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Wie werden landwirtschaftliche Böden widerstandsfähiger gegen Klimawandel, Erosion und Ertragsunsicherheit? Das EU-Projekt TRAILS4SOIL untersucht diese Frage in fünf europäischen Reallaboren, sogenannten Living Labs. Wissenschaft-liche Erkenntnisse, betriebliche Erfahrung und Beratung kommen dabei zusam-men. So soll Wissen über gesunde Böden stärker in die Praxis getragen werden.
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Gesunde Böden sind die Grundlage landwirtschaftlicher Produktion. Sie speichern Wasser, versorgen Pflanzen mit Nährstoffen, binden Kohlenstoff und bilden den Lebensraum für eine große Vielfalt an Bodenorganismen, deren Anzahl viele Milliarden Individuen umfasst. Gleichzeitig geraten Böden in Europa zunehmend unter Druck. Intensive Bodenbearbeitung, geringe Bodenbedeckung, einseitige Fruchtfolgen, Verdichtung, Erosion und klimatische Veränderungen beeinträchtigen vielerorts die Bodenfunktionen. Nach aktuellem Stand gelten bereits über 60 Prozent der europäischen Böden als degradiert. Damit steht nicht nur die Ertragsfähigkeit einzelner Standorte infrage, sondern auch die langfristige Stabilität landwirtschaftlicher Systeme (Pravalie et al. 2024; European Commission 2020; Arias-Navarro et al. 2024).

Standortangepasste Praktiken

Vor diesem Hintergrund wurde das europäische Forschungsprojekt TRAILS4SOIL – Transformative Living Labs for Soil Health gestartet (siehe Infotext). Im Zentrum stehen sogenannte ReCAP, also Regenerative and Conservation Agriculture Practices (siehe Abbildung). Dazu zählen unter anderem:

  • minimaler Bodeneingriff,
  • permanente Bodenbedeckung,
  • vielfältige Fruchtfolgen,
  • immergrüne Anbausysteme sowie
  • die gezielte Integration von Beweidung und Tierhaltung in pflanzenbauliche Systeme.

Diese Maßnahmen sollen nicht isoliert betrachtet werden, sondern als standortangepasste Bausteine für widerstandsfähige Betriebssysteme (Miller-Klugesherz et al. 2023; Heller et al. 2024).

Living-Lab-Ansatz

TRAILS4SOIL arbeitet mit einem Living-Lab-Ansatz. Das bedeutet: Forschung, landwirtschaftliche Praxis, Beratung, Bildung, Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft sollen nicht nacheinander, sondern gemeinsam an Lösungen arbeiten. Die Maßnahmen werden auf real wirtschaftenden Betrieben entwickelt, getestet und bewertet. So soll vermieden werden, dass wissenschaftliche Empfehlungen an den praktischen Bedingungen der Betriebe vorbeigehen. Zusätzlich sollen sich die Stakeholder verschiedenster Bereiche einbringen können.

Europaweit entstehen fünf Living Labs in unterschiedlichen Agrarökosystemen. In Spanien und Portugal liegt der Schwerpunkt auf Dauerkulturen. Österreich und die Schweiz befassen sich mit regenerativen Ansätzen im ökologischen Landbau. Rumänien, Moldawien und die Ukraine widmen sich dem Schutz fruchtbarer Schwarzerden. In Slowenien steht die Verbindung von Pflanzenbau und Viehhaltung im Fokus. Das deutsche Reallabor 3 bearbeitet das Thema „Anpassung an den Klimawandel“.

Insgesamt sollen in den fünf Living Labs 100 Versuchsstandorte aufgebaut werden. Darunter befinden sich auch sogenannte Lighthouse-Betriebe, die eine besondere Rolle für Demonstration, Öffentlichkeitsarbeit und Wissenstransfer übernehmen.


