Zeitschrift B&B Agrar

FrĂŒhe Naturerfahrung - wichtiger denn je

Wie sich Naturentfremdung stoppen lÀsst

Kind mit Lupe im Feld
Foto: Brian Jackson - Fotolia.com

Viele Kinder und Jugendlichen empfinden Natur als langweilig oder - mit Blick auf Zecken, Sonnenbrand und Maden - sogar als gefÀhrlich. Wie lÀsst sich dieser Entwicklung entgegenwirken?

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Ausgehend vom demografischen Wandel, sinkenden SchĂŒler- und damit Ausbildungszahlen in den GrĂŒnen Berufen ist die zunehmende Entfremdung von der Natur auch der BegeisterungsfĂ€higkeit fĂŒr GrĂŒne Berufe wie den des GĂ€rtners abtrĂ€glich. Ein guter Grund um sich mit den maßgeblichen Organisationen, Experten der "grĂŒnen Bildung" und Akteuren verwandter Bereiche auszutauschen. So bildete sich ein Konsortium aus Zentralverband Gartenbau e.V. (ZVG), der Humboldt-UniversitĂ€t, den Berliner Gartenarbeitsschulen und der Peter-LennĂ©-Schule in Berlin, um die Vernetzung von Wissenschaft und Praxis zu fördern. Das erste Symposium "GreenEd" (Green Education) mit rund 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus dem In- und Ausland (s. B&B Agrar 3-2017, S. 7) bot Gelegenheit zur Diskussion ĂŒber die Herausforderungen, vor denen eine Gesellschaft ohne bewussten Natur- und Umweltbezug und damit die "grĂŒne Bildung" steht.

Naturentfremdung

Naturentfremdung ist nicht nur ein deutsches PhĂ€nomen. Der fĂŒr den seit 1997 erscheinenden "Jugendreport Natur" zustĂ€ndige Hubert Koll vom Institut fĂŒr Biologiedidaktik der UniversitĂ€t zu Köln skizzierte zum Vergleich auch die Situation in Nordamerika und Großbritannien. Dort sprechen prominente Journalisten wie Richard Louv und George Monbiot von einem "nature deficit disorder" beziehungsweise einer "second environmental crisis: the removal of children from the natural world". In Folge des steigenden Medienkonsums und der technischen Überformung der Lebenswelt entwickeln sich, so Koll, zunehmend BerĂŒhrungsĂ€ngste gegenĂŒber der Natur, deren Ausmaß in den USA Ă€rztlicherseits sogar schon als therapeutisch zu behandeln klassifiziert wird.

Den Betrieben des Gartenbaus drohen mit Blick auf die Nachwuchswerbung dĂŒstere Aussichten. Denn trotz Automatisierung und Digitalisierung steht beim GĂ€rtnerberuf immer noch die Pflanze im Vordergrund, so die Ergebnisse einer 2012 im Auftrag des Zentralverbands Gartenbau erstellten Studie. Wenn die junge Generation jedoch nie Erfahrungen mit Pflanzen macht, kann sich auch kein grundlegendes Interesse fĂŒr den Beruf einstellen. Statt eines "grĂŒnen Daumens" entwickeln manche Kinder und Jugendliche Gelenkarthrose infolge einer ĂŒbermĂ€ĂŸigen Nutzung von Smartphones.

Praxisbeispiele

Kindergruppe mit Lehrerin in der Natur
LehrkrÀften kommt eine zentrale Rolle im Wieder- und Neuentdecken der Naturerfahrung in Bildungsprozessen zu. Foto: biker3 - Fotolia.com

Vera Jentjens, Gartenbauunternehmerin aus NRW, reagierte hierauf und bietet in ihrer GĂ€rtnerei seit Jahren Workshops fĂŒr Kinder und Jugendliche an. Über ihre "Waldkindertage" erreicht sie im FrĂŒhjahr und Herbst jĂ€hrlich rund 300 Kinder. ZusĂ€tzlich dazu veranstaltet sie Schulungen mit KindergĂ€rten und Schulen in ihrer Umgebung. Im Rahmen der Aktion "Blumenzwiebeln" werden jeden Herbst 2000 Blumenzwiebeln mit Kindern und Erziehern gepflanzt - und das ist nur ein kleiner Ausschnitt ihrer Projekte.

