenswert, diese Diskussion wie die Polit-Talkerinnen Anne Will oder Maybrit Illner zu moderieren: Nach der Begr├╝├čung der Diskutanten stellen diese sich selbst kurz vor. Der Moderator versucht, eine vertrauensvolle Atmosph├Ąre zu schaffen, indem er beispielsweise darauf hinweist, dass es keine falschen Aussagen gibt. Um die Diskussion anzusto├čen, w├Ąhlt er eine offene Frage, zum Beispiel: "Wo stehen Sie gerade?" Oder: "Was f├Ąllt Ihnen zu der Thematik spontan ein?" Im weiteren Verlauf der Diskussion kitzelt der Moderator die einzelnen Standpunkte heraus, hakt nach, wenn er etwas nicht verstanden hat, betont die Gemeinsamkeiten, h├Ąlt Ideen auf einer Pinnwand oder einem Flipchart fest, achtet darauf, dass alle Diskussionsteilnehmer zu Wort kommen, indem er den Teilnehmer direkt anspricht, der sich wenig oder gar nicht beteiligt, und notfalls den Vielredner bremst.

Wer als Berater den Eindruck gewinnt, dass sich die Diskussion im Kreis dreht, kann mit einer der folgenden Fragen intervenieren:

  • Wof├╝r will sich die einzelne Position engagieren?
  • Welchen Beitrag will der einzelne Standpunkt f├╝r die Person leisten?
  • An welchen Punkten signalisiert die einzelne Einstellung einen Stopp, weil sie nicht bereit ist, die eigenen Grenzen zu missachten? Unter welchen Bedingungen w├Ąre es f├╝r diese Einstellung in Ordnung, doch noch einen (klitzekleinen) Schritt weiterzugehen?
  • An welchen Stellen ist der ver├Ąnderungswillige Standpunkt mit zun├Ąchst kleinen Schritten zufrieden?
  • Welche Hinweise m├╝ssen bei einer L├Âsung auf jeden Fall ber├╝cksichtigt werden?

Als Faustregel gilt: Der Moderator vermeidet eine inhaltliche Einflussnahme. Denn es geht darum, Informationen zu gewinnen, nicht zu vermitteln! Abschlie├čend bedankt der Moderator sich bei den Diskutanten und erw├Ąhnt, dass ein wichtiger Beitrag geleistet wurde.

In der Nachbereitung erh├Ąlt der Ratsuchende die Gelegenheit, die eigene L├Âsung auszusprechen und zu konkretisieren. Unterst├╝tzt werden kann dieser Vorgang etwa mit folgenden Fragen:

  • Wie lautet Ihr Res├╝mee?
  • F├Ąllt Ihnen sonst noch etwas ein in diesem Kontext?
  • Wie werden Sie bei der Umsetzung vorgehen?
  • Brauchen Sie noch irgendeine Art der Unterst├╝tzung?
  • Was ist Ihr erster Schritt?

Im Idealfall f├╝hrt die Vorgehensweise dazu, das innere Erleben des Ratsuchenden nach au├čen zu bringen, damit es f├╝r ihn f├╝hlbar wird. Durch die Einbeziehung der emotionalen Ebene wird zum inneren Ressourcenpool der ratsuchenden Person ein zweiter Zugang gelegt, der m├Âglicherweise L├Âsungen zutage f├Ârdert, die durch eine blo├če Auseinandersetzung auf der Verstandesebene nicht zustande k├Ąmen.

Neutraler Anwalt

Zwei diskutierende Personen
In der Rolle des neutralen Anwalts hat der Berater die Chance, die Beziehung der Pro- und Contra-Positionen zu erkennen.
Foto: gstockstudio - stock.adobe.com

Ausgehend davon, dass in erster Linie Widerspr├╝che zwischen bewussten Ver├Ąnderungsw├╝nschen und unbewussten Vermeidungsstrategien den Anlass zu einem Coaching geben, verh├Ąlt ein Coach sich im Idealfall so, als ob er der Anwalt der Ambivalenz des Ratsuchenden ist. Er vermeidet also den "Kunstfehler", sich mit dem dominierenden "Pers├Ânlichkeitsanteil" in Gestalt des offiziell angestrebten Ziels zu verbr├╝dern. Denn er wei├č, dass der Ratsuchende f├╝r die konstruktive Auseinandersetzung mit den Vermeidungskr├Ąften ebenso seine Wertsch├Ątzung und Unterst├╝tzung braucht, um zu verstehen, wie er es schafft, sich selbst im Wege zu stehen.