TRAILS4SOIL

Das Projekt „Transformative Living Labs for Soil Health“ wird im Rahmen des Forschungs- und Innovationsprogramms Horizon Europe der Europäischen Union unter der Fördervereinbarung Nr. 101218949 finanziell unterstützt und durch das Schweizer Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation kofinanziert. Das Projekt ist auf fünf Jahre angelegt und läuft von 2025 bis 2030. Ziel ist es, regenerative und konservierende landwirtschaftliche Praktiken unter Praxisbedingungen zu erproben, wissenschaftlich zu begleiten und gemeinsam mit landwirtschaftlichen Betrieben weiterzuentwickeln. Europaweit entstehen fünf Living Labs in unterschiedlichen Agrarökosystemen. Das deutsche Reallabor unter Leitung der Fachhochschule Südwestfalen bearbeitet das Thema „Anpassung an den Klimawandel“.


Klimaanpassung im Reallabor

Die Leitung des deutschen Reallabors wird dabei von der Fachhochschule Südwestfalen übernommen. Verantwortlich ist die Soester Bodenkunde unter der Leitung von Prof. Dr. Thomas Weyer. Als deutscher Reallaborpartner ist die Gesellschaft für konservierende Bodenbearbeitung e. V. (GKB) unter der Leitung von Dr. Jana Epperlein beteiligt.

Das deutsche Living Lab umfasst aktuell elf aktive landwirtschaftliche Betriebe und soll auf 20 Betriebe erweitert werden. Für die Öffentlichkeitsarbeit sollen zusätzlich Lighthouse-Betriebe ausgewählt werden, die beispielhaft zeigen, wie regenerative und konservierende Praktiken im betrieblichen Alltag umgesetzt werden können. Teilnehmende Betriebe erhalten für die Umsetzung der vereinbarten Maßnahmen einen finanziellen Ausgleich über mehrere Saisons. Damit wird berücksichtigt, dass Umstellungsprozesse nicht nur fachlich, sondern auch wirtschaftlich abgesichert werden müssen.

Im deutschen Reallabor geht es vor allem um die Frage, wie Böden unter veränderten klimatischen Bedingungen stabiler werden können. Längere Trockenperioden, Starkregenereignisse und steigende Temperaturen stellen viele Betriebe vor neue Herausforderungen. Böden mit stabiler Struktur, hoher biologischer Aktivität, guter Infiltrationsleistung und ausreichender organischer Substanz können Wasser besser aufnehmen und speichern. Genau hier setzen regenerative und konservierende Maßnahmen an.

Ein zentrales Anliegen von TRAILS4SOIL ist es, Maßnahmen nicht pauschal zu empfehlen. Was auf einem Standort funktioniert, muss auf einem anderen nicht automatisch erfolgreich sein. Bodenart, Klima, Fruchtfolge, Betriebsstruktur, Maschinenausstattung, Arbeitswirtschaft und Vermarktung beeinflussen, welches Gesamtsystem sinnvoll und umsetzbar ist. Aus diesem Grund werden die ReCAP im Living Lab gemeinsam mit den Betrieben entwickelt.

Wissenschaftlich begleitet wird dies durch Benchmarking und Monitoring. Dabei sollen Effekte auf Bodengesundheit, biologische Vielfalt, Ökosystemleistungen und langfristige betriebliche Tragfähigkeit erfasst werden.

Neben bodenkundlichen Parametern sind auch Erträge, Kosten, Arbeitsaufwand und betriebswirtschaftliche Fragen wichtig: Denn nachhaltige Bodenbewirtschaftung kann nur dann dauerhaft umgesetzt werden, wenn sie ökologisch sinnvoll und ökonomisch tragfähig ist.

Hindernisse bei der Umstellung

Die Umstellung auf regenerative oder konservierende Bewirtschaftungssysteme ist für viele Betriebe kein einfacher Schritt. Hindernisse bei der Umsetzung ergeben sich auf vielen Ebenen:

