Zeitschrift B&B Agrar

Impulse für mehr Bio

Regionale und überregionale Netzwerke stärken

Kartoffeln
Foto: Togapix/iStock/Getty Images Plus via Getty Images

Bio-Musterregionen wie der Enzkreis stärken in Baden-Württemberg das Bewusstsein für ökologischen Landbau und regionale Bio-Lebensmittel. Sie regen Kooperationen an und setzen Impulse für mehr Bio.

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Seit Januar 2018 darf sich auch der Enzkreis Bio-Musterregion nennen. Zu Beginn ihrer Tätigkeit als Regionalmanagerin im September 2018 konnte Marion Mack schon mit zahlreichen Einzelinitiativen in der Region an den Start gehen. Vorgefunden hat sie eine beeindruckende Vielfalt an Bio-Produkten. Direkt ab Hof wurden Obst, Gemüse, Fleisch, Milchprodukte, Eier, Kräuter und Fruchtsäfte angeboten. Verarbeitete Produkte von kleinen Mühlen, Fleischerfachbetrieben, Keltereien, Mostereien, Bäckereien und den landwirtschaftlichen Betrieben selbst boten insgesamt eine ansehnliche Angebotspalette.

Positiver Einstieg

Die Direktvermarktung war durchaus schon weit verbreitet - mit einer hervorragenden Produktpalette, die jedoch häufig nicht gut genug bekannt war. Es gab (und gibt noch) einige vielversprechende Projekte oder Gruppen, die eine bessere Vermarktung der Bio-Produkte zum Ziel haben. „Das war ein sehr positiver Einstieg“, erinnert sich Mack. Allerdings habe sich inzwischen auch ein wenig Ernüchterung eingestellt. Denn der Wille zu Veränderungen sei zwar vorhanden, jedoch sei der Zeitmangel auf den Betrieben ein großes Problem.

Dringlicheres verdrängt Wichtiges wie die Vermarktung, Vernetzung oder Werbemaßnahmen von der Tagesordnung. Vieles braucht einfach mehr Zeit, manchmal fehle es auch an der Klarheit über die Ziele und den genauen Weg dorthin. Bei allen Herausforderungen und auch hohen Erwartungen fühlt sich Marion Mack bei den Landwirten jedoch akzeptiert. „Ich bin hier angekommen“, sagt sie.

Das Interesse am ökologischen Landbau ist vonseiten der Landwirte groß in der Region. Die Anzahl der ökologisch wirtschaftenden Betriebe ist weiterhin gestiegen. „Ganz ohne mein Zutun“, so die Regionalmanagerin. Dazu habe auch der Preis einer Mineralwasserfirma und dem Land Baden-Württemberg beigetragen, der die Umstellung für zwei Betriebe bezuschusst hat. In Illingen und in Ötisheim werden dadurch zwei weitere Bio-Betriebe umstellen.

Der Enzkreis steht mit seinen Streuobstwiesen, Wäldern und kleinparzelligen Feldern für eine idealtypische Bio-Musterregion. Den Menschen vor Ort ist dieses Bild jedoch so selbstverständlich, dass sie den besonderen Wert oftmals erst erkennen, wenn sich jemand von außerhalb dafür begeistert. So hat in Sachen Tierwohl und ökologische Wirtschaftsweise in diesem Jahr ein vorbildlicher Milchviehbetrieb für großes Interesse gesorgt. Der Kompoststall der Familie Förster in Zaisersweiher bei Maulbronn ist der erste seiner Art im Landkreis. Der Umbau mit neuem Melkstand ist seit September abgeschlossen.

Neues Stallkonzept

Eine weiche Unterlage für die Kühe, die die Gelenke schont, Einstreu, die das Euter nicht verschmutzt, und Raum für Bewegung sind für die Familie wichtige Aspekte und eine logische Ergänzung zur Weidehaltung bis Ende Oktober. Als Nebeneffekt wird es für die Kälber bei den Ammenkühen im Winter etwas wärmer im Außenklimastall. Das kam bei den Mitarbeitern des Landwirtschaftsamtes, die den Stall besichtigten, besonders gut an.

Gefördert wird das neue Stallkonzept durch die Europäische Innovationspartnerschaft (EIP-Agri). Die Ansprüche an den Kuhkomfort, die damit verbunden sind, werden auf dem Bioland-Betrieb mit behornten Kühen leicht erfüllt. Begleitet wird das Projekt von der Uni Hohenheim, die derzeit verschiedene Einstreumaterialien (Dinkelspelzen, Hobelspäne, Hackschnitzel und Grünschnittkompost) testet.

Die Exkursion zur bäuerlichen Erzeugergemeinschaft Schwäbisch-Hall Anfang November habe gezeigt, so Mack, dass ein Vorzeigeprodukt wie das Schwäbisch-Hällische Schwein enorm wichtig ist, um Impulse zu setzen. Gleiches gilt für den Regionalmarkt der Erzeugergemeinschaft an der Autobahnraststätte im Hohenlohischen. Sei die Nachfrage auf der Verbraucherseite geweckt, dann ergebe sich der Rest fast von selbst, ist sich Marion Mack sicher.

