Zeitschrift B&B Agrar

Eine Lösung für das Hähnchenproblem

Vermarktungsstrategien für aufgezogene Bruderhähne

Hühner im Freiland
Foto: Bruderhahn Initiative Deutschland e. V.

Alle Küken aufziehen – das hat sich die Bruderhahninitiative vorgenommen und lässt seit fünf Jahren die Brüder der Legehennen bis zur Schlachtreife laufen. Über einen höheren Eierpreis finanzieren die Mitglieder die Mehrkosten und haben eigene Vermarktungsstrategien für die Bruderhähne entwickelt.

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Etwa 30 landwirtschaftliche Betriebe aus dem Bio-Bereich beteiligen sich inzwischen an der 2012 gegründeten Bruderhahninitiative. Initiatoren waren der Bauckhof, Naturkost Nord, Naturkost Erfurt und Naturkost Elkershausen. Die Legehennenhalter wollten auf das Kükentöten verzichten. „Wir sind da anders“, erklärt Yanic Arndt, Landwirt und Mitbetreiber des Bauckhofs im niedersächsischen Klein Süstedt und im Vorstand der Bruderhahninitiative. Die Bauckhöfe produzieren nach Demeter Standard. Drei Familien betreiben den Hof in Klein Süstedt bei Uelzen gemeinsam und alle, die auf dem Hof arbeiten, haben irgendwie auch mit den Bruderhähnen zu tun.

Spätere Schlachtreife

22 Wochen braucht der Hahn einer Legehennenlinie, bis er schlachtreif ist. Das ist drei- bis viermal länger als ein Masthähnchen. Der Bruderhahn frisst in dieser Zeit mehr, ist arbeitsaufwendiger und damit erheblich teurer in der Haltung. Schon während der Konzeptionsphase für das Bruderhahnprojekt war den Initiatoren klar: "Wenn es hinhauen soll, dann muss die Henne das mitfinanzieren", erzählt Arndt. Mit den vier Cent Mehrkosten pro Ei, die damals kalkuliert wurden und bis heute konstant geblieben sind, geht die Sache auf. Legehenne und Bruderhahn sind eine Mischkalkulation.

Die ursprüngliche Idee, das Fleisch zu Babynahrung zu verarbeiten, hat das Team vom Bauckhof schnell wieder verworfen: "Das Endprodukt war eine undefinierbare Fleischmasse, der Tierwohlgedanke ist zermatscht worden", erklärt Arndt den Wechsel auf andere Vermarktungsoptionen. Heute verkaufen die Bauckhöfe die Bruderhähne überwiegend als Tiefkühlware an Bioläden und an die gehobene Gastronomie. Das läuft, wenn auch nicht ganz von alleine: "Wenn ich das ganze Tier kommentarlos neben ein Masthähnchen lege, habe ich ein Problem", sagt Arndt. Es sind die etablierten Gewohnheiten, die das Produkt "Bruderhahn" erklärungsbedürftig machen: "Wir haben uns daran gewöhnt, dass ein Masthähnchen rund ist. Ein geschlachteter Bruderhahn sieht aus wie ein großes Suppenhuhn", erläutert er. Auch in den Kocheigenschaften ist der Bruderhahn anders als ein klassischer Broiler: "Was langsam wächst, muss langsam garen", fasst Arndt zusammen. Es braucht also immer auch Aufklärung über die Vorteile des Produktes, damit der Bruderhahn Abnehmer findet. Die kommen dann aber auch immer wieder auf den Gockel mit dem festeren, dunkleren Fleisch mit intensiverem Geschmack zurück.

Herdenmanagement

Hühner im Freiland beim Aufbaumen
"Aufbaumen" geht perfekt im Freiland. Foto: Bruderhahn Initiative Deutschland e. V.

In Klein Süstedt kommen zu den 7.600 Legehennen etwa 8.000 Bruderhähne im Jahr dazu. Die jungen Legehennen der Linie Lohmann Brown Plus stallt der Betrieb mit etwa 18 Wochen auf, die Bruderhähne kommen deutlich jünger auf dem Hof an. Die Trennung der Tiere in eine männliche und eine weibliche Gruppe erfolgt nicht direkt nach dem Schlüpfen, sondern erst im Alter von vier bis sechs Wochen. Zu diesem Zeitpunkt ist bereits deutlich an äußeren Merkmalen sichtbar, wer ein Hahn und wer eine Henne ist. Außerdem ist die Sortierung jetzt kein eigener Arbeitsschritt, sondern wird während einer Impfung mit erledigt. Dafür werden ohnehin alle Tiere gefangen. Anschließend wird getrennt aufgestallt.

