Verständnis füreinander entwickeln

Wenn die Schülerinnen und Schüler des Staatlichen Beruflichen Schulzentrums Ansbach-Triesdorf zu ihrer Partnerschule nach Frankreich reisen, steht immer auch ein Besuch beim Bürgermeister auf der Agenda. Bei Madeleines und Getränken werden sie im Rathaus empfangen und schon der Blick in die Schaltzentrale einer französischen Kleinstadt wird bereichernd sein. Was genau der Bürgermeister erzählt, übersetzen ihnen Dolmetscher. Die sind immer dabei, denn weder sprechen die deutschen Azubis Französisch noch sprechen die französischen Azubis Deutsch. „Aber das macht nichts“, findet der Fachlehrer Waldemar Hein, der die deutschen Jugendlichen auf den Lerntrip begleitet. „Beim Grillen, abends im Wohnheim oder beim Austernessen finden sie einen Weg – mit Händen und Füßen und mit Google-Übersetzer.“ 

Entscheidend sei der Blick über den Tellerrand – heute mehr denn je, so Hein. Vor drei Jahren hat er das Projekt übernommen, die Kontakte zur französischen Partnerschule in St. Yrieix la Perche aber bestehen inzwischen seit 20 Jahren. „Das Ziel ist es, dass die Jugendlichen durch gemeinsame Interessen und den persönlichen Umgang Verständnis füreinander entwickeln“, erklärt Hein. Sieben Tage verbringen die 35 Azubis mit ihren fünf Lehrkräften im 1.100 Kilometer entfernten St. Yrieix de Perche. Dort besuchen sie neben dem schuleigenen Lehrbetrieb Schafzüchter, Obstplantagen oder Austernzuchtbetriebe und lernen die regionalen Probleme der Landwirtinnen und Landwirte kennen. 

Den letzten Tag verbringen die Schülerinnen und Schüler in Paris – und auch dieser Kontrast, also das Landleben im Süden Frankreichs einerseits und die berühmte Metropole andererseits, setze einen weiteren kostbaren Impuls in den Köpfen der jungen Menschen, ist sich Hein sicher und betont: „Der europäische Gedanke hat – trotz aller Herausforderungen – auch neue Marktanteile eröffnet.“

Vertrautes in der Fremde

Eine Verbundenheit zur deutschen Kultur sorgte dafür, dass sich ein brasilianischer Landwirt bereit erklärte, Studierenden der Landwirtschaftsschule Bayreuth-Münchberg und ihren Kommilitonen aus der Landwirtschaftsschule Schweinfurt Einblicke in seinen Betrieb zu gewähren – online natürlich. Durch Zufall lernte einer der Lehrer den Landwirt im Urlaub kennen, der Lehrer erkannte die Chance und bat den Brasilianer, seinen Schülerinnen und Schülern von seinem Betrieb zu erzählen – einem der größten Brasiliens. Der Landwirt stimmte zu und schenkte den Schülerinnen und Schülern in einem Video-Call wertvolle Einblicke in seine landwirtschaftlichen Prozesse.

„Der Vater des Landwirtes gehörte zu den sogenannten Donauschwaben, die nach dem zweiten Weltkrieg nach Österreich vertrieben worden waren und später zu 500 Familien gehörten, die nach Brasilien auswanderten“, erklärt Ulf Felgenhauer, Pressesprecher des Amts für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Coburg-Kulmbach, dem auch der Lehrer angehört. Heute baut der Betrieb auf fast 44.000 Hektar als Hauptkultur Soja an, dazu kommen Mais, Gerste, Bohnen und Baumwolle. „Schon das sorgte für große Augen“, erzählt Felgenhauer. Denn immerhin sei die gesamte landwirtschaftlich genutzte Fläche im Landkreis Lichtenfels nur halb so groß. „Die Flächen sind außerdem nicht gepachtet, sondern das Eigentum des Landwirts“, bemerkt Felgenhauer. 

Für Erstaunen sorgten außerdem die Größenverhältnisse; so fahren beim Sojadrusch beispielsweise drei jeweils 15 Meter breite Sämaschinen direkt dahinter und säen gleich wieder Mais. Aber auch die Unterschiede in Bürokratie und Vorgaben beispielsweise im Bereich Pflanzenschutz hätten die Studierenden brennend interessiert. So viel kann Felgenhauer sagen: „Landwirte haben in Brasilien mehr Freiheiten, doch Karl Eduard Milla war es wichtig zu sagen, dass zwei Drittel der Landfläche in Brasilien geschützt seien.“ Ob der Vortrag wiederholt wird, ist noch unklar. Aber der Landwirt habe die Schülerinnen und Schüler eingeladen, eine Weile in seinem Betrieb zu arbeiten. Die deutschen Nachwuchskräfte seien besonders qualifiziert, habe er gelobt.

Gemeinsam arbeiten und lernen

Angehenden Führungskräften den Blick zu weiten – für Mitarbeiterführung ebenso wie für Ressourcenschonung – war Ziel der Lehrfahrt der Bayerischen Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau in Veitshöchheim. Im Rahmen des EU-geförderten Programmes Erasmus+ verbrachten angehende Meister im Zierpflanzenbau zwölf Tage in einem ausländischen Betrieb. „Dieses Jahr waren die Niederlande unser Ziel“, erklärt die Erasmus+-Beauftragte für Gartenbau, Beatrix Bieker-Royackers. 

