
Ein schüchternes Kind lebt bei der Begegnung mit einem Hund sichtbar auf, nervöse Menschen entspannen sich im Kontakt mit einem Haustier, körperlich eingeschränkte Menschen entfalten ihre motorischen Fähigkeiten, um eine Kuh oder ein Schaf zu streicheln – im Alltag ist die positive Wirkung von Tieren auf Menschen oft zu beobachten. Und in Therapien, bei Lernangeboten, in der Pflege oder Sozialarbeit lässt sie sich systematisch nutzen. Hier kommen Tiere zum Einsatz, um physische, soziale, emotionale oder kognitiver Fähigkeiten zu fördern und Lebensqualität zu erhöhen.
Therapeutische oder pädagogische Maßnahmen, die auf Mensch-Tier-Interaktionen beruhen, werden als Tiergestützte Interventionen (TGI) bezeichnet. Sie müssen stets durch eine entsprechend qualifizierte Person ausgeführt werden, die das Tier anleitet und versorgt.
In der Regel lassen sich Menschen mit einer Grundqualifikation (Berufsausbildung oder Studium) in einem therapeutischen, pädagogischen oder sozialen Beruf in Tiergestützter Intervention weiterbilden. Ihre Arbeit basiert dann auf dem Beziehungsdreieck Klient, Tier und Fachkraft. Aber auch Menschen in der Landwirtschaft ohne therapeutische, pädagogische oder soziale Qualifikation steht der Weg zur Fachkraft für TGI offen. Die Agrartechnikerin Andrea Göhring hat diesen Weg eingeschlagen. Sie führt einen ökologischen Ackerbaubetrieb im Kreis Sigmaringen. „Landwirtschaftliche Betriebe sind heute oft groß und unzugänglich“, bedauert sie. Ihr Betrieb liegt dagegen mitten im Dorf. „Hier schauen ständig Menschen vorbei.“ Sie lud Schulklassen auf den Hof ein und bildete sich in Bauernhofpädagogik fort.
Tiere gehören für sie einfach zur Landwirtschaft dazu – auch wenn sie die Schweinehaltung ihrer Eltern nicht fortführte. Die Kinder sollten die Beziehungen und Kreisläufe im Leben auf dem Hof kennenlernen. 2010 erwarb sie die Qualifikation als Fachkraft für tiergestützte Therapie, Beratung und Pädagogik am Institut des Psychotherapeuten und TGI-Pioniers Rainer Wohlfarth. Inzwischen arbeitet Andrea Göhring regelmäßig mit Förderschulen und Behinderteneinrichtungen zusammen. Weil sie selbst keine berufliche Qualifikation in einem therapeutischen, pädagogischen oder sozialen Bereich hat, bietet sie tiergestützte Maßnahmen ausschließlich im Team mit einer weiteren Fachkraft an, beispielsweise einer Ergotherapeutin, einer Pflegeperson, einem Sonder- oder Sozialpädagogen.
Tier und Mensch im Team
Im Zusammenspiel zwischen Klienten, Therapeuten, Tieren und TGI-Fachkraft ergeben sich andere Beziehungen als im oben beschriebenen Dreieck. Andrea Göhring spricht gerne von der „Arbeit im Diamanten“ (mit vier Kanten), und sie schätzt diese Art der Intervention sehr. Die Fachkraft für TGI bringt das Wissen um die Tierhaltung und -versorgung mit, sie kennt die Stärken verschiedener Tiere, deren Einsatzmöglichkeiten, aber auch die Grenzen. „Gerade Menschen mit Erfahrung in der Landwirtschaft bringen häufig ein tiefes Verständnis für die Bedarfe der Tiere mit“, sagt Göhring. Sie erkennen schnell, wenn ein Tier in Stress gerät und eine Auszeit braucht. Bei der Arbeit zu viert habe eine der anleitenden Personen das Tier stärker im Blick, die andere eher die Klientin oder den Klienten. Dass die Kommunikation dabei reibungsfrei läuft, setzt intensive Vorbereitung voraus. „Wir planen gemeinsam die Abläufe, legen Förderziele für die Klientinnen und Klienten fest und dokumentieren Verlauf und Erfolge. Therapeutische, pädagogische und TGI-Fachkräfte kennen und vertrauen sich“, sagt Andrea Göhring.
