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Welche Berufe und Tätigkeiten es in Zukunft geben wird, darüber lässt sich nur spekulieren. Das Phänomen ist bekannt. Niemand ahnte 1980, dass einmal Menschen ihr Geld als Influencer verdienen, dass Landwirtinnen und Landwirte für Natur- und Umweltschutz bezahlt werden oder dass Bauernhöfe auch Lernorte oder Pflegewohnheime sein können.

Die Welt von heute ist geprägt von großen Herausforderungen wie der Digitalisierung, Klimakrise, Kriegen und dem demografischen Wandel. Die Arbeitswelt in der Landwirtschaft verändert sich dadurch immer schneller. Alle müssen lernen, sich auf stetig verändernde Rahmenbedingungen und Arbeitsumgebungen einzustellen. Das Weltwirtschaftsforum (World Economic Forum) prognostizierte 2016 in seinem „The Future Jobs“ Report, dass 65 Prozent der Grundschulkinder in Berufen arbeiten werden, die es aktuell noch gar nicht gibt.

Zwischen Tradition und Fortschritt

Um langfristig wettbewerbsfähig zu bleiben, brauchen landwirtschaftliche Unternehmen nicht nur die Fähigkeit effizient zu arbeiten, sondern auch neue Wege zu finden, flexibel zu sein und sich anzupassen. „Aus meiner Erfahrung ist Innovationsfähigkeit etwas, das die Balance zwischen Tradition und Fortschritt schafft“, sagt Birgit Stelzer, seit drei Jahren Geschäftsführerin des Entrepreneurs Campus der Universität Ulm. Diese zentrale Einrichtung zwischen Forschung und Verwaltung unterstützt Akademikerinnen und Akademiker, die ihre Idee zu einem Produkt beziehungsweise einem Geschäftsmodell weiterentwickeln wollen.

Als Wissenschaftlerin, Gründerin und Innovationscoach ist Stelzer überzeugt: Innovationsfähigkeit ist keine exklusive Gabe, sondern erlernbar. Durch die Begleitung von vielen Start-ups und durch ihre Forschung kommt sie zum Schluss, dass Innovationsfähigkeit vor allem eine Haltung ist. „Innovation entsteht durch Netzwerke, Selbstorganisation und neue Lernkulturen – weniger durch starre Prozesse und gerne auch außerhalb klassischer Karrierewege“, sagt Stelzer. Damit ein Team Innovationskraft entwickeln kann, braucht es eine Kultur des Lernens, Experimentierfreude, Wertschätzung und die Bereitschaft, neue Technologien auszuprobieren.

Innovationskultur schaffen

Betriebe in Deutschland haben Nachholbedarf. Jedes Jahr erhebt der Bundesverband der Deutschen Industrie zusammen mit Partnerinnen und Partnern den Innovationsindikator. Dieser misst die Innovationsfähigkeit von 35 Volkswirtschaften und stellt sie in einem Länder-Ranking dar. Seit Jahren verliert Deutschland an Punkten und wird von anderen Ländern überholt. Mittlerweile (Stand: 2024) liegt die Bundesrepublik nur noch im Mittelfeld auf Platz 12.

„In Deutschland definieren wir uns sehr über das Fachexpertentum, das steckt in unserer DNA“, erklärt Birgit Stelzer. „Innovationskraft entfaltet sich besonders gut, wenn wir Fachexpertise mit Gestaltungsfreude, kultureller Vielfalt, Mut zum Risiko und dem notwendigen Freiraum kombinieren.“ Voraussetzung ist ein Kulturwandel im landwirtschaftlichen Betrieb, der folgende Faktoren umfasst:

  • diverse Teams,
  • Bereitschaft zur interdisziplinären Zusammenarbeit und
  • den Mut, tradierte Denkmuster zu verlassen.

Um Innovationen entstehen zu lassen, braucht es keinen Großkonzern und kein riesiges Budget. Viel wichtiger ist es, eine Atmosphäre zu schaffen, in der Ideen willkommen sind. Wichtige Zutaten sind dabei vor allem eine offene Kommunikation, konstruktive Kritik, Neugier, Kreativität und Lust auf Erneuerung. „Innovationsfähigkeit heißt auch, einfach mal irritieren zu wollen oder Fragen zu stellen, die zunächst unpopulär sind“, sagt Stelzer. Gleichzeitig gilt es, eine neue Fehlerkultur zu schaffen – mit der Haltung, aus Fehlern zu lernen und nicht an ihnen zu scheitern. Ein Team wird einfallsreicher, wenn Fehler erlaubt sind und nicht bestraft werden.

