Zeitschrift B&B Agrar

Blended Learning: Potenzial ausschöpfen

Organisationsfähigkeit und Selbstlernkompetenz sind gefragt

Frau am Computer
Foto: LEL

Wie können landwirtschaftliche Fachschulen von digitalen Lernmedien profitieren? Antworten auf diese Frage liefert derzeit in Baden-Württemberg das Projekt "Blended Learning", das im Rahmen der Digitalisierungsstrategie des Landes digital@bw gefördert und von der Landesanstalt für Landwirtschaft, Ernährung und Ländlichen Raum (LEL) in Schwäbisch Gmünd koordiniert wird.

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Beim Stichwort "digitaler Unterricht" denken viele erst einmal an Technik wie Tablets, Smart Board oder den Einsatz von Apps zum Auflockern des Unterrichts. Das Projekt "Blended Learning" zielt jedoch in erster Linie auf etwas anderes ab: Beim Blended Learning geht es um eine Verzahnung von klassischem Präsenzunterricht und E-Learning. Im Vordergrund steht also ein didaktisches Konzept, bei dem sich Unterricht im Klassenzimmer und Online-Unterricht zuhause, sei es in Form von eigenständig zu bearbeitenden Lernanwendungen oder durch Live-Webinare mit Lehrkräften oder Experten, abwechseln. Seit November 2017 testen vier landwirtschaftliche Fachschulen in Baden-Württemberg dieses innovative Lehrkonzept in einem Pilotprojekt. Dazu haben die Schulen mit Hilfe der LEL eigene Blended-Learning-Module erstellt.

Spezialisierung

An der Fachschule Biberach beispielsweise wurde ein Kurs zum Thema Güllemanagement entwickelt. Bei diesem Kurs gehen Präsenzphasen, Webinare, Praxisversuche und Online-Anwendungen im Selbststudium Hand in Hand. Die Evaluierung fiel nach der ersten Testphase im Sommer 2018 positiv aus. Die Schüler zeigten großes Interesse am Thema und auch die Vorteile von virtuellem Unterricht lagen für viele auf der Hand. Insbesondere die Reduktion von Fahrtzeiten und -kosten ist für die Studierenden, die bis zu 70 Kilometer Anfahrt haben, ein starkes Argument.

Einzig die Zeiten für die Durchführung der Webinare, die in der Testphase noch mittags stattfanden, wurden bemängelt. "Zuhause auf dem Betrieb gibt es einfach immer etwas zu schaffen, da ist es schwierig sich die Zeit für die Online-Seminare frei zu nehmen", so Fachlehrer Norbert Böhringer. Auch mehr Erinnerungsmails wünschten sich die Studierenden, ansonsten würden die Termine leicht vergessen.

Im April ist der Kurs in die zweite Runde gestartet und diesmal wurde noch eine Schippe draufgelegt. Der Kurs wird mittlerweile fachschulübergreifend angeboten. So nehmen nun auch Meisterschüler/-innen der Fachschule Ravensburg und Studierende der auch am Projekt beteiligten Technikerschule Sigmaringen teil. Für die Betreuung stehen die verantwortlichen Lehrkräfte aus Biberach, Joschko Luib und Norbert Böhringer, sowie lokale Pflanzenbaulehrer der jeweiligen Schulen als Ansprechpartner zur Verfügung. Die fünf Kurs-Webinare finden jetzt einmal pro Woche immer um 20 Uhr statt. "Das ist die perfekte Zeit für unsere Schülerinnen und Schüler, die dann die Stallarbeit abgeschlossen haben", erklärt Böhringer.

Das Erstellen von fachschulübergreifenden Angeboten war eine besondere Zielsetzung des Projekts. Gerade bei Spezialthemen gibt es oft nicht an jeder Fachschule ausreichend Expertise und auch nicht ausreichend interessierte Studierende. Ein virtuelles Angebot zur individuellen Spezialisierung kann hier Abhilfe schaffen.

