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Die Soziale Landwirtschaft kombiniert den (Arbeits-)Alltag landwirtschaftlicher Betriebe mit sozialer Arbeit. Eins haben die Konzepte der Sozialen Landwirtschaft gemeinsam: Die eigenständige Arbeit mit Tieren, Pflanzen und der Erde sowie das direkte Erleben von Natur, Jahresverlauf und bäuerlichem Alltag fördern Selbstvertrauen und Wohlbefinden der Menschen. Und auch den landwirtschaftlichen Betrieben bringen die Angebote einen Mehrwert, denn so kann eine weitere Einkommensquelle geschaffen werden – unabhängig von wechselnden Wetterbedingungen zur Ernte oder anderen äußeren Faktoren.

Pflegebauernhof Pusch

Seit 2011 bietet der Nebenerwerbsbetrieb von Guido und Alexandra Pusch in Marienrachdorf (Rheinland-Pfalz) über 20 Senioren und Seniorinnen sowie pflegebedürftigen Personen ein Zuhause. Zu der Hofgemeinschaft gehören außerdem Hühner, Schweine, Gänse, Bienen und Alpakas, um die sich alle gemeinsam kümmern. Auf die Idee für seinen Pflegebauernhof kam Guido Pusch, als seine eigene Großmutter pflegebedürftig wurde und die Familie gemeinsam anpackte, um eine Pflege zuhause zu ermöglichen. „Einen Ort, an dem man bis zum Ende bleiben kann“, das wollte der Nebenerwerbslandwirt auch anderen Menschen anbieten können und startete das Projekt Pflegebauernhof.

Die neue Bewohnerschaft des Hofes kann eigenständig feste Aufgaben in der Landwirtschaft übernehmen, wie das morgendliche Eiersammeln bei den Hühnern oder die Imkerei. Diese „Jobs“ sorgen für Routine, Bewegung und finden meist an der frischen Luft statt. Wie sie ihren Alltag gestalten und ob sie sich an der Landwirtschaft beteiligen, können die Senioren und Seniorinnen frei entscheiden. Sie genießen das Landleben, machen Spaziergänge und pflegen ihre Interessen. Die Unterbringung erfolgt in gemütlichen Zimmern mit eigenem Badezimmer, das Mittagessen wird gemeinsam in der Hofküche vorbereitet.

Es ist rund um die Uhr Pflegepersonal vor Ort, um eine gute Versorgung der Hofbewohnenden sicherzustellen. Die Familie Pusch selbst wohnt im Dorf und ist täglich auf dem Betrieb unterwegs. Rund 300 Anfragen im Monat und eine dementsprechend lange Warteliste zeigen Alexandra und Guido Pusch, dass ihr Konzept aufgeht: „Diese Sinnhaftigkeit und das eigenständige Erfüllen von Aufgaben auf dem Hof geben den Menschen sehr viel. Schließlich hatten sie alle früher einen Beruf“, erklärt Guido Pusch, der mittlerweile auch andere landwirtschaftliche Betriebe berät, die ihren Hof in einen Pflegebauernhof verwandeln möchten. Seine positiven Erfahrungen weiterzugeben, sei ihm sehr wichtig, betont er.

Erlebnishof Löwenzahn

Auch Heidi Geßner wagte gemeinsam mit ihrem Mann Sebastian eine Veränderung. Im Jahr 2021 eröffnete die Wirtschafterin im Landbau auf ihrem Gemischtbetrieb mit Rindern, circa 60 Hektar Acker- und 40 Hektar Grünland im bayrischen Großbardorf einen Bauernhofkindergarten – den Erlebnishof Löwenzahn. Ein kleines, fröhlich gelbes Gebäude direkt am Hof dient nun als Außenstelle des örtlichen Kindergartens. Laut der Landwirtin können aktuell 15 Kinder den Alltag auf dem Bauernhof hautnah und zu jeder Jahreszeit erleben – natürlich immer in Begleitung eines Erziehers oder einer Erzieherin. „Dieses Geschenk, dass ich täglich füttern und ausmisten darf, kann ich nicht für mich allein behalten. Ich will anderen Menschen und vor allem Kindern den Zugang zu meinen Tieren und letztlich zur Landwirtschaft ermöglichen“, erklärt die Landwirtin begeistert.

