
80 Hektar Ackerfläche am Oberrheingraben, leichter Sandboden, 650 Millimeter Niederschlag im Jahr und ein Ziel: Humusaufbau. Eine Auszubildende tippt diese Eckdaten in einen Chatbot – und stößt damit eine Frage an, die gerade den gesamten Agrarunterricht in Baden-Württemberg umtreibt: Kann eine Maschine bei der Fruchtfolge mitreden? Und wenn ja – wie weit darf man ihr trauen?
Seit dem 1. August 2026 ist diese Frage kein Gedankenspiel mehr, sondern Pflichtprogramm. Der neue Bildungsplan „Arbeitsprozesse KI-gestützt gestalten“, gehört als Wahlpflichtbereich zum Stundenplan aller Ausbildungsberufe in Baden-Württemberg – auch für die haus- und landwirtschaftlichen Berufsfelder. Damit Lehrkräfte diese Vorgabe im Klassenzimmer lernförderlich umsetzen können, sorgt das „KI-Zentrum Schule“ gemeinsam mit den Regionalstellen des Zentrums für Schulqualität und Lehrerbildung (ZSL) für ein wachsendes Fortbildungs-, Beratungs- und Materialangebot.
Ein aktuelles Beispiel daraus: Die ZSL-Regionalstelle Mannheim hat am Seminar für Ausbildung und Fortbildung der Lehrkräfte Karlsruhe (Berufliche Schulen) die Fortbildung „Arbeitsprozesse in der haus- und landwirtschaftlichen Berufsschule KI-gestützt gestalten“ durchgeführt – speziell auch für Berufsschullehrkräfte aus dem Agrarbereich. Organisiert wurde diese Veranstaltung vom Regionalen Fachteam KI im Fachunterricht (RFT KI) unter Leitung von Svenja Hausener-Witkovsky, gemeinsam mit Michael Steinel und Michael Jeschke.
Unterstützungsstruktur
Dass das Thema Künstliche Intelligenz (KI) an den Schulen längst angekommen ist, zeigen die Rückmeldungen der Teilnehmenden. „Wichtig und zeitgemäß“, notiert eine Lehrkraft. Eine andere sieht vor allem den praktischen Nutzen: „Pro: betriebliche Relevanz.“
Damit diese Ideen nicht an jeder Schule neu erfunden werden müssen, hat das Land Baden-Württemberg eine mehrstufige Struktur aufgebaut: Das Ministerium für Kultus setzt mit Bildungsplan und Zielanalyse den fachlichen Rahmen. Das „KI-Zentrum Schule“ in Heilbronn übersetzt diesen Rahmen in landesweite Unterstützung: Fortbildungskonzepte, didaktische Materialien und die technische Infrastruktur, allen voran die datenschutzkonforme Landeslösung AIS.chat innerhalb der Bildungsplattform schule@bw. Die ZSL-Regionalstellen setzen diese Vorgaben und Konzepte vor Ort mit Fortbildungen für die jeweiligen Berufsfelder, so wie in Karlsruhe, um.
Für Lehrkräfte heißt das konkret: Erste Anlaufstelle ist die Arbeitsfeldleitung 7 der jeweiligen ZSL-Regionalstelle – sie kennt die Fortbildungsangebote, vermittelt Kontakte zu den Fachteams KI und öffnet den Zugang zu Materialien und Beratung, unabhängig vom Berufsfeld. Wer selbst mit KI arbeiten möchte, findet mit F13 und AIS.chat schulisch geprüfte, datenschutzkonforme Lösungen, ohne eigene Lizenzverträge aushandeln zu müssen.

Kritische Haltung gefragt
Was der neue Bildungsplan nicht will: Auszubildende zu Bedienern eines bestimmten Tools machen. Was er will, ist deutlich anspruchsvoller. Wer zum Beispiel eine Fruchtfolge plant, eine Fütterung dokumentiert oder ein Rezept kalkuliert, soll künf-tig selbst entscheiden können: Hilft mir hier KI – und wie gut ist das, was sie mir liefert? Wer mit KI arbeitet, muss also auch ihre Schwächen kennen. Halluzinationen, verzerrte Trainingsdaten, rechtliche Fallstricke bei Urheberrecht und Betriebsgeheimnissen – all das gehört genauso zum Lernstoff wie das Prompten selbst. Eine Teilnehmerin aus Karlsruhe brachte es auf den Punkt: „Zentrale Kompetenz für die Zukunftsfähigkeit.“ Eine andere war vorsichtiger: „Zukunftsfähig, aber noch nicht immer ganz alltagstauglich.“
Wie groß der Bedarf an einem strukturierten Vorgehen ist, machte eine Rückmeldung aus Karlsruhe deutlich: „Dringend notwendig. Endlich gibt es eine Art Leitfaden.“ Der Aufbau folgte deshalb konsequent der Zielanalyse: erst rechtlicher und organisatorischer Rahmen, dann technische und didaktische Grundlagen und zum Schluss der Ernstfall. In dieser Arbeitsphase mussten die Lehrkräfte selbst aktiv werden. Unterstützt wurden sie von einer Checkliste statt einer Blaupause.
Dass daraus ein Ganztagsformat wurde und keine kurze Online-Session, ist kein Zufall, sondern Erfahrungswert. Svenja Hausener-Witkovsky, Michael Steinel und Michael Jeschke, die die Fortbildung gemeinsam konzipierten, bringen es unisono auf den Punkt: „Der Aufbau als Ganztagsveranstaltung hat eindrücklich gezeigt: Reine Informationsvermittlung verpufft oft im Nachbereitungsstress. Erst die Verbindung aus fundierten Grundlagen und einer direkt betreuten, gemeinsamen Umsetzung bricht Hemmschwellen auf und stiftet den größten Mehrwert. Genau dieser Dreiklang aus gezieltem Impuls, eigenständiger Anwendung und persönlicher Begleitung ist der Schlüssel für einen nachhaltigen Transfer in den Schulalltag.“ Kein Wunder, dass sich einzelne Teilnehmende im Nachhinein sogar noch mehr Zeit gewünscht hätten – ein Format, das offenbar eher zu kurz als zu lang war.