Ein weiteres Beispiel ist der Kurs "Kleine Wiederkäuer", der derzeit von der Technikerschule Sigmaringen entwickelt und erprobt wird. Der Wiederkäuerkurs soll langfristig nicht nur Studierenden der Fachschulen, sondern auch landesweit interessierten Schaf- und Ziegenhaltern angeboten werden. In Videos wird zum Beispiel eine sachgerechte Klauenpflege oder das Setzen eines Schafes gezeigt. Über Webinare können zusätzlich Expertenvorträge, zum Beispiel zum Geburtsmanagement, besucht werden. Ein stabiler Breitband-Anschluss ist hierfür eine Teilnahmevoraussetzung, die für einige Studierende im ländlichen Raum leider noch nicht gegeben ist. Die Webinare können aber aufgezeichnet und den Teilnehmenden im Anschluss zum flexiblen Anschauen auf der gemeinsamen Lernplattform zur Verfügung gestellt werden.

Ohne Mehrbelastung

Frau an einem Whiteboard
An der Fachschule Bruchsal wird mit Smartboard unterrichtet. Der Fokus von Blended Learning liegt aber nicht (nur) auf der Anreicherung von Technik im Klassenzimmer. Foto: Miriam Grub

Einen anderen Ansatz verfolgt die Fachschule Bruchsal. Auch hier hat man sich eine Verzahnung von Präsenz- und Online-Unterricht sowie eine Reduktion von Fahrtkosten zum Ziel gesetzt. Die Online-Aufgaben sollen aber nicht noch zusätzlich zum bereits vollen Stundenplan der Studierenden hinzukommen, so Miriam Grub, die einen Blended-Learning-Kurs zum Thema Precision Farming entwickelt hat. Alle Online-Aktivitäten sind voll in den Stoffverteilungsplan integriert und für die Studierenden verpflichtend. Im vergangenen Fachschul-Winter wurden deshalb probeweise die Präsenztage von vier auf drei Tage reduziert. Das senkt Fahrtkosten und steigert die Flexibilität.

Das heißt allerdings nicht, dass die Studierenden weniger zu tun haben. Jede Woche bekommen sie klar definierte Arbeitsanweisungen zur Bearbeitung der Selbstlernmaterialen und Übungsaufgaben, die auf der Lernplattform bereitstehen. Wann sie diese bearbeiten, steht ihnen frei – aber erledigt müssen sie werden. Einmal pro Woche gibt es eine Online-Sprechstunde sowie Webinare zur Vertiefung der im Selbststudium erarbeiteten Themen.

Bei den Studierenden erfordert dieses Konzept ein hohes Maß an Organisationsfähigkeit und Selbstlernkompetenz – Kompetenzen, die nicht alle von Haus aus mitbringen und die oft erst einmal trainiert werden müssen. Auch in Bruchsal ist die Resonanz auf den modernen Unterricht aber positiv. Etwa Zweidrittel der Studierenden kann sich auch noch mehr virtuellen Unterricht vorstellen und freut sich über die größere Selbstständigkeit. "Das ist doch etwas ganz anderes als an der Berufsschule", so einer der Schüler.

Das übrige Drittel allerdings laufe Gefahr abgehängt zu werden, erklärt Schulleiter Arno Zürcher: "Es zeigt sich, dass gerade lernschwache Studierende häufig von arbeitsintensiven Betrieben kommen." Diese Gruppe tue sich besonders schwer, eigenständig Lernzeiten zu organisieren, statt in der Zeit auf dem Betrieb mitzuarbeiten. Es ist also nicht alles eitel Sonnenschein beim Blended Learning, aber kein Grund aufzugeben. "Wir müssen uns zusammensetzen und überlegen, wie wir das Potenzial der neuen Lernmethoden noch effektiver nutzen können, ohne dabei die Lernschwachen zu verlieren", so Zürcher.