Sie selbst arbeitete viele Jahre als zahnmedizinische Fachangestellte, bis es sie doch heim auf den elterlichen Betrieb zog und sie nebenberuflich ihre Ausbildung absolvierte. Mit viel Herzblut hat sie nach der Betriebsübernahme einen Ort geschaffen, an dem Klein und Groß Landwirtschaft miterleben können. Ergänzt wird das Angebot des Kindergartens nämlich durch einen alten Bauernwagen, den „Treffpunkt Bauernhof“, der als Anlaufstelle für den Kindergarten, Schulklassen und als Seniorentreff dient. Heidi Geßner ist sich sicher: „Landwirtschaft verbindet und macht Spaß! Das bekomme ich regelmäßig bestätigt, zum Beispiel, wenn Schulklassen am Programm ‚Lernort Bauernhof‘ teilnehmen.“

Initiative Pflegehof

„Wir träumen davon, dass alle Menschen in Würde und selbstbestimmt älter werden können. Deshalb haben wir es uns zur Aufgabe gemacht, den Green-Care-Ansatz in Deutschland zu verbreiten“, berichtet Dr. Katharina Rosteius von der Initiative Pflegehof. Ziel ihres Teams aus Spezialisten, Projektmanagern und Architekten ist es, Pflegehöfe und Pflegebauernhöfe für ältere Menschen mit Pflegebedarf und insbesondere Menschen mit demenziellen Veränderungen zu gestalten.

Gleichzeitig plant die Initiative ein eigenes Projekt: Im niedersächsischen Landkreis Lüchow-Dannenberg soll auf zwei Hektar Fläche ein Pflegehof nach niederländischem Vorbild für Senioren und Seniorinnen mit Pflegebedarf entstehen. Nach vielen intensiven Vorgesprächen mit wichtigen Akteuren und der Gemeinde Zernien sowie getreu dem Motto „Ein Projekt von Vielen für Viele“ fiel die Entscheidung für das Vorhaben. Es sollen vier ambulant betreute Pflege-Wohngemeinschaften für jeweils zwölf ältere Menschen und insbesondere Menschen mit Demenz entstehen. Ambulante Pflegedienste stellen eine 24-stündige Betreuung der Bewohnenden sicher. Dank ihrer grünen Umgebung bieten sich den älteren Menschen viele Möglichkeiten, um mit der Natur und Tieren in Kontakt zu kommen und persönliche, sinnstiftende Tätigkeitsfelder zu finden.

Darüber hinaus unterstützt die Initiative Pflegehof andere Interessierte bei der Umsetzung ihrer Ideen und teilt ihr Wissen. Gemeinsam mit dem Land Niedersachsen und kofinanziert durch die Europäische Union soll Ende 2026 ein Modulhandbuch entstehen, in dem alle notwendigen Schritte zur erfolgreichen Realisierung eines Pflegehof-Projekts beschrieben sind.

Mehrgenerationshof

2004 entstand auf dem Hof von Familie Müller die erste „Senioren-WG“. Sie befindet sich auch heute noch im ersten Obergeschoß des Wohnhauses und bietet Platz für vier Personen. Jeder Bewohner hat sein eigenes Zimmer, die Gemeinschaftsräume werden geteilt. Im Erdgeschoss des Hauses wohnen Theo und Andrea Müller. Nach und nach wurden weitere Gebäude des Hofes, wie der Stall oder eine ehemalige Ferienwohnung, umgebaut und mehr Wohnraum geschaffen – die aktive Landwirtschaft wurde schrittweise aufgegeben. Mit dem Kauf und der Renovierung des Nachbarhofes entstanden nochmal weitere Wohngemeinschaften. Heute sind es 26 Plätze, die die Familie anbietet. Die Seniorinnen und Senioren auf dem Hof können auf unterstützende Leistungen wie die Versorgung mit Mahlzeiten, frischer Wäsche und Reinigung der Wohnräume zurückgreifen – die Wahl eines passenden Pflegedienstes erfolgt selbstständig. Bei Problemen ist außerdem immer eine Ansprechperson in der Nähe.

„Unsere Zielgruppe erweiterte sich aufgrund der Nachfrage zunehmend auf Menschen aller Altersgruppen“, blickt Andrea Müller auf die Anfänge des Projekts zurück. Mit dem Einzug von zwei Pflegekindern und ihrer Mutter im Rahmen der Familienpflege kam der Hof schließlich zu seinem heutigen Namen: Mehrgenerationshof. „Unser Ziel ist es, Menschen aller Altersgruppen mit und ohne Beeinträchtigungen ein Zuhause in familiärer Atmosphäre zu bieten und ein möglichst selbstbestimmtes Wohnen zu ermöglichen“, erklärt sie. Der Umgang mit den hofeigenen Tieren – Eseln, Pferde, Schafen, Katzen und Schildkröten – ist natürlich auch möglich. Teilweise übernehmen die Bewohnenden des Hofes auch die Versorgung einzelner Tiere. Sie können sich außerdem an gemeinsamen Aktivitäten, zum Beispiel Kochgruppen, Spieleabende und Geburtstagsfeiern, beteiligen.