Einem Ratsuchenden, dem diese unbewussten Motive nicht bekannt sind, wird es kaum gelingen, sich nachhaltig zu ver├Ąndern. Fr├╝her oder sp├Ąter wird das neue, aber aufgesetzte Verhalten entweder unter schwierigen Bedingungen zusammenbrechen, nicht glaubw├╝rdig wirken oder den Ratsuchenden dauernd unter Stress setzen. Wer zu schnell die L├Âsung anstrebt, steht nicht selten bei n├Ąchstbester Gelegenheit vor dem alten Problem. Nur in der Position des neutralen Anwalts hat der Berater die Chance, die Pro- und Contra-Positionen in ihren Beziehungen zueinander zu sehen und somit das Muster, das die Dynamik zwischen "Go" und "Stopp" verursacht, zu erkennen. Mit dieser Erkenntnis kann er dem Ratsuchenden die Chance er├Âffnen, das Entweder-oder-Muster zu ├╝berwinden und die gegenl├Ąufigen Kr├Ąfte miteinander zu vers├Âhnen. Sollte dies aus irgendwelchen Gr├╝nden nicht m├Âglich sein, k├Ąmen das Sowohl-als-auch oder das Weder-noch infrage ÔÇô also Wege, die es im Einzelfall zu entdecken oder zu entwickeln gilt.

Wer als Coach sich jedoch von einer der gegens├Ątzlichen Kr├Ąfte einfangen l├Ąsst, sitzt in der Falle: Dr├Ąngt er auf Ver├Ąnderung, pl├Ądiert sein Coachee m├Âglicherweise f├╝r die Bewahrung seines Status quo. ├ťbernimmt der Coach den Pol der Vermeidung, betont der Ratsuchende eventuell den Nutzen der Ver├Ąnderung. Aus einem urspr├╝nglich inneren Konflikt wird so ein zwischenmenschlicher Konflikt. In diesem Zusammenhang schreiben sinngem├Ą├č die Autoren Fritz B. Simon und Gunthard Weber, "dass ein Berater, wo immer er auf die eine Seite der Ambivalenz geht und ihr ehrlich und ├╝berzeugt zum Sieg verhelfen m├Âchte, seine Neutralit├Ąt verloren hat. Er gleicht dann dem Schiedsrichter, der sich das Trikot der einen Mannschaft ├╝berstreift und selbst versucht, Tore zu schie├čen oder zu verhindern" (Simon, Weber 2004, S. 37). Konsequenterweise hat diese Vorgehensweise zur Folge, dass der eigentliche Konflikt der ratsuchenden Person, der zwischen Ver├Ąnderungswunsch und Vermeidungsverhalten liegt, nicht bearbeitet wird.

Die Verlockung f├╝r einen Coach, sich gerade mit den Ver├Ąnderungsw├╝nschen im Ratsuchenden zulasten unbewusster Vermeidungsstrategien zu verb├╝nden, ist nicht unerheblich. Ein Coach verliert meist dann seine Neutralit├Ąt, wenn eigene, unreflektierte Annahmen durch die Ver├Ąnderungsw├╝nsche des Ratsuchenden angetriggert werden. Zum Beispiel: Wer als Lehrer in der Rolle des Beraters f├╝rchtet, dass schlechte Klausuren seines Sch├╝lers ihn selbst in einem schlechten Licht erscheinen lassen, wird m├Âglicherweise vieles unternehmen, um solchen Ergebnissen vorzubeugen. Wenn sein Sch├╝ler vor diesem Hintergrund den Ver├Ąnderungswunsch ├Ąu├čert, sich auf eine Klausur vorzubereiten, indem er fr├╝her lernt als es seiner eigenen Gewohnheit entspricht, ist der Weg f├╝r eine falsche Parteilichkeit des Beraters geebnet. Unter diesen Voraussetzungen "begibt er sich in dieselbe unl├Âsbare Situation wie ein Analphabet, der jemand anderem das Lesen beibringen will" (Staemmler, Bock 2016, S. 142).

Zusammenfassend lassen sich die Aufgaben eines Beraters mit zwei S├Ątzen beschreiben: Zum einen ist er gut beraten, dem Ratsuchenden zu signalisieren, dass er dessen Auftrag "Unterst├╝tz mich in meinem Vorhaben der Selbstoptimierung" geh├Ârt hat. Zum anderen sollte er zus├Ątzlich das Angebot unterbreiten, das sinngem├Ą├č wie folgt lauten k├Ânnte: "Ich helfe dir auch zu verstehen, wie du es im Moment schaffst, dich auf den Weg zum Ziel selbst zu sabotieren und warum das f├╝r dich wichtig ist."

Literatur

Perls, F. (2013): Grundlagen der Gestalt-Therapie. Einf├╝hrung und Sitzungsprotokolle, Klett-Cotta Verlag Stuttgart.

Simon, F. B.; Weber, G. (2004): Vom Navigieren beim Driften. "Post aus der Werkstatt" der systemischen Therapie, Carl-Auer Verlag Heidelberg.

Staemmler, F. M.; Bock, W. (2016): Ganzheitliche Ver├Ąnderung in der Gestalttherapie, BoD ÔÇô Books on Demand Norderstedt.

Staemmler, F. M. (1995): Der "leere Stuhl". Ein Beitrag zur Technik der Gestalttherapie, Pfeiffer Verlag M├╝nchen.

Michael Kluge

Der Autor

Michael Kluge
Ausbilder-Coach (IHK/EASC), Personaltrainer und Buchautor, Pattensen
info@kluge-kompetenzen.de
www.kluge-kompetenzen.de