Bio-Verpflegung

Enzkreis Biobauern - Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster
Die Regionalleiterin der Bio Musterregion Marion Mack (2.v.l.) trifft Enzkreis Biobauern auf dem Hof von Familie Wilhelm in Ölbronn. Foto: Bettina Gebhard

Mit der Veranstaltung "Bio kann jeder" am 29. Mai 2019 wurde der Einstieg in die Bio-Verpflegung beleuchtet. Veranstalter Andreas Greiner von der Ökonsult GbR, Marion Mack als Mitorganisatorin der Bio-Musterregion und 20 interessierte Gäste, hauptsächlich aus dem Bereich der Kindergarten- und Schulverpflegung berichteten in Straubenhardt auf dem Biohof von Elke und Horst Reiser über ihre eigenen Erfahrungen oder ließen sich ermutigen, selbst mit der Umstellung auf mehr Bio in ihrem Speiseplan zu beginnen.

Andreas Greiner fasste die erfolgversprechendste Strategie nach der mehrstündigen Veranstaltung folgendermaßen zusammen: "Nicht zu viel auf einmal wollen, einfach mal anfangen und dann schrittweise den Anteil an Bio-Lebensmitteln erhöhen." Genau da lag bisher das größte Missverständnis, so Mack. Viele meinten, man müsse schlagartig den gesamten Wareneingang auf Bio umstellen. Dass dies nicht der Fall ist und ab dem 1. November für kleinere verarbeitende Betriebe sogar eine Erstattung der Kontrollgebühren von 75 Prozent möglich ist, schaffe völlig andere Voraussetzungen. Auch bei der Lieferantensuche bietet das Landwirtschaftsamt Hilfe an.

Schlachtung

Eine weitere große Herausforderung für Mack ist die Schaffung von neuen Möglichkeiten der schonenden Schlachtung vor Ort. Hier übersteigt die Nachfrage bereits das Angebot. Mittlerweile konnte ein Fleischereibetrieb in Nöttingen zurückgewonnen werden, der nach langer Suche einen Metzger für den Bio-Bereich gefunden hat. Durch die Zusammenarbeit mit einem weiteren Metzger, der ausschließlich ökologisch produziert, sei nun auch die Verarbeitung von Fleisch gesichert. Zäh gestaltet sich die Suche nach einer regionalen Geflügelschlachtung. Für 2020 ist eine Vorführung einer mobilen Schlachteinheit geplant, zu der Geflügelhalter und Veterinäramt eingeladen werden sollen.

Genussradeln

Personen beim Fahrradfahren - Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster
Die informative Radtour durch den Enzkreis machte Appetit auf die Spezialitäten in der Region. Foto: Bettina Gebhard

Zur Unterstützung der ökologisch wirtschaftenden Betriebe wurde von Mack das "Genussradeln" auf den Weg gebracht. Bei einer anspruchsvollen Radtour im Juni wurden von Pforzheim aus vier Betriebe besucht, die die Radler mit einfachen bis kunstvoll zubereiteten Speisen aus eigener Produktion versorgten und über deren Erzeugung aufklärten. Dazu gab es Betriebsbesichtigungen und auch kleine Vorträge. Weitere Radtouren sollen folgen, um möglichst viele Bio-Betriebe im Enzkreis mit einzubeziehen. Anschließend werden die Radtouren kartiert und veröffentlicht, sodass sie auch unabhängig von der Organisation des Landwirtschaftsamts unternommen werden können.

Bio-Handel

Eine unerwartete Belebung hat der Bio-Handel nach der Schließung der Alnatura-Filiale in Pforzheim bekommen. Im Norden hat eine Gärtnerei, die weitgehend pestizidfrei wirtschaftet, einen Laden für regionale, biologische und fair gehandelte Produkte eröffnet und im Osten der Stadt etabliert sich im ML-Kaufhaus (auf Initiative von Miteinander Leben e. V.) ein kleiner aber wachsender Markt für Bio-Produkte. An diesen Stellen möchte Mack ansetzen und die Bestrebungen unterstützen. Zudem sollen Kochkurse und verschiedene Aktionen die Nachfrage erhöhen. Auch im Bereich der Großabnehmer hat sich durch die Mitwirkung eines Landwirts eine Möglichkeit aufgetan. So soll in Möglingen bei Stuttgart ein Lager entstehen, das die Bündelung der Waren erlaubt.

Überregionale Projekte und Veranstaltungen werden in Zukunft öfter stattfinden, denn inzwischen teilt sich der Enzkreis den Titel "Bio-Musterregion" mit zwölf weiteren Landkreisen Baden-Württembergs, was der Bildung von Netzwerken zur Verbesserung der Infrastruktur nur nützlich sein könne, so Mack. Ebenso werde auf regionaler Ebene mit den Arbeitsgruppen des Streuobstkonzepts zusammengearbeitet, beispielsweise beim geplanten Bio-Markt.


Bettina Gebhard

Die Autorin

Bettina Gebhard
Agrarjournalistin, Pforzheim
bettina.gebhard@keig.de