
Landwirtschaftliche Betriebe in Bayern stehen heute vor vielfältigen Herausforderungen – ökonomisch, gesellschaftlich und strukturell. Klar ist: Landwirtschaftliche Betriebe waren schon immer Orte für Innovationen. Betriebsstrukturen haben sich über die Jahrzehnte verändert und auch der Bereich der Diversifizierung ist über viele Jahre gewachsen. Klassische Entwicklungsstrategien, die bisher viele Betriebe eingeschlagen haben (zum Beispiel Wachstum in der Fläche oder in den Tierzahlen), werden jedoch aufgrund veränderter Rahmenbedingungen von immer mehr Betrieben kritisch hinterfragt.
Herausforderungen und Chancen
Gleichzeitig bietet die landwirtschaftliche Diversifizierung große Chancen, um wirtschaftlich stabiler und zukunftsfähiger zu werden. Immer mehr Betriebe suchen daher nach alternativen Einkommensquellen und innovativen Geschäftsfeldern. Der Einstieg in neuartige und noch wenig bekannte Geschäftsfelder hingegen ist für die Betriebsleiterinnen und Betriebsleiter oft Neuland und der Aufbau neuer Betriebszweige dabei ein vielschichtiger Prozess mit erheblichen Herausforderungen. Gefordert sind Offenheit, Mut und der feste Wille, neue Wege zu gehen. Im Mittelpunkt stehen dabei die Menschen auf den Höfen – sie gestalten mit ihrem Engagement die Zukunft des ländlichen Raums aktiv mit.
NEU.LAND. setzt genau hier an: Das Gründerzentrum unterstützt landwirtschaftliche Unternehmerinnen und Unternehmer dabei, neue Ideen zu entwickeln und konkrete Umsetzungsstrategien zu erarbeiten. Die Angebote von NEU.LAND. richten sich dabei an alle Menschen aus der Landwirtschaft, die offen für Veränderung sind. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um Haupt- oder Nebenerwerbsbetriebe, um bestehende Betriebe, Quereinsteiger oder Betriebe im Übergabeprozess handelt. Die vom Bayerischen Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft, Forsten und Tourismus geförderte Initiative wird an der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL) umgesetzt und befindet sich seit Juli 2023 im strukturellen Aufbau am Standort Ruhstorf an der Rott.
Orientiert an den Kernaufgaben der LfL als Wissens- und Dienstleistungszentrum für die bayerische Landwirtschaft bietet NEU.LAND. den landwirtschaftlichen Betrieben einen spürbaren Mehrwert: Es werden praxisnahe Perspektiven aufgezeigt und durch gezielte Unterstützung Innovationskräfte in der Landwirtschaft forciert. Die gewonnenen Erfahrungen und Erfolgsfaktoren sollen in die Beratungspraxis einfließen und als Grundlage für die Weiterentwicklung von Unterstützungsmaßnahmen dienen.

Digitale Wissensplattform
Im Zentrum der Wissensvermittlung steht die im Aufbau befindliche digitale Plattform von NEU.LAND. Sie bietet eine strukturierte Übersicht zu Gründungsthemen in der Landwirtschaft, darunter:
- Erfahrungsberichte aus der landwirtschaftlichen Praxis („Hofstories“): Sie öffnen den Blick für neue Möglichkeiten und zeigen, wie andere Unternehmerinnen und Unternehmer erfolgreich in neue Betriebszweige eingestiegen sind,
- digitale Veranstaltungsformate (zum Beispiel „LfL InfoTalks“),
- praxisnahe Fachinformationen rund um die Gründung neuer Betriebszweige,
- Verweise auf Unterstützungsangebote und relevante Ansprechpartner.
Ziel ist es, den Einstieg in neue Geschäftsfelder durch strukturiertes Wissen zu erleichtern und praxisorientierte Informationen leicht zugänglich zu machen.
Netzwerke als Ideenschmiede
Durch vielfältige Veranstaltungsformate werden landwirtschaftliche Praxis sowie Vertreterinnen und Vertretern aus Wissenschaft, Wirtschaft, Verbänden und staatlicher Verwaltung zusammengebracht. Durch das Engagement aller beteiligten Stakeholder wird dadurch ein breit angelegtes Netzwerk aufgebaut. Im Rahmen der Veranstaltungen sollen Impulse gesetzt, Ideen gemeinsam entwickelt und neue, zukunftsweisende Geschäftsfelder für die bayerische Landwirtschaft identifiziert und diskutiert werden. In sogenannten Stakeholder-Foren werden innovative Geschäftsideen konkretisiert und neue Wertschöpfungspotenziale für die Landwirtschaft identifiziert. Diese Veranstaltungen liefern praxisnahes Wissen, das wiederum in die Online-Plattform einfließt und dort einer breiten Zielgruppe zugänglich gemacht wird. Zu den Themen „Innovative Lebensmittel vom Acker“ und „(Senioren) Wohnen auf dem Hof“ fanden bereits mehrere Stakeholder-Foren statt.