Die amerikanische Architektin Prof. Robin Randall hat sich auf die Gestaltung natĂŒrlicher Lernumgebungen, die Neugier und Interesse an der Umwelt befördern, spezialisiert. Die grĂŒnen, lebensfreundlichen schulischen und außerschulischen LernrĂ€ume werden vom Beginn des Planungsprozesses an in engem Einklang mit der Nachbarschaft entwickelt und erfreuen sich in der Nutzung großer Akzeptanz.

Ein besonders positiv ausstrahlendes Beispiel ist das Gary Comer Youth Center, eine Schule in Chicago. Mit einem Dachgarten und einer eigenen kleinen Farm können auch Jugendliche aus einem innerstÀdtischen Raum Erfahrungen mit der belebten Natur und der biologischen PrimÀrproduktion gewinnen. Die dort von ihnen gezogenen KrÀuter werden beispielsweise an die Spitzengastronomie der Stadt verkauft und dadurch stark in ihrem Image befördert. Das Gary Comer Youth Center wurde auf diese Weise zu einem in den USA landesweit bekannten Modellbeispiel, wie auch der Besuch der dem GÀrtnern, gesunder ErnÀhrung und Bildungsthemen zugewandten Michelle Obama zeigt.

Ein Best-Practice-Beispiel aus Finnland steuerte die Forstwissenschaftlerin Eveliina Asikainen von der Tampere University of Applied Sciences bei. Ihr stark nachgefragtes interdisziplinĂ€res Lehrangebot "Nature and Wellbeing" lĂ€dt dazu ein, die Natur mit ihren PhĂ€nomenen als Lern- und Lebensort bewusst wahrzunehmen und pĂ€dagogisch-therapeutisch zu nutzen. Die eigenen Lernerfahrungen in der Natur werden dabei in LerntagebĂŒchern dokumentiert und reflektiert. Die noch Jahre spĂ€ter messbare, signifikante und nachhaltige Wirkung primĂ€rer Naturerfahrung bei Kindern und Jugendlichen wurde auch durch neueste Studien von Dr. Kathrin Hille vom Transferzentrum fĂŒr Neurowissenschaften in Ulm bestĂ€tigt und ist ein starkes Argument fĂŒr die diesbezĂŒgliche frĂŒhkindliche Förderung.

Lernort "Schulgarten"

WĂ€hrend Experten im Allgemeinen ĂŒbereinstimmen, dass die Auseinandersetzung mit der Natur von ĂŒberragender Bedeutung ist, liegen bisher noch zu wenige empirische Daten zur Naturerfahrung in Bildungsprozessen vor, bestĂ€tigte Dr. Svantje Schumann, die an der Fachhochschule Nordwestschweiz auf dem Gebiet der kindlichen Naturerfahrung als Bildungsprozess forscht und unter anderem folgende zentrale Fragen im Blick hat: Kann der beobachtete Verlust primĂ€rer Naturerfahrung soziale und kulturelle Verarmung nach sich ziehen? Inwieweit kann Naturerfahrung individuelle Bildungsprozesse beeinflussen?

Eine bestens geeignete Antwort auf das Problem mangelnder Naturerfahrung sieht Beate Walther, Leiterin des "GrĂŒnen Klassenzimmers" der LAGA Apolda 2017, in der Etablierung von SchulgĂ€rten. Der Lernort "Schulgarten" als pĂ€dagogisches Instrument einer Grundversorgung an Umweltbildung bietet weit mehr als nur die Gelegenheit zu praktischer GartentĂ€tigkeit, sondern kann, so Walther, durch den direkten Kontakt mit der Natur eine handlungsorientierte Bildung und Erziehung gewĂ€hrleisten.