Soziale Innovationen

Im Laufe ihrer Forschung hat Stelzer erkannt, dass Innovationsfähigkeit beim Menschen beginnt, und nicht bei der Maschine. „Eine Organisation ist von Menschen gemacht, sie wird vom Menschen gelebt, wir interagieren miteinander. Freude kommt bei uns viel zu kurz: Freude am Neuen, an der Neugier und auch an dem Gemeinsamen, also kollaborativ etwas Neues zu wollen“, sagt die Forscherin.

Damit Betriebe zukunftsfähig werden, sollten sie nicht nur auf neue Technologien und Digitalisierung schauen. Soziale Innovationen haben in der Landwirtschaft schon häufig dafür gesorgt, dass sich neue Möglichkeiten auftun: zum Beispiel, dass Bauernhöfe zu Lernorten werden, dass sich Erzeuger und Verbraucher zu Solidarischen Landwirtschaften zusammenschließen oder dass landwirtschaftliche Unternehmen Hofgebäude zu Seniorenwohnstätten umbauen.

Die EU-Kommission hat eine eigene Abteilung für Soziale Landwirtschaft und erforscht deren Potenziale. Die niederländische Forscherin Marjolein Elings von der Universität Wageningen ist eine der Expertinnen in der EU-Fokusgruppe „Social farming and innovations“. Elings sagt: „Landwirtinnen und Landwirte haben Diamanten in ihren Händen. Sie sind sich dessen aber zu wenig bewusst und zu wenig stolz darauf. Deshalb nutzen sie die Potenziale der Sozialen Landwirtschaft nicht.“

Partizipationsbereitschaft fördern

Innovationsprozesse (im landwirtschaftlichen Betrieb) erzeugen auch Widerstände. „Innovation verändert den Arbeitsalltag von Menschen“, sagt die Wirtschaftswissenschaftlerin Birgit Stelzer. Und das gefällt vielen nicht. Veränderungen machen oft Angst statt Freude. Damit müssen Unternehmen offensiv umgehen. Es braucht gute Kommunikationsfertigkeiten, Austausch und die Akzeptanz, dass Veränderungen nicht sofort mit offenen Armen empfangen werden. „Ganz klassisch wie in jeder Beziehung muss ich erst einmal verstehen, warum es Widerstände gibt“, sagt Stelzer. Dafür brauchen Vorgesetzte eine gewisse Übersetzungsfähigkeit. So wie sie in der Lage sein müssen, die Sprache von Geldgebenden oder Verbraucherinnen und Verbrauchern zu sprechen, müssen sie auch die Sprache der Mitarbeitenden sprechen und verstehen können.

Um Mitarbeitende im Innovationprozess mitzunehmen, müssen Vorgesetzte dafür sorgen, dass diese ihr Wissen, Fertigkeiten und Arbeitstechniken erweitern können. Auch hier kommt es auf die Haltung an: Es geht nicht darum, irgendeine Schulung oder einen Workshop zu machen. Neue Technologien, Verfahren und Prozesse lassen sich auch gleich vor Ort in einem begleiteten Feldversuch praktisch ausprobieren.

Wer seinen Betrieb innovativ(er) aufstellen möchte, sollte überlegen, wie Mitarbeitende effektiv in diesen Prozess eingebunden werden und zufrieden mitwirken können. Ein methodischer Ansatz, der Kreativität und Zusammenarbeit fördert, ist das Design Thinking (s. Infotext). Dabei arbeiten am besten interdisziplinäre Teams zusammen, um innovative Produkte, Dienstleistungen und Prozesse zu entwickeln.


Von der Idee zur Lösung

Design Thinking wird häufig im Innovationsmanagement eingesetzt. Die Methode läuft in folgenden Schritten ab:

  • Empathie gewinnen: Es geht darum, Verständnis für die Bedürfnisse und Probleme der Zielgruppe aufzubauen. Was beschäftigt die Zielgruppe? Welche Bedürfnisse hat sie? Was ist das Problem?
  • Fragestellung definieren: Mithilfe der recherchierten Informationen und Erkenntnissen formuliert das Team die Aufgabe. Worum geht es? Wofür müssen wir eine Lösung finden?
  • Ideen sammeln: Das Team sammelt alle Einfälle zur Problemlösung – ohne Wertung.
  • Prototypen erstellen: Mit einfachen Mitteln und möglichst wenig Aufwand erstellt das Team aus den gesammelten Ideen Prototypen, um sich der Lösung zu nähern. Prototypen können verschieden sein, zum Beispiel Skizzen, Storyboards, 3D-Modelle, Filme.
  • Prototypen testen: Das Team und am besten auch Menschen aus der Zielgruppe testen die Prototypen und geben Feedback. Die Erfahrungen aus diesen Tests fließen in die Weiterentwicklung ein.