Im Gegensatz zum Masthuhn, das nur wenige Wochen lebt, erreichen die Bruderhähne mit 22 Wochen einen tatsächlich ausgereiften Zustand. Das zeigt sich nicht nur in der Fleischqualität, sondern auch am Verhalten: "Wenn die Jungs in die Pubertät kommen, dann werden sie aggressiv untereinander", erläutert Arndt. Die Junghähne sind sehr agil und schnell, sie jagen sich gegenseitig und kämpfen miteinander. Für die Halter bedeutet das, dass das Herdenmanagement beim Bruderhahn von vornherein anders aussieht als in einer Masttierherde.

"Stangentraining" nennt Arndt, was auf dem Bauckhof schon die ganz jungen Bruderhähne lernen müssen. In der Natur flüchten sich Hühnervögel auf Äste, wenn sie entkommen oder ruhen wollen. Sind die Junghähne mit Sitzstangen vertraut, dann nutzen sie ihr natürliches Verhaltensrepertoire, um einem Radaubruder zu entkommen: Sie baumen auf. "Die Stange ist ein Zufluchtsort, da sitzen dann die nebeneinander, die eben noch kämpfen wollten", berichtet Arndt. Die Tiere lernen, diese Ausweichmöglichkeiten zu nutzen, weil die angebotenen Sitzstangen mitwachsen: "Wir fangen mit zehn Zentimeter hohen Reutern an", so Arndt, "dann werden die Sitzstangen höher."

Die Bruderhähne leben auf dem Bauckhof in zwei Ställen mit Auslauf, die zweimal im Jahr neu belegt werden: eine Herde von 1.400, die andere mit 1.800 Tieren. Die Tiere dürfen ab der sechsten Lebenswoche ins Freiland. Die Verluste sind etwas höher als bei den Masthähnchen, was sich unter anderem durch die längere Lebensdauer ergibt. Zum Ende der Haltungsdauer werden die Bruderhähne binnen drei Wochen in der hofeigenen Schlachterei des Bauckhofs geschlachtet und zerlegt.

Zukunftsaussichten

Der Bruderhahn ist ein Nischenprodukt. Mehr davon, das geht im Biobereich nur, wenn auch die anderen Betriebszweige mitwachsen. Die Zukunft sieht Yanic Arndt in neuen Züchtungen, die den Bedürfnissen in der Bioproduktion angepasst sind. "Wir brauchen zeitnah ein Zweinutzungshuhn", sagt Arndt. Darum unterstützt die Bruderhahninitiative die ÖTZ, die Ökologische Tierzucht gGmbH. Deren Ziel ist es, eine eigene Genetik für die Biobranche zu züchten, Tiere, die mit regionalem Futter gute Lege- und Fleischleistungen bringen.



Weniger Hähnchenküken töten

Aus jedem zweiten Ei schlüpft ein Hähnchenküken. Ganz gleich, ob es sich um Rassegeflügel, eine Lege- oder eine Masthybride handelt, egal ob es für die Bio- oder die konventionelle Haltung gedacht ist: Die Hälfte aller erbrüteten Küken ist männlich. Das wirft in der Eierproduktion ein ethisches Problem auf: Legehennen sind rein auf Legeleistung gezüchtet, beim Fleischansatz sieht es bei diesen Tieren dagegen mager aus. Für die Hähnchenküken besteht eigentlich keine Verwendung. Wohin also mit den ausgebrüteten Junghähnen? Jahrelang war – und ist es noch – gängige Praxis, die Küken gleich nach dem Schlüpfen zu sortieren und die männlichen Küken mit CO2 zu töten, mehr als 40 Millionen Tiere pro Jahr allein auf dem deutschen Markt.

Neben Projekten, in denen die Legehennenhähne mit aufgezogen werden, gibt es auch andere Ansätze, um das Töten der männlichen Küken zu vermeiden oder die Zahl der getöteten Küken zu reduzieren.

  • Geschlechtsbestimmung im Ei: Die männlichen Küken der Legehennenlinien gar nicht erst auszubrüten, wird in verschiedenen Forschungsprojekten versucht, ist bisher aber nicht wirtschaftlich darstellbar.
  • Zweinutzungshuhn: Zweinutzungshühner sind Zuchtlinien, die sowohl leistungsstarke Legehennen als auch frohwüchsige Masthähne hervorbringen.
  • Nutzungsdauer verlängern: Zwar nimmt die Legeleistung der Hennen im zweiten Lebensjahr ab, aber je länger eine Herde in der Nutzung bleibt, umso seltener muss eine neue ausgebrütet werden. Eine Herde durch eine Großgefiedermauser zu begleiten, erfordert ein extrem gutes Herdenmanagement.

Weiterführende Informationen finden sich auf den Webseiten des Wissenschafts- und Informationszentrums nachhaltige Geflügelwirtschaft (WING) in Vechta.


Stand: 26.10.2017

Regina Bartel
Foto: ihr-fotograf.de

Die Autorin

Regina Bartel
Wissenschaftsjournalistin, Syke
E-Mail: r.bartel@t-online.de