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Landwirtschaftliche Betriebe können zu Orten der Tages- oder Vollzeitbetreuung, zu betreuten Wohngemeinschaften oder zu Erlebnishöfen werden, wo die Menschen ihren Alltag hinter sich lassen, mit allen Sinnen die Natur, andere Menschen und sich selbst erleben und durch soziale Interaktion gestärkt werden, so das bayerische Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft, Forsten und Tourismus. Dies könne nicht nur die Lebensqualität für die Betroffenen verbessern, sondern auch eine wertvolle Entlastung für Angehörige darstellen. Die Angebote seien daher mit ihrer jeweiligen Zielsetzung, ihren Leistungsspektren und der Aufenthaltsdauer auf dem Hof sehr vielfältig. Sie reichten vom Wohnen, der Versorgung und Betreuung bis hin zur Mitarbeit im landwirtschaftlichen Betrieb, Garten und Haushalt.

Bestandsaufnahme

Mittlerweile ist Bayern ein „Hotspot“ der Sozialen Landwirtschaft geworden. Das Bayerische Landwirtschaftsministerium führt aktuell 300 Betriebe für ganz Bayern auf, die einen Betriebszweig in diesem Bereich aufgebaut haben: „Wir zählen dazu keine Angebote für Schulen im Erlebnisbereich oder Gesundheitsangebote auf Urlaubshöfen, nutzen also nicht den weiten Begriff von Green Care“, erläutert Regine Wiesend vom zuständigen Fachreferat. Bereits 2014 hatte das Bayerische Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten eine Bestandsaufnahme in Auftrag gegeben, 2019 gab es eine Aktualisierung, die auch Betriebe mit diesen Angeboten berücksichtigte. Allerdings wurden hierbei nicht alle Betriebe/Anbieter einbezogen, sondern lediglich 51 landwirtschaftliche Familienbetriebe und 26 Sozialeinrichtungen mit angegliederter Landwirtschaft befragt. Welche Entwicklungen und Merkmale lassen sich hinsichtlich Strukturen und Angeboten feststellen? Dazu folgende Ergebnisse:

  • Der Anteil an Betrieben mit mehr als 50 Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche ist hoch (32 Prozent); im Vergleich zu allen bayerischen Betrieben war der Anteil prozentual fast doppelt so hoch.
  • Die Hälfte der Betriebe wirtschaftete im Haupterwerb.
  • Zwei Drittel der landwirtschaftlichen Betriebe waren Futterbaubetriebe.
  • Die Hälfte der landwirtschaftlichen Betriebe wirtschaftete ökologisch.
  • Innerhalb der Angebotsschwerpunkte gab es große Unterschiede; vor allem bei den Wohn- und Betreuungsangeboten für Senioren war die Zahl der neu geschaffenen Arbeitsplätze hoch – im Durchschnitt 8,3 Arbeitsplätze je Betrieb.
  • Neben den eigenen Familien beschäftigten diese Betriebe zunehmend gut qualifizierte Fremdarbeitskräfte und erzielten mit der Sozialen Landwirtschaft ihr Haupteinkommen.
  • Bei den landwirtschaftlichen Betrieben wurden insgesamt 174 zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen, bei den sozialen Einrichtungen mit angegliederter Landwirtschaft 680.
  • Bei den sozialen Einrichtungen überwogen die Angebote für berufliche Rehabilitation/Teilhabe deutlich (81 Prozent). Bei den Hofbetrieben waren alle Angebotsbereiche gleichmäßig vertreten, wobei berufliche Rehabilitation/Teilhabe (25 Prozent) und Freizeitangebote (27 Prozent) am bedeutendsten waren.
  • Für Angebote für Kinder/Jugendliche investierten die befragten Betriebe durchschnittlich rund 270.000 Euro je Betrieb, für Seniorenangebote sogar 530.000 Euro.
  • Bei den Wohn- und Betreuungsangeboten für Senioren war die Zahl der neu geschaffenen Arbeitsplätze besonders hoch, im Durchschnitt 8,3 Arbeitsplätze pro Betrieb.
  • Jeder zweite Betrieb sah sich als Wachstumsbetrieb; dies gilt in etwa gleich für Haupterwerb und Nebenerwerb. Innerhalb der Angebotsschwerpunkte gab es aber deutliche Unterschiede: Betriebe mit Freizeit-, Arbeits- und Betreuungsangeboten für Kinder und Jugendliche sahen sich überwiegend als Wachstumsbetriebe, Betriebe mit Freizeitangeboten oder Wohn- und Betreuungsangeboten für Senioren dagegen überwiegend als Betriebe, die zumindest die vorhandene Substanz erhalten wollten.

