Zeitschrift B&B Agrar

Landwirtschaftliche Diversifizierung in urbanen Ballungszentren

Synergieeffekte nutzen

Bauernhof
Foto: Bernd Pölling

In urban geprĂ€gten RĂ€umen wie der Metropolregion Ruhr ĂŒben landwirtschaftliche Betriebe oft mehrere Diversifizierungsstrategien gleichzeitig aus. Gezielte Beratung durch die Landwirtschaftskammer fördert erfolgreiches Unternehmertum.

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In der Metropolregion Ruhr wird die stĂ€dtische und stadtnahe Landwirtschaft seit einigen Jahren verstĂ€rkt öffentlich diskutiert. In stĂ€dtischer und stadtnaher Landwirtschaft ist die Entwicklungsoption des mengenmĂ€ĂŸigen Wachstums (in FlĂ€che und Tiereinheiten) nur sehr begrenzt möglich. BallungsrĂ€ume zeichnen sich durch enormen externen FlĂ€chendruck (fĂŒr Wohnen, Gewerbe, Verkehrsinfrastruktur, Erholung, Forst, Renaturierungen und -kultivierungen) aus. Des Weiteren verhindern Abstandsregelungen zu geruchsempfindlichen Landnutzungen klassische Tierhaltungserweiterungen (Schweine, GeflĂŒgelmast etc.). Aufgrund dieser begrenzenden stĂ€dtischen Rahmenbedingungen, aber auch aufgrund der sich bietenden Chancen eines großen und hĂ€ufig differenzierten Verbraucher- und Kundenmarktes haben sich in urban geprĂ€gten RĂ€umen oftmals auch Diversifizierungsstrategien etabliert. Hierzu gehören:

  • der Anbau (und die Weiterverarbeitung und Vermarktung) wertschöpfungsstarker Kulturen wie GemĂŒse, Beerenobst, Steinobst, Blumen und Kartoffeln;
  • die Weiterverarbeitung und Direktvermarktung zur KĂŒrzung der Wertschöpfungskette;
  • Diversifizierungen in Dienstleistungen wie Agrotourismus (zum Beispiel Gastronomie und Pensionspferdehaltung), aber auch Landschaftspflege sowie Bildungs- und Sozialangebote;
  • die Einbindung von StĂ€dtern in die Produktion (zum Beispiel SelbstpflĂŒckfelder und MietgĂ€rten).

Onlinebefragung

Im FrĂŒhjahr 2016 haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der UniversitĂ€t Bonn, Fachhochschule SĂŒdwestfalen und der ETH ZĂŒrich eine Onlinebefragung mit 156 Landwirtinnen und Landwirten in der nordrhein-westfĂ€lischen Metropolregion Ruhr durchgefĂŒhrt. Das Ziel war es zunĂ€chst herauszufinden, welche Diversifizierungsstrategien landwirtschaftliche Betriebe in der Metropolregion nutzen, und warum sich Landwirtinnen und Landwirte dafĂŒr entscheiden, wirtschaftliche AktivitĂ€ten außerhalb der PrimĂ€rproduktion aufzunehmen.

In einem zweiten Schritt haben sie untersucht, welche Faktoren dazu fĂŒhren, dass landwirtschaftliche Betriebe mehrere Diversifizierungsstrategien gleichzeitig ausĂŒben. Die Metropole Ruhr ist fĂŒr diese Analyse besonders geeignet, da in der mehr als fĂŒnf Millionen Einwohner fassenden Region fast 40 Prozent der FlĂ€che landwirtschaftlich genutzt werden und rund 3.300 landwirtschaftliche Betriebe existieren (s. Abbildung).

Landwirtschaftliche NutzflĂ€che im Ruhrgebiet und Standorte der befragten Betriebe - Klick fĂŒhrt zu Großansicht im neuen Fenster

In der Studie wurden sowohl geografische Komponenten wie BodenqualitĂ€t und NĂ€he zu einem Ballungszentrum als auch Charakteristika des Betriebsleitenden und Betriebs, wie zum Beispiel Alter, Bildungsgrad oder Betriebstyp berĂŒcksichtigt. Zudem wurden die Risikowahrnehmung und RisikoprĂ€ferenzen der teilnehmenden Landwirtinnen und Landwirte gemessen.

DiversifizierungsaktivitÀt

79 Prozent der befragten Landwirtinnen und Landwirte gaben mindestens eine nicht landwirtschaftliche DiversifizierungsaktivitÀt an. Dabei spielen insbesondere Energieerzeugung (aus nachwachsenden und nicht nachwachsenden Rohstoffen), Agrotourismus und Direktvermarktung eine Rolle. Circa 70 Prozent dieser Betriebe betreiben mehr als eine DiversifizierungsaktivitÀt.