Bildung als Innovationstreiber

Grundvoraussetzung für Innovationen sei eine breite und ausreichend hohe Partizipationsbereitschaft der individuellen Arbeitnehmenden, die wiederum vom Berufsbildungssystem und seiner Einbettung in das gesamte Bildungssystem befördert werden könne, betonen Uschi Backes-Gellner und Patrick Lehnert, Forschende am Institut für Betriebswirtschaftslehre der Universität Zürich. Berufsbildung beschreiben sie in ihrer Forschungsarbeit als wesentlichen Faktor im Innovationsgeschehen. Um diese Innovationseffekte beruflicher Bildung beizubehalten, sind folgende Rahmenbedingungen nötig:

  • eine zukunftsorientierte Gestaltung und Aktualisierung von Berufsausbildungscurricula,
  • die Vermittlung von breiten beruflichen statt engen betriebsspezifischen Kompetenzen in dualen Berufsausbildungsprogrammen,
  • ein durchlässiges Bildungssystem mit attraktiven Karrierepfaden und
  • eine Verknüpfung von tertiärer beruflicher Bildung und angewandter Forschung.

Wie Veränderungsbereitschaft und Innovationskraft in der Landwirtschaft auf Ebene der Berufsbildung gestärkt werden können, zeigt beispielhaft das Weiterbildungsprogramm im Rahmen des Erasmus+-Projekts OFAFFU – Organic Farming for Future. Hintergrund: Um die Klimakrise und die Biodiversitätskrise einzudämmen, hat sich die Europäische Kommission bis 2030 zum Ziel gesetzt, dass mindestens 25 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche in Europa ökologisch bewirtschaftet werden sollen. Derzeit liegt Europa bei 8,5 Prozent (Organic Action Plan, 2021). In einer Bedarfsanalyse hat das EU-Projekt OFAFFU herausgefunden, dass viele Landwirtinnen und Landwirte den bürokratischen Aufwand bei einer Umstellung zu groß finden. Mehr als 60 Prozent der Befragten gaben aber auch an, dass sie zu wenig über ökologische Landwirtschaft wissen und in ihrer Ausbildung auch zu wenig darüber gelernt haben (EU Projekt OFAFFU, White Paper 2024). Hier setzt das OFAFFU-Training an, indem nachhaltige Betriebskonzepte, Methoden ökologischer Landwirtschaft, globale, regionale und lokale Entwicklungen, Synergien ökologischer und ökonomischer Arbeitsweisen thematisiert werden. Das Projekt bietet ein kostenloses Trainingshandbuch und gibt seine Erkenntnisse in einem Podcast weiter.


Links

Weltwirtschaftsforum zur Zukunft der Arbeit, 2016, Report „The Future of Jobs“: 
https://www3.weforum.org/docs/WEF_Future_of_Jobs.pdf

LinkedIn Profil Birgit Stelzer: 
www.linkedin.com/in/dr-birgit-stelzer https://www.uni-ulm.de/einrichtungen/startup-beratung/

Innovationsindikator 2024 (Studie von BDI, Roland Berger, Fraunhofer ISI und ZEW): 
https://www.innovationsindikator.de/2024

Fokusgruppe des EU-GAP-Netzwerks „Soziale Landwirtschaft und Innovationen“: 
https://eu-cap-network.ec.europa.eu/publications/fact-sheet-social-farming-and-innovations_de

Backes-Gellner, U.; Lehnert P.: Berufliche Bildung als Innovationstreiber: Ein langes vernachlässigtes Forschungsfeld (veröffentlicht 18. April 2023): 
https://www.degruyterbrill.com/document/doi/10.1515/pwp-2022-0036/html

Erasmus+ Projekt OFAFFU – Organic Farming for Future Bildung und Landwirtschaft, 2023: 
https://ofaffu.eu/de/projekt/; 
Podcast: 
https://open.spotify.com/show/1pVKdW9i3BJIsHeyM91XgY
https://epale.ec.europa.eu/de/blog/die-zukunft-der-landwirtschaft-und-die-bedeutung-von-green-skills-von-landwirten
https://ofaffu.eu/wp-content/uploads/2024/07/OFAFFU_White-Paper_DE.pdf