Zeitschrift B&B Agrar

Die ganze Welt auf einem Acker

Auf 2.000 Quadratmeter w├Ąchst alles, was uns ern├Ąhrt und versorgt.

Frau an einer Tafel im Feld
Foto: Jutta Schneider-Rapp

Das Bildungsprojekt Weltacker macht Sch├╝lerinnen und Sch├╝lern das schwerverdauliche Thema Weltern├Ąhrung schmackhaft. Die P├Ądagogin Anette Wilkening vom ├ťberlinger Weltacker erkl├Ąrt im Interview, warum sich ein Besuch lohnt.

Artikel als PDF herunterladen

Was ist die Idee vom Weltacker?

Wilkening: Auf unserem Weltacker haben wir die vierzig meistangebauten Ackerkulturen im gleichen Verh├Ąltnis angepflanzt, wie sie auf den Feldern weltweit angebaut werden. Die Fl├Ąche ist insgesamt 2.000 Quadratmetern gro├č. Denn so viel fruchtbares Ackerland steht uns allen pro Kopf zu, wenn man die Ackerfl├Ąchen der Welt durch uns 7,7 Milliarden Erdbewohner teilt. Darauf muss alles wachsen, was uns ern├Ąhrt und versorgt: Weizen, Kartoffeln, Kohl und Co. sowie Genusspflanzen wie Zuckerr├╝ben, Kaffee und Tabak. Hinzu kommen Mais und Soja als Tierfutter, Baumwolle f├╝r T-Shirts sowie Raps f├╝r Biodiesel.

Welche Bildungsziele hat der Weltacker?

Wilkening: Inhaltlich und methodisch ist die Bildung auf dem Weltacker ausgerichtet auf das Konzept der "Bildung fu╠łr nachhaltige Entwicklung" (BNE). Unser Projekt will zu zukunftsfa╠łhigem Denken und Handeln anregen. Wir laden dazu ein, unseren allta╠łglichen Konsum vor dem Hintergrund lokaler wie globaler Zusammenh├Ąnge zu reflektieren. Unsere zentralen Fragen hei├čen: Wie beeinflusse ich durch mein Handeln, was und wie auf den Ackerfla╠łchen der Welt angebaut wird? Welche Auswirkungen haben meine Entscheidungen auf die Menschen in anderen Erdteilen oder auf nachfolgende Generationen? 

Wo liegt der Unterschied zum theoretischen Durchnehmen des Themas Welterna╠łhrung im Unterricht?

Wilkening: Grunds├Ątzlich f├Ąllt Lernen am leichtesten, wenn Neugier, Freude und eigenes Erleben im Vordergrund stehen. Die Vermittlung geschieht praktisch und alltagsnah durch entdeckendes Lernen und partizipative Methoden. Das Ackergel├Ąnde selbst wird dabei zum lebendigen Lernumfeld.  Hier kommen die Sch├╝lerinnen und Sch├╝ler in Kontakt mit dem Artenreichtum des ├ľkosystems Landwirtschaft. Sie lernen verschiedene Nutzpflanzen und deren Wachstumsbedingungen kennen. Die Natur als Lebensgrundlage des Menschen wird unmittelbar erfahrbar. Au├čerdem k├Ânnen sie bei uns sofort sehen, welche Auswirkungen ihr Handeln auf die Ackerfl├Ąchen der Welt hat.

Anette Wilkening
Foto: Jutta Schneider-Rapp

Welche Botschaften m├Âchten Sie unbedingt vermitteln?

Wilkening: Die zentrale Botschaft lautet: Es ist genug f├╝r alle da. Auf 2.000 Quadratmetern kann weit mehr wachsen, als ein Mensch essen kann. Aber ein erheblicher Teil "meines" Ackers liegt nicht in Deutschland oder Europa, sondern im globalen S├╝den. Wir Europ├Ąer "importieren" Ackerland und nutzen mehr Fl├Ąche als uns zusteht. Verantwortlich daf├╝r sind weniger Kaffee, Tee und tropische Fr├╝chte, sondern der hohe Fl├Ąchenanteil von Tierfutter wie Soja. Diesen Anteil zu hinterfragen und zu reduzieren, ist eine weitere wichtige Botschaft.

Au├čerdem muss auf "meinen" 2.000 Quadratmetern eine enorme Vielzahl an Organismen leben: von Mikroorganismen ├╝ber Insekten bis zu V├Âgeln. Nur so bleibt der Boden fruchtbar und die Biodiversit├Ąt erhalten.

├ťberfordern diese komplexen Zusammenh├Ąnge j├╝ngere Besucherinnen und Besucher nicht?