Lehrkräfte schulen

Gerade in Bezug auf die Lernschwachen sieht Projektleiterin Dr. Sabine Fischer noch Potenzial in den neuen Medien. Spezielle Online-Fragestunden für Lernschwache zur Wiederholung sind denkbar. Auf der Lernplattform können Inhalte in Form von Quizzen und interaktiven Lerneinheiten noch einmal didaktisch aufbereitet und den Schülern zur Wiederholung zur Verfügung gestellt werden. Allerdings kämen die Lehrkräfte hier oft zeitlich an ihre Grenzen. Zusätzliche Lernmaterialen zur individuellen Vertiefung zu erstellen, wäre didaktisch sinnvoll, aber aufgrund mangelnder Arbeitskapazität oft schwierig umzusetzen. Mit zusätzlichem medienpädagogischem Personal allein ist es leider nicht getan. Denn auch ein Medientechniker kann nur programmieren, was vorher von den Fachlehrern inhaltlich entwickelt wurde.

Das weiß auch die Staatliche Weinbauschule in Weinsberg. Hier wurden zwei Medienpädagogen mit jeweils einer halben Stelle für das Projekt engagiert. Die zwei Projektmitarbeiter unterstützen die Lehrkräfte bei der Nutzung der Lernplattform und Entwicklung von interaktivem Unterrichtsmaterial. Ein Schwerpunkt ist auch das Erstellen von Lehrvideos, zum Beispiel zu Kreuzungsarbeiten im Weinberg. Der fachliche Input muss allerdings von den Fachlehrkräften kommen. Für die Projektmitarbeiter ist es deshalb besonders wichtig, den Lehrkräften in Fortbildungen technische Möglichkeiten aufzuzeigen und für die neuen Medien zu motivieren – damit diese wiederum Lust bekommen, ihre Lerninhalte mit Unterstützung der Projektmitarbeiter in Blended-Learning-Formate umzuarbeiten.

Hier gibt es große Unterschiede in der Motivation der Lehrkräfte. Auf der einen Seite finden sich die Pioniere, die sich selbst an der Erstellung von Lernanwendungen ausprobieren, auf der anderen Seite die Skeptiker, die den Sinn dahinter (noch) nicht sehen können. Klar ist, dass für den erfolgreichen Einsatz von Blended Learning alle an einem Strang ziehen müssen. Wenn nur eine einzige Lehrkraft Unterlagen auf die Lernplattform stellt, während die Kolleginnen und Kollegen rein analog arbeiten, sehen die Studierenden keine Notwendigkeit, die Plattform regelmäßig aufzurufen, vergessen häufig ihre Zugangsdaten und verpassen Ankündigungen und Aufgaben. Konsequenz ist also wichtig.

Auch sollten die Studierenden gleich zu Beginn des Schuljahres auf die Bedeutung des E-Learnings hingewiesen werden. Eine klare Kommunikation und Aufklärung über die Online-Angebote ist unabdingbar. Die Studierenden müssen zum Beispiel ein klares Verständnis darüber haben, welche Angebote freiwillig und welche verpflichtender Teil der Fort- und Weiterbildung sind.

Das Projekt "Blended Learning" läuft noch bis Ende des Jahres. Die Projektbeteiligten hoffen auf eine Verlängerung, denn Digitalisierung braucht Zeit. Sowohl Lehrkräfte als auch Studierende müssen sich an die neuen Unterrichtskonzepte gewöhnen und die nötige Medienkompetenz dafür erlangen. Erst dann kann das Potenzial von Blended Learning voll ausgeschöpft werden.


Die Autorin

Frau Fischer

Dr. Sabine Fischer

Projekt Blended Learning
Abteilung Bildung und Beratung an der Landesanstalt für Landwirtschaft, Ernährung und Ländlichen Raum (LEL) Schwäbisch Gmünd
Sabine.Fischer@lel.bwl.de