Besonders die fachliche Wissenserweiterung steht hierbei im Fokus. „Deshalb bilden die Studierenden im Vorfeld Arbeitsgruppen, müssen Lernziele definieren, Betriebe auswählen und mit diesen auch selbständig in Kontakt treten und ihr Wissen später auch präsentieren“, erklärt sie. Von den niederländischen Kooperationen profitieren sie dabei besonders stark, denn viele der Firmen produzieren mit hochmodernen Technologien und haben Zweigstellen in Übersee. „Was nehmen wir mit für die Gärtnerei der Zukunft? Auch darum geht es“, führt Bieker-Royackers aus. So beschäftigten sich die angehenden Führungskräfte beispielsweise mit Biodiversität ebenso wie mit Abfallmanagement, effizienten Bewässerungssystemen und fairen Handelsbedingungen. In diesem Kontext zeigten ihnen die Betriebe auch auf, wie sie Fachkräfte finden und halten – etwa durch angenehm gestaltete Aufenthaltsräume und Mitspracherechte.

Zwar sind in den Niederlanden die Führungen oft noch auf Deutsch, dennoch würde Englisch immer wichtiger. „Darauf wollen wir noch mehr den Fokus legen, denn die Niederländer und auch die Skandinavier sprechen oft besser Englisch als unsere Studierenden“, bemerkt sie. In Zukunft sollen die Studierenden daher auch lernen, beispielsweise Fachvorträge in Englisch zu halten, denn das sei enorm wichtig für den internationalen Austausch.

50 Studierende im Alter zwischen 20 bis 30 Jahren aus den Fachsparten Weinbau, Gartenbau und Landespflege nehmen jedes Jahr an solchen Auslandsaufenthalten teil, sie alle sind auf dem Weg ihren Meister oder Techniker zu machen. Neben diesen kurzen Aufenthalten gibt es in der Sommerpause für die Studierenden die Möglichkeit an Erasmus+- geförderten Praktika im Ausland teilzunehmen. Partnerbetriebe dafür finden sich inzwischen in vielen EU-Staaten, beispielsweise in Österreich, Italien, Frankreich, Ungarn oder Spanien. Auch im außereuropäischen Raum, in Afrika, Amerika und Australien absolvieren immer wieder Studierende Praktika. „Man bleibt nicht mehr im Nationalen stecken“, erklärt Bieker-Royackers. Unterm Strich führen diese Aktionen in ihren Augen dazu, „über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen und zu lernen, wie andere Länder die großen Herausforderungen unserer Umwelt und Gesellschaft meistern.“

Neue Sichtweisen im Gepäck

Partnerschaftlich verbunden mit gleich mehreren europäischen Schulen ist die Justus-von-Liebig-Schule Hannover. Ebenfalls im Rahmen von Erasmus+ haben Schüler und Schülerinnen aus dem Bereich der Agrar- und Tierberufe seit mehr als 30 Jahren die Möglichkeit, an einem europäischen Schüleraustausch teilzunehmen. Dafür arbeiten sie
mit Partnerschulen in Frankreich, Polen, Schweden, Ungarn und Irland zusammen – mit unterschiedlichen betrieblichen Schwerpunkten.

Jedes Jahr reisen im Frühjahr etwa 20 Schüler und Schülerinnen im ersten Ausbildungsjahr für drei Wochen ins Ausland. „Diejenigen, die dabei mitmachen, sind nicht die, die viel reisen“, weiß Christine Menski, Abteilungsleiterin Agrar- und Tierberufe.  

Ein wenig zum Glück schubsen müsse man die jungen Leute, sagt sie. „Doch wenn es gut läuft, erzählen sie noch Jahre später davon.“ In den Partnerländern sind die Austauschschülerinnen und -schüler in den Familien integriert und erleben den Familien- und Arbeitsalltag hautnah. Und das bedeutet: Die Jugendlichen lernen andere Arbeitsweisen, Essgewohnheiten und Traditionen kennen und müssen Sprachhürden überwinden.  

„Das geht oft gut, manchmal aber muss man dann doch nach einer anderen Gastfamilie schauen und selten ist das Heimweh einfach zu groß“, erzählt Menski. „In Polen beispielsweise gibt es viel Familienanschluss und die jungen Gäste werden auch zu den Festen mitgenommen. Dafür ist das Land bekannt. In Schweden wird oft nicht im Betrieb übernachtet, sondern im Internat, manche finden das wiederum angenehmer.“ Doch wo immer die Jugendlichen auch sind, bei ihrer Rückkehr haben sie haufenweise neue Sichtweisen im Gepäck und seien „fünf Zentimeter größer“, erzählt Menski schmunzelnd. Und darum geht es: neue Perspektiven zu erhalten und eine Offenheit gegenüber anderen Kulturen, Menschen und Produktionsweisen zu gewinnen.


Bundesnetzwerk Europaschule

Das Bundesnetzwerk Europaschule ist ein Zusammenschluss von Schulen in Deutschland, die sich für europäische Themen und interkulturellen Austausch engagieren. Es fördert die europäische Bildung, indem es Schulen unterstützt, die ihren Schülerinnen und Schülern die Werte und Chancen der Europäischen Union näherbringen möchten. Kontakt: Bundesnetzwerk Europaschule c/o Schiller-Gymnasium Berlin, 030-9029-25921, info@bundesnetzwerk-europaschule.de, https://bundesnetzwerk-europaschule.de/