Wilkening: Die "Kleinen" k├Ânnen die weitreichenden Themen des Weltackers noch nicht erfassen. Aber das steht f├╝r diese Altersgruppe auch nicht im Vordergrund! Die sollen anfassen, riechen, staunen und erleben d├╝rfen! Ab etwa der 6. Klasse ist auch gut ein Austausch ├╝ber komplexere Themen m├Âglich und erw├╝nscht.

Haben auch schon Berufsschu╠łlerinnen und -sch├╝ler den Weltacker besucht?

Wilkening: Wir haben dieses Jahr nur sehr wenig Werbung gemacht, da durch Corona nicht sicher war, wie und wie viele F├╝hrungen wir anbieten du╠łrfen. Erst Mitte Juli haben wir unsere F├╝hrungen auf dem Weltacker ├╝ber den Verteiler von Lernort Bauernhof bei umliegenden Schulen beworben. Daraufhin kam eine Berufsschulklasse des Fachgebietes Hauswirtschaft.

Was hat diese Sch├╝lerinnen und Sch├╝ler besonders interessiert?

Wilkening: Die Schu╠łlerinnen und Sch├╝ler hatten vor allem Fragen zu nachhaltiger Erna╠łhrung und Lebensmittelverschwendung. Sie waren aber auch sehr interessiert am Thema Boden als begrenzte Ressource. Besonders fasziniert waren sie von den Fla╠łchenbuffets. Die zeigen, wie hoch der Fla╠łchenverbrauch einer Mahlzeit bei unterschiedlichen Gerichten ist. Sie haben gesehen, dass eine Portion Spagetti bolognese dreimal so viel Fl├Ąche braucht wie eine Mahlzeit Spagetti mit Tomatensauce. Aber auch konkrete Fakten sprechen junge Menschen gut an. Zum Beispiel, dass es 7000 Quadratmeter Fl├Ąche f├╝r Energiepflanzen braucht, damit ein Auto mit Biosprit 14.000 Kilometer ÔÇô das sind die durchschnittlich j├Ąhrlich zur├╝ckgelegten Kilometer in Deutschland ÔÇô fahren kann. Dann haben aber drei Menschen nichts zu essen.

Reagieren die Sch├╝lerinnen und Sch├╝ler dann nicht gefrustet?

Wilkening: Nein, wir hauen ihnen ja nicht nur Fakten um die Ohren, sondern vermitteln auch immer deutlich ihre Selbstwirksamkeit: Du hast es in der Hand, wie es um deinen Acker bestellt ist. Bei jedem Einkauf erteilen wir Landwirtinnen und Landwirten den Auftrag, ein Stu╠łck Acker so zu bestellen, wie dies Menge, Qualita╠łt und Preis der gekauften Produkte ermo╠łglichen. Ob ich mein Kilo Mehl f├╝r 50 Cent im Discounter oder f├╝r 2,50 Euro im Hofladen kaufe, macht einen gro├čen Unterschied. Au├čerdem sagen wir den Sch├╝lerinnen und Sch├╝lern: Du bist nicht allein. Es gibt bereits viele Projekte, Menschen und Systeme, die mit gutem Beispiel vorangehen.

Wie m├Âchten Sie k├╝nftig mehr Berufsschulen erreichen?

Wilkening: Aktuell suchen wir einen Mail-Verteiler fu╠łr Lehrerinnen und Lehrer an Berufsschulen, u╠łber den wir einladen ko╠łnnen. Gerne bieten wir nach Vereinbarung kostenlose F├╝hrungen f├╝r Berufsschulklassen an. Die Saison endet dieses Jahr Mitte Oktober. N├Ąchstes Jahr starten wir voraussichtlich Ende April. Also bitte weitersagen.

Der ├ťberlinger Weltacker ist einer von dreien in Deutschland. Die Idee zur Umsetzung daf├╝r hatte Benedikt H├Ąrlin, ehemals Vertreter der Nicht-Regierungsorganisationen (NGOs) im Aufsichtsrat des Weltagrarberichts. Zusammen mit der Zukunftsstiftung Landwirtschaft hat er den ersten globalen Acker in Berlin aufgebaut. Einen weiteren hat die H├Âfegemeinschaft Pommern im Dorf Rothenklempenow angelegt. Aber auch in China, Kenia, Frankreich, der Schweiz und Schottland gibt es Partner-├äcker.

Weitere Informationen:


Jutta Schneider-Rapp

Das Interview f├╝hrte

Jutta Schneider-Rapp
Journalistenb├╝ro ├ľkonsult, Stuttgart
schneider-rapp@oekonsult-stuttgart.de