Fruchtfolge per Prompt
Wie konkret das aussehen kann, zeigte die Arbeitsgruppe Agrar mit ihrer eigenen Lernsituation, die auf einem fiktiven, aber realitätsnahen Betrieb basierte. Die Auszubildenden starteten mit einem simplen Prompt und fütterten die KI Stück für Stück mit mehr Information (Bodenart, Niederschlag) – das Ziel: Humusaufbau. Je präziser die Eingabe erfolgte, desto brauchbarer war die Antwort. Der eigentliche Lernmoment kam aber erst danach: Hatte die KI eine Kultur vorgeschlagen, die am Standort niemals wachsen würde, mussten die Auszubildenden ihre Kenntnisse einbringen und korrigieren. Genau dafür diente ein Reflexionsbogen mit fünf Leitfragen: Welche KI-Aussagen stimmten, welche mussten korrigiert werden, welche Informationen fehlten, wie veränderte sich die Antwortqualität durch einen besseren Prompt – und könnte das Ergebnis ohne fachliche Kontrolle übernommen werden?
Erst nach kritischem Hinterfragen kann aus einem Chatbot-Vorschlag eine geprüfte Entscheidung werden. Klar ist dabei: Diese Fruchtfolgeplanung ist kein fertiges Material aus dem Ministerium oder ZSL, sondern der erste Wurf einer engagierten Arbeitsgruppe – ein Beleg dafür, dass sich der Bildungsplan tatsächlich in einer einzigen Fortbildung in greifbaren Unterricht übersetzen lässt. Der zeitliche Rahmen ist bewusst offen: 40, 60 oder 80 Unterrichtsstunden, einsetzbar im ersten bis dritten Ausbildungsjahr, in Teilzeit- oder Blockklassen; als Zusatzqualifikation endet es mit einer Prüfung. Sobald in der Umsetzung reale Betriebsdaten ins Spiel kommen (Schlagkarteien, Rezepturen, Kundendaten), wird Datenschutz zur Pflicht: Personenbezogene und vertrauliche Informationen dürfen nicht unbedacht in KI-Systeme eingegeben werden. Die KI-Assistenz F13 und der KI-gestütze Chatbot AIS.chat auf der Plattform schule@bw sind genau dafür die vom Land bereitgestellte Antwort; wer andere Tools nutzt, muss selbst prüfen, ob ein gültiger Auftragsverarbeitungsvertrag vorliegt und welche Daten verarbeitet werden.
Transfer in die Praxis
Agrar- oder Hauswirtschaftslehrkräfte, die wissen wollen, wie sich diese Ideen auf das eigene Fach übertragen lassen, müssen nicht bei null anfangen. Über das offizielle Portal LFB-Online des Landes Baden-Württemberg lassen sich passende Fortbildungen zum Themenschwerpunkt KI – insbesondere zum neuen Bildungsplan – gezielt über das Suchstichwort „KIBSAP“ (Künstliche Intelligenz Berufliche Schulen Arbeitsprozesse) finden. Für die fachspezifische Umsetzung im eigenen Unterricht steht zudem eine persönliche Beratung bereit: Die Arbeitsfeldleitung 7 (AF7) der zuständigen ZSL-Regionalstelle vermittelt den Kontakt zu den dort verorteten Fachberaterinnen und Fachberatern für Unterrichtsentwicklung. Denn neben den allgemeinen KI-Kompetenzen, überwiegend vermittelt über KI-Zentrum Schule und ZSL, braucht es im Unterrichtsalltag vor allem den fachspezifischen, praxisnahen Einsatz von KI – genau das, was die Fortbildung in Karlsruhe vorgemacht hat. Weitere Veranstaltungen in diesem Format sind bereits in Planung. Einen Überblick bietet zudem die Website des Ministeriums für Kultus.
Die KI darf rechnen, vorschlagen, sogar mitdenken. Die entscheidende Zukunftskompetenz ist deshalb nicht, möglichst viele KI-Tools bedienen zu können. Es ist die Fähigkeit, ihre Ergebnisse einzuordnen, kritisch zu hinterfragen – und am Ende selbst verantwortlich zu entscheiden.
Links
Bildungsplan „Arbeitsprozesse KI-gestützt gestalten": https://bildungsplaene-bw.de/site/bildungsplan-rebrush2024/get/documents_E-372272077/lsbw/Bildungsplaene-BERS/bs/Wahlpflichtbereich/BS-Wahlpflicht-KI-2026.pdf. (Abruf: 04.09.2026)
ZSL – KI-Zentrum Schule: https://zsl-bw.de/,Lde/5441420_6338057_10913818_24869159_23033606. (Abruf: 04.09.2026)
Ministerium für Kultus – KI im Unterricht: https://km.baden-wuerttemberg.de/de/schule/digitalisierung/kuenstliche-intelligenz-im-unterricht. (Abruf: 04.09.2026)
Hinweis zum KI-Einsatz
Bei der Überarbeitung dieses Artikels wurde unterstützend ein KI-Sprachmodell (Claude Sonnet 5, Anthropic) eingesetzt. Konkret kam die KI zum Einsatz für die sprachliche Umformulierung, die stilistische Glättung sowie die technische Formatierung.
Recherche, Berichterstattung, Zitatinhalte, Fakten und die redaktionelle Verantwortung für den Artikel liegen beim Autor.