Sie hat sich nicht nur selbst zur Fachkraft weiterbilden lassen. Ihrer Erfahrungen in der Arbeit mit Menschen mit Einschränkungen auf ihrem Hof haben sie auch motiviert, ein Konzept für die Weiterbildung zur „Fachkraft für den Einsatz von Bauernhoftieren in Therapie und Pädagogik“ zu entwickeln. „Der Hof ist ein wertfreier Raum und die sinnstiftende Arbeit für viele Menschen ein heilsamer Prozess.“ Mit ihrer Arbeit öffnet sie diesen Raum für Menschen mit Bedarf. Und sie erschließt neue Perspektiven für die wirtschaftliche Entwicklung des Hofes. „Inzwischen tragen meine Angebote in der TGI etwa 40 Prozent unseres Einkommens bei.“

Weiterbildungskonzept
Andrea Göhring bietet in Kooperation mit verschiedenen Dozentinnen und Dozenten selbst die Weiterbildung zur Fachkraft für TGI an. Die Weiterbildung umfasst insgesamt zwei Jahre. Im ersten Jahr finden sieben Wochenendmodule (auf dem Hof oder als Exkursion) sowie eine Praxiswoche statt. Zudem besuchen die Teilnehmenden Online-Seminare im Umfang von 135 Unterrichtseinheiten. Es wird mit einer schriftlichen und einer mündlichen Prüfung abgeschlossen. Im zweiten Jahr absolvieren sie ein 60-stündiges Praktikum und 40 Stunden Praxiszeit mit einem eigenen Projekt. Während der gesamten Weiterbildung führen sie ein Lerntagebuch. „Darin halten sie fest, wie sich ihre Einstellungen entwickeln“, erklärt Andrea Göhring. „Die Haltung in Fragen der Tierethik verändert sich beispielsweise, wenn die Teilnehmenden während ihrer Weiterbildung über gegenseitiges Vertrauen, Begegnung auf Augenhöhe oder die Rechte der Tiere als Teampartner nachdenken.“
Die Bereitschaft, die eigene Haltung immer wieder zu prüfen und zu ändern, hält die Ausbilderin für eine unverzichtbare Voraussetzung, um sich in TGI weiterbilden zu lassen. „Liebe zum Tier allein reicht nicht“, betont sie. „Um der Verantwortung dieser speziellen Form von Umgang mit Tier und Menschen gerecht werden zu können, müssen die Teilnehmenden bereit sein, sich selbst kritisch zu reflektieren und auch Grenzen zu überschreiten.“ Dabei hilft die Supervision, die Teilnehmende auch im zweiten Jahr in Anspruch nehmen. Zum Abschluss verfassen die angehenden Fachkräfte eine eigene wissenschaftlich untermauerte Arbeit zu einem frei gewählten Thema in ihrem jeweiligen Schwerpunktgebiet. Das kann von pferdegestützter Therapie bei Depressionen, über den Einsatz von Tieren im Hospiz bis hin zur Führungskräfteentwicklung mithilfe von Vierbeinern reichen. „Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt“, unterstreicht Andrea Göhring.
Die Weiterbildung, die Andrea Göhring auf ihrem Hof anbietet, ist zertifiziert durch die International Society for Animal Assisted Therapie (ISAAT). Außerdem akkreditiert in Deutschland die European Society for Animal Assisted Therapie (ESAAT) qualitätsgeprüfte Aus- und Weiterbildungsangebote. Die Organisationen prüfen die angebotenen Kurse auf ethische und Tierwohl-Aspekte sowie auf die pädagogische Qualität der Lerninhalte und Vermittlung. Beide bewerten die Angebote nach Maßgaben der International Association of Human-Animal Interaction Organizations (IAHAIO) und deren Leitlinien für die tiergestützte Intervention. Die Akkreditierung durch die ISAAT ist auch auf internationale Vergleichbarkeit ausgerichtet, während sich Akkreditierung durch die ESAAT stark an EU-Vorgaben orientiert. Bei der Auswahl der Weiterbildung ist für Interessenten oft das passende Angebot und die Erreichbarkeit entscheidender, als die Frage, ob ein Kurs durch die ESAAT oder die ISAAT akkreditiert ist.
Professionalisierung fördern
Die Angebote an Tiergestützter Intervention und an Weiterbildungen dazu sind vielfältig und es herrscht nicht selten Unklarheit hinsichtlich der verwendeten Begriffe. Der Bundesverband Tiergestützte Interventionen e.V. (BTI) hat sich zum Ziel gesetzt, die Professionalisierung der tiergestützten Intervention kontinuierlich weiterzuentwickeln und verbindliche Standards in dem Arbeitsbereich durchzusetzen. Mitglieder verpflichten sich unter anderem dazu, auf Basis der „Definitionen der IAHAIO für Tiergestützte Interventionen und Richtlinien für das Wohlbefinden der beteiligten Tiere“ und der „Empfehlungen der Tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz“ zu arbeiten. Der Verband unterstützt außerdem Forschungsvorhaben, die Tiergestützte Interventionen untersuchen, um die wissenschaftliche Grundlage für die Konzeption und Durchführung Tiergestützter Interventionen zu verbessern. Auf der Webseite des BTI sind durch ESAAT und ISAAT akkreditierte Weiterbildungsangebote zu finden. Zu reinen Online-Angeboten sagt der Verband dabei klar: Nein. „Die Aus- und Weiterbildung ist stark praxisorientiert“, betont auch Andrea Göhring, die Mitglied im Verband ist. „Online sind Erfahrungen und Emotionen nicht zu vermitteln; für die Arbeit mit Tier und Mensch spielen sie aber eine entscheidende Rolle.“
Links
tiergestützte - Die Fachzeitschrift für das Arbeitsfeld der tiergestützten Intervention (hrsg. v. Institut für soziales Lernen mit Tieren https://lernen-mit-tieren.de/)
https://isaat.org/
https://www.esaat.org/
https://andrea-goehring.de/
Institut Rainer Wohlfarth: https://animotion-institut.de/ani-motion-therapeutisches-team/