  • Wissenslücken: Oft fehlen regionale Erfahrungen, belastbare Versuchsergebnisse oder konkrete Handlungsempfehlungen für bestimmte Standortbedingungen. Wenn Betriebe nicht einschätzen können, wie sich eine Maßnahme auf Ertrag, Unkrautdruck, Nährstoffverfügbarkeit oder Arbeitswirtschaft auswirkt, steigt das wahrgenommene Risiko (McNeil et al. 2021; Hansda et al. 2021).
  • technische Fragen: Reduzierte Bodenbearbeitung, Zwischenfruchtmanagement oder Direktsaat erfordern häufig andere Maschinen, neues Know-how und eine angepasste Bestandsführung. Nicht jeder Betrieb hat Zugang zu geeigneter Technik oder Beratung. Hinzu kommen Investitionskosten, die gerade in wirtschaftlich angespannten Situationen schwer zu tragen sind (Padel et al. 2025; Heller et al. 2024).
  • politische und administrative Rahmenbedingungen: Komplexe Regelungen, hoher Dokumentationsaufwand, unsichere Förderkulissen und nicht ausreichend passgenaue Anreize können die Einführung neuer Verfahren erschwe-ren. Viele politische Strategien betonen zwar Bodenschutz, Biodiversität und Klimaanpassung, unterstützen regenerative und konservierende Ansätze aber nicht immer ausdrücklich oder ausreichend zielgerichtet (Philips et al. 2021; Padel et al. 2025).
  • soziale Faktoren: Landwirtschaftliche Entscheidungen entstehen nicht im „luftleeren Raum“. Erfahrungen in der Nachbarschaft, Erwartungen von Berufskollegen, Altersstruktur der Betriebsleiter, deren Risikobereitschaft und betriebliche Traditionen beeinflussen, ob neue Verfahren ausprobiert werden. Deshalb braucht es nicht nur Forschungsergebnisse, sondern auch sichtbare Praxisbeispiele und Austausch auf Augenhöhe (Heller et al. 2025; Padel et al. 2025; McNeil et al. 2021).

Bodenkompetenz fördern

Gerade für Bildung und Beratung bietet TRAILS4SOIL wichtige Ansatzpunkte. Das Projekt will nicht nur Daten erzeugen, sondern Wissen in die landwirtschaftliche Praxis, Ausbildung und Beratung übertragen. Der Living-Lab-Ansatz bringt dabei frühzeitig Betriebe, Wissenschaft und Beratung zusammen.

Geplante Feldtage zeigen, wie Maßnahmen unter realen Bedingungen aussehen: Welche Zwischenfruchtmischung wurde gewählt? Wie wurde der minimale Bodeneingriff angepasst? Wie lassen sich in Direktsaatsystemen sichere Erträge erreichen? Welche Probleme traten auf? Welche Effekte sind im Boden, im Pflanzenbestand oder bei der Befahrbarkeit sichtbar? Solche konkreten Beobachtungen sind für Lernprozesse oftmals wirkungsvoller als abstrakte Empfehlungen.

Bodengesundheit wird dabei nicht nur als theoretisches Thema behandelt, sondern mit praktischen Entscheidungen verknüpft. Auszubildende, Studierende und Beratungskräfte können lernen, Bodenstruktur, Durchwurzelung, Bodenleben, Wasserhaushalt und Bewirtschaftungsmaßnahmen gemeinsam zu beurteilen. Damit wird Bodenkompetenz zu einer Schlüsselqualifikation für zukünftige Betriebsleiterinnen und Betriebsleiter.

Für die Beratung entsteht die Möglichkeit, regional angepasste Erfahrungen aufzubauen. Aus Maßnahmen die auf deutschen Betrieben getestet und wissenschaftlich begleitet werden, können später praxisnahe Empfehlungen entstehen. Beratung kann dann gezielter auf Standort, Betriebszweig und Risikoprofil eingehen. Gleichzeitig wird deutlich, wo politische oder wirtschaftliche Rahmenbedingungen verbessert werden müssen, damit bodenschonende Systeme breiter umgesetzt werden können.

Neben Feldtagen und Schulungen spielen aber auch digitale Formate eine Rolle. Über soziale Medien, Projektkommunikation und Netzwerke können Ergebnisse sichtbar gemacht und Betriebe miteinander verbunden werden. Besonders Light-house-Betriebe dienen dabei als Brücke zwischen Forschung, Praxis und Öffentlichkeit.

Bodenschutz in Kooperation

TRAILS4SOIL zeigt, dass Bodengesundheit nicht allein eine technische Frage ist. Sie betrifft Produktion, Ökologie, Wirtschaftlichkeit, Ausbildung, Beratung und Agrarpolitik gleichermaßen. Der Erfolg regenerativer und konservierender Landwirtschaft hängt davon ab, ob Maßnahmen fachlich fundiert, betrieblich umsetzbar und gesellschaftlich unterstützt werden.