Allerdings verfĂŒgen auch angehende Erzieher und LehrkrĂ€fte in Deutschland nicht immer ĂŒber eine entsprechende eigene Vorerfahrung und Umweltbildung. Deshalb kommt der Vernetzung außerschulischer und schulischer AktivitĂ€ten, gerade auch in der Lehramtsausbildung, besondere Bedeutung zu, so ein Fazit des Symposiums "GreenEd". Hierbei wĂ€ren AnsĂ€tze, die Mitarbeit in Projekten als Teil der Ausbildung von Lehramtsstudierenden zu fördern, wĂŒnschenswert. FĂ€cherĂŒbergreifende Arbeit sei unverzichtbar und ein Bezug zum Lehrplan mĂŒsse dargestellt werden. Zu oft sind Aufbau und Instandhaltung eines Schulgartens vom freiwilligen Engagement von LehrkrĂ€ften und Erziehern abhĂ€ngig. Der Zentralverband Gartenbau fordert zur anstehenden Bundestagswahl daher eine ÜberfĂŒhrung des Schulgartens als Lernort in die LehrplĂ€ne.

Naturerfahrung

Um in der Bildungsbiographie wirksam zu werden, muss Naturerfahrung frĂŒh beginnen - in KindergĂ€rten und Grundschulen -, sich aber auch kontinuierlich fortsetzen. Naturerfahrung ist eine sehr wichtige Voraussetzung fĂŒr den Impuls zu einer gĂ€rtnerischen Ausbildung. Schule und betriebliche Praxis sollten sich bemĂŒhen, gemeinsam die Sinne fĂŒr Natur zu öffnen. Denn vorhandener Naturbezug stĂ€rke zusĂ€tzlich die intrinsische Motivation wĂ€hrend der Berufsausbildung, waren sich Ausbildende, Berufsschullehrerinnen, Berufsschullehrer und Vertreter des DEULA Bundesverbandes als Verbund ĂŒberbetrieblicher AusbildungsstĂ€tten beim Symposium einig. Markus Bretschneider, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bundesinstitut fĂŒr Berufsbildung (BIBB), zeigte jedoch die Grenzen der Darstellbarkeit von Naturerfahrung im Rahmen der Ausbildungsverordnung auf.

Erkenntnisse der Lehr- und Lernforschung zur Umweltbildung eröffnen neue Wege bei der bewussten Gestaltung von naturrĂ€umlichen Lernumgebungen. Stellvertretend sind hier die empirischen Studienergebnisse des Transferzentrums fĂŒr Neurowissenschaften und Lernen in Ulm zur nachhaltigen Wirksamkeit der Naturerfahrung zu nennen sowie der Hochschule fĂŒr Agrar- und UmweltpĂ€dagogik in Wien zu gesundheitsfördernden Wirkungen auf SchĂŒler.

Analoges und digitales Lernen können sich im Rahmen der Umweltbildung bei entsprechend gut strukturierter Vorbereitung sehr sinnvoll ergĂ€nzen und die intrinsische Motivation sowie ZugĂ€nge zur "grĂŒnen Bildung" fördern. Dies ist gerade fĂŒr die agrar- und gartenbauwissenschaftliche Fachdidaktik bedeutsam, wie von der HU Berlin und der Staatlichen Lehr- und Versuchsanstalt fĂŒr Gartenbau Heidelberg demonstriert wurde. Vor diesem Hintergrund ist auch die umfangreiche Datenbank zur Online-Recherche nach therapeutisch nutzbaren Pflanzen der Internationalen Gesellschaft fĂŒr Gartentherapie entstanden.

Stand: 31.07.2017

Die Autoren


Larisa Chvartsman

Larisa Chvartsman
Bildungsreferentin Zentralverband Gartenbau (ZVG) e. V., Berlin
zvg.chvartsman@g-net.de


Prof. Dr. Marcel Robischon

Prof. Dr. Marcel Robischon
Fachgebietsleiter Fachdidaktik Agrar- und Gartenbauwissenschaften an der Humboldt-UniversitÀt zu Berlin
marcel.robischon@hu-berlin.de


Regina Fuhrmann

Regina Fuhrmann
Leiterin Schul-Umwelt-Zentrum Mitte, Berlin
rfuhrmann@online.de