Coaching in der Gründungsphase
Ein zentrales Unterstützungsangebot von NEU.LAND. ist das Pilotprojekt Coaching, das gezielt landwirtschaftliche Gründungsprozesse begleitet. Es verfolgt das Ziel, Coaching als Unterstützung in landwirtschaftlichen Gründungsprozessen zu erproben. Dabei geht es um:
- eine wissenschaftlich begleitete Analyse des Status quo und des Bedarfs,
- die direkte Begleitung von ausgewählten landwirtschaftlichen Pilotbetrieben durch erfahrene Gründer-Coaches,
- die systematische Auswertung von Erfolgsfaktoren und Hemmnissen im Gründungsprozess.
Ziel des Pilotprojektes ist es, Coaching als eine in der Landwirtschaft noch wenig bekannte Unterstützungsmaßnahme zu evaluieren. Coaching ist dabei als Prozessbegleitung zu verstehen und bringt die Betriebsleiterfamilien mit dem Ansatz „Hilfe zur Selbsthilfe“ selbst ins Handeln.
Zwei Betriebsaufrufe wurden bisher gestartet. Dabei konnten sich landwirtschaftliche Betriebe melden, die eine innovative Geschäftsidee vor Augen haben und Konzepte für neuartige Betriebszweige der Diversifizierung umsetzen möchten. In den beiden Runden wurden durch einen mehrstufigen Auswahlprozess aus insgesamt über 100 Bewerbungen 20 Pilotbetriebe ausgewählt. Diese Betriebe werden bis Ende 2025 im Umsetzungsprozess ihrer Vorhaben von erfahrenen Gründer-Coaches und Fachexperten, sowie dem NEU.LAND. Team begleitet und unterstützt.
Die im Rahmen des Pilotprojektes stattfindenden Vernetzungstreffen zeigen die Bandbreite der innovativen Konzepte. Sie reichen von nachhaltigen Energiekonzepten, Agroforst auf Grünland, Aquaponik, Trüffeln, Microgreens über neue Angebotsformen der Sozialen Landwirtschaft bis hin zu innovativen Direktvermarktungs- und Veranstaltungsformen. Die Pilotbetriebe könnten unterschiedlicher nicht sein: Vom traditionellen Familienbetrieb über den Nebenerwerbsbetrieb bis hin zum kleinen Start-up spiegelt die Teilnehmergruppe die Breite der bayerischen Landwirtschaft wider. Die Unterschiede in Größe, Ausrichtung und historischer Entwicklung bieten eine gute Grundlage für vielfältige Ideen und Herangehensweisen. Das schafft nicht nur eine lebendige Atmosphäre im Projekt, sondern fördert auch den Austausch und die gegenseitige Inspiration. Doch vor allem eines verbindet die Pilotbetriebe: Sie wollen Neues wagen und dabei nachhaltige Einkommensalternativen fernab der bereits in der Landwirtschaft etablierten Betriebszweige aufbauen.
Wissenschaftliche Kompetenz
Parallel zur praktischen Arbeit baut NEU.LAND. wissenschaftliche Kompetenz in zwei zentralen Themenfeldern auf:
- Agrarökonomische Bewertung neuer Betriebszweige: Hier geht es um betriebswirtschaftliche Tragfähigkeit, Marktpotenziale und Chancen innerhalb bestehender oder neuer Wertschöpfungsketten.
- Sozioökonomische und agrarsoziologische Aspekte: Analysiert werden die betrieblichen, familiären und persönlichen Veränderungen, die mit Gründungsprozessen verbunden sind – einschließlich möglicher Hemmnisse und Erfolgsfaktoren. Zentrale Fragestellung hierbei: Welche betrieblichen und persönlichen Faktoren fördern oder hemmen Veränderungs- und Gründungsprozesse auf landwirtschaftlichen Betrieben? Angestrebt wird die Identifizierung und Bewertung von Dynamiken und Einflussfaktoren.
Die daraus abgeleiteten Erkenntnisse werden für die staatliche Beratung aufbereitet und in die Weiterentwicklung von Unterstützungsstrukturen integriert.
Knotenpunkt für Innovationen
Durch die Kombination aus digitalen Angeboten, Netzwerkarbeit, individueller Gründungsbegleitung und wissenschaftlicher Analyse positioniert sich NEU.LAND. als zentrale Schnittstelle für Innovation und Entwicklung in der bayerischen Landwirtschaft. Die gesammelten Erfahrungen und Ergebnisse aus dem Aufbauprozess sollen in den kommenden Jahren in die Breite getragen werden. NEU.LAND. leistet damit einen Beitrag zur Sicherung der wirtschaftlichen Stabilität, zur Erhöhung der Anpassungsfähigkeit landwirtschaftlicher Betriebe sowie zur Erschließung neuer gesellschaftlicher und ökologischer Wirkungsfelder.

Links
Aktuelle Informationen, Veranstaltungen und Erfahrungsberichte rund um das landwirtschaftliche Gründerzentrum unter: www.gruenderzentrum.lfl.bayern.de