Die Ergebnisse zeigen, dass Betriebe mit einer durchschnittlich geringeren BodenqualitĂ€t hĂ€ufiger einer Diversifizierungsstrategie nachgehen. FĂŒr diese Betriebe ist der wirtschaftliche Druck in BallungsrĂ€umen besonders groß, weshalb eine Reduzierung des wirtschaftlichen Risikos durch Diversifizierung fĂŒr diese Landwirtinnen und Landwirte besonders attraktiv ist. Landwirtschaftsbetriebe mit intensiver Tierhaltung tendieren weniger dazu, Diversifizierungsstrategien zu verfolgen. Eine BegrĂŒndung hierfĂŒr mag in der Abweichung der landwirtschaftlichen Praxis von der öffentlichen Vorstellung von Tierhaltung liegen. Außerdem unterliegt die intensive Tierhaltung strengen Hygienevorschriften, welche schwer mit regelmĂ€ĂŸigem Publikumsverkehr vereinbar sind.

Die Ergebnisse zeigen, dass vor allem jĂŒngere Landwirtinnen und Landwirte mit einer grĂ¶ĂŸeren Risikobereitschaft diversifizieren. Außerdem trĂ€gt eine gesicherte Hofnachfolge wesentlich dazu bei, dass sich Betriebe diversifizieren und durch die Streuung des betrieblichen Risikos auf mehrere Einkommenszweige den Fortbestand des Betriebes sichern.

Synergieeffekte

Die Anzahl der DiversifizierungsaktivitĂ€ten pro Betrieb steigt zudem mit der NĂ€he des Betriebs zu urbanen Ballungszentren. Mehr als eine Diversifizierungsstrategie verfolgen zudem hĂ€ufiger Betriebe, die wertschöpfungsstarke Kulturen wie GemĂŒse, Obst, GewĂŒrze oder KrĂ€uter produzieren. Diese Betriebe nutzen die NĂ€he zu einer großen potenziellen Kundschaft offenbar stĂ€rker und setzen auf mögliche Synergieeffekte zwischen verschiedenen AktivitĂ€ten wie zum Beispiel zwischen Agrotourismus und Direktvermarktung. Diese GeschĂ€ftsmodelle nutzen hĂ€ufig die publikumswirksame Anziehungskraft touristischer Angebote wie ein HofcafĂ©, ein Maislabyrinth oder saisonale Veranstaltungen, um den Absatz im Hofladen zu erhöhen.

Gezielte Betreuung

Es zeigt sich zudem, dass die DiversifizierungsintensitĂ€t bei Landwirten, die vom Beratungsangebot der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen Gebrauch machen, steigt. Gezielte Information zu den oft komplexen steuerlichen und rechtlichen Herausforderungen durch die Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen fördert das landwirtschaftliche Unternehmertum: Landwirtinnen und Landwirte wagen hĂ€ufiger den Schritt, Zeit und Kapital in eine neue Unternehmung auf dem Betrieb zu investieren. Außerdem wĂŒnschen sie sich eine gezielte Betreuung mit Blick auf die spezifischen BedĂŒrfnisse im stadtnahen und stĂ€dtischen Raum fĂŒr die gesamte Metropolregion Ruhr.

Literatur

Meraner, M.; Pölling, B.; Finger, R. (2018): Diversification in peri-urban agriculture: a case study in the Ruhr metropolitan region. Journal of Land Use Science, 13(3), S. 284-300. URL: https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/1747423X.2018.1529830 (Abruf: 4.11.2019).

Meraner, M.; Pölling, B.; Finger, R. (2018): Data on farm diversification decisions and farmers’ risk preferences in the Ruhr Metropolitan region (Germany). Data in Brief 18, S. 9-12. URL: https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S2352340918302099 (Abruf: 4.11.2019).

Die Autoren

Dr. Manuela Meraner

Dr. Manuela Meraner
Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Institut fĂŒr Lebensmittel- und Ressourcenökonomie an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-UniversitĂ€t Bonn
manuela.meraner@ilr.uni-bonn.de


Dr. Bernd Pölling

Dr. Bernd Pölling

Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fachbereich Agrarwirtschaft an der Fachhochschule SĂŒdwestfalen, Standort Soest
poelling.bernd@fh-swf.de


Prof. Dr. Robert Finger

Prof. Dr. Robert Finger

Professor fĂŒr Agrarökonomie und -politik an der ETH ZĂŒrich
rofinger@ethz.ch