Das deutsche Reallabor 3 übernimmt dabei eine wichtige Rolle. Es prüft, wie landwirtschaftliche Betriebe ihre Böden besser an Klimastress anpassen können und welche Unterstützung sie dafür benötigen. Wenn es gelingt, wissenschaftliche Er-kenntnisse, betriebliche Erfahrung und Beratung miteinander zu verbinden, leistet TRAILS4SOIL einen großen Beitrag, Bodengesundheit stärker in den Mittelpunkt landwirtschaftlicher Entscheidungen zu rücken.

Für die Betriebe geht es dabei nicht nur um Umweltleistungen, sondern auch um die eigene Zukunftsfähigkeit: stabile Erträge, bessere Wassernutzung, geringere Erosionsrisiken und resilientere Produktionssysteme, die ökologisch und ökonomisch Sinn ergeben.


Literatur

Arias-Navarro, C.; Baritz, R.; Jones, A. (Hrsg.) (2024): The state of soils in Europe (JRC137600). Publications Office of the European Union.
https://data.europa.eu/doi/10.2760/7007291 (Abruf: 14.07.2026)

European Commission (2020): Caring for soil is caring for life: Ensure 75 % of soils are healthy by 2030 for food, people, nature and climate: Report of the Mission Board for Soil Health and Food. Publications Office. https://data.europa.eu/doi/10.2777/821504 (Abruf: 14.07.2026)

Hansda, R.; Areal, F.; Reed, M.; Study Site partners (2021): Soil Care Report describing final stakeholder workshops held in study sites, detailing stakeholder feedback on preliminary findings (Deliverable 3.4). SOILCARE Project. http://imt.soilcare-project.eu/ 

Heller, O.; Di Bene, C. D.; Nino, P.; Huyghebaert, B.; Arlauskienė, A.; Castanheira, N. L.; Higgins, S.; Horel, A.; Kir, A.; Kizeková, M.; Lacoste, M.; Munkholm, L. J.; O’Sullivan, L.; Radzikowski, P.; Rodríguez-Cruz, M. S.; Sandén, T.; Šarūnaitė, L.; Seidel, F.; Spiegel, H.; Stalenga, J.; Uusi-Kämppä, J.; Vervuurt, W.; Keller, T.; Vanwindekens, F. (2024): Towards enhanced adoption of soil-improving management practices in Europe. In: European Journal of Soil Science, 75(2), e13483. https://doi.org/10.1111/ejss.13483 (Abruf: 14.07.2026)

McNeill, A.; Muro, M.; Tugran, T.; Lukacova, Z. (2021): Report on the selection of good policy alternatives at EU and study site level (Deliverable 7.2). SOILCARE Project.

Miller-Klugesherz, J. A.; Sanderson, M. R. (2023): Good for the soil, but good for the farmer? Addiction and recovery in transitions to regenerative agriculture. In: Journal of Rural Studies, 103, 103123.

Padel, S.; Kunya, Z.; Lampkin, N.; Jónász, G.; Szépkuthy, K. (2025): Analysis of barriers of conversion and recommendations for strengthening organic advisory services and capacity building (Deliverable D5.2). OrganicTargets4EU Project. https://orgprints.org/id/eprint/55675/ (Abruf: 14.07.2026)

Phillips, A.; O’Sullivan, L.; Wall, D. (2021): Summary report on policy needs identified (Deliverable 8.3). European Joint Programme SOIL (EJP SOIL). https://edepot.wur.nl/587409  (Abruf: 14.07.2026)

Prăvălie, R.; Borrelli, P.; Panagos, P.; Ballabio, C.; Lugato, E.; Chappell, A.; Miguez-Macho, G.; Maggi, F.; Peng, J.; Niculița, M.; Roșca, B.; Patriche, C.; Dumitrașcu, M.; Bandoc, G.; Niță, I.-A.; Birsan, M.-V. (2024): A unifying modelling of multiple land degradation pathways in Europe. In: Nature Communications, 15(1), 3862. https://doi.org/10.1038/s41467-024-48252-x (Abruf: 14.07.2026)


Links

Weitere Informationen zum Projekt TRAILS4SOIL unter:
https://trails4soil.eu, https://fh-swf.de/cms/trails4soil/ und https://cordis.europa.eu/project/id/101218949