Projekt SoLaBay

Wenn es um die konkrete, standortspezifische Umsetzung von Projekten der Sozialen Landwirtschaft geht, fehlt es oftmals an Wissen und Netzwerken. Wie kann angesichts der vielfältigen (bau)rechtlichen, finanziellen und organisatorischen Herausforderungen eine effektive Unterstützung für Betriebe gewährleistet werden, die in diesem Bereich einsteigen möchten? Das Forschungsprojekt SoLaBay (2025 bis 2028) zielt darauf ab, die Angebote weiter zu verbessern. Es umfasst den systematischen Aufbau und die Evaluation ressortübergreifender regionaler Netzwerke sowie Experteninterviews und Umfragen. Das Projekt wird in Kooperation der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf (HSWT) mit der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL) durchgeführt.

Qualifizierungsebenen

Wo aber sollen Landwirtinnen und Landwirte das notwendige Wissen hernehmen, um mit einer Leistungsweiterung in der Sozialen Landwirtschaft erfolgreich zu sein? Wie können sie ermitteln, ob ihr landwirtschaftlicher Betrieb die entsprechenden Grundvoraussetzungen mitbringt, um in diesem Bereich diversifizieren zu können? In Bayern können sich interessierte und bereits aktive Höfe zu diesen Fragen an die „Akademie für Diversifizierung“ wenden, die das bundeslandweite Angebot der Orientierungs- und Entscheidungshilfen, der Grundlagenkenntnisse und der weiterführenden Qualifizierungsmaßnahmen bündelt.

Die Veranstaltungen der Akademie werden teilweise online durchgeführt, öfter aber finden sie an verschiedenen Orten in ganz Bayern statt. Die Qualifizierungsmaßnahmen werden dabei von den Ämtern für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF) durchgeführt. Und das mit großem Erfolg, wie Kerstin Rose vom AELF Passau und Katharina Zapf vom AELF Bamberg bestätigen, denn aktuell seien alle Plätze für die zwölftägige Qualifizierung belegt. Man könne sich aber bereits jetzt für Folgequalifizierungen und auch für andere Seminare, wie beispielsweise zur Vernetzung von Bauernhofkindergärten, anmelden. Katharina Zapf: „Zu Beginn der Saison wurden vier Qualifizierungen angeboten, darunter im Raum Schweinfurt zum Thema Tiergestützte Intervention und in Deggendorf zum Seniorenwohnen.“

Bei den Beratungen für interessierte Betriebe stehen zunächst einmal betriebswirtschaftliche Aspekte im Vordergrund. Kerstin Rose erklärt: „Nach der Klärung, ob sich ein Betrieb überhaupt in der Sozialen Landwirtschaft engagieren sollte, geht es darum, den Betrieben zu helfen ein passgenaues Angebot zu entwickeln. Die wichtigsten Elemente dabei sind die Wirtschaftlichkeitsberechnung, die Stärken-Schwächen- und Netzwerkanalysen sowie der Kontaktaufbau zu Stakeholdern.“ Besonders hilfreich sei vor diesem Hintergrund ein durchdachter Fristenplan. Rose: „Wir empfehlen dazu im Vorlauf eine dreistufige Übersicht mit: Ist – Weg – Ziel.“

Aber natürlich sei nicht allein die rein ökonomische Perspektive entscheidend. Katharina Zapf erläutert: „Die Soziale Landwirtschaft ist nicht in erster Linie irgendein Business, sondern dabei geht es vor allem um Menschen – und zwar um die Betriebsangehörigen als Anbieter einerseits und die Zielgruppen, denen das Angebot gemacht werden soll, andererseits.“ Alle Beteiligten in der Familie und am Hof müssten vollauf hinter dem Projekt stehen. Dass dies in der Regel der Fall ist, wissen Rose und Zapf aus eigener Erfahrung. Kerstin Rose: „In unseren Veranstaltungen ist die Intensität der Gedanken und Emotionen bei den Diskussionen der Teilnehmenden zu spüren. Oft hört man Worte und Redewendungen wie Demut oder Umschiffung von Felsbrocken. Dann wissen wir, dass die Landwirte es mit ihren Projekten sehr ernst meinen und hierfür alle ihre Kräfte mobilisieren.“

Netzwerke Auszeithöfe

Was sind aktuell besonders interessante und innovative Projekte in Bayern? Hierzu gehören sicher die Netzwerke Auszeithöfe, die der Verein „Soziale Landwirtschaft Bayern e.V.“ initiiert hat. Zu den über 100 Mitgliedern zählen 69 aktive landwirtschaftliche Betriebe sowie Berufsverbände des konventionellen und ökologischen Anbaus, Sozial- und Wohlfahrtverbände sowie Privatpersonen. Die Auszeithöfe sind gegenwärtig das zentrale Projekt des Vereins, bei dem Senioren und Demenzkranke sowie deren pflegende Angehörige zusammen entspannende Stunden oder sogar Tage auf einem Hof verbringen können. Von ihnen gibt es bereits 42 in ganz Bayern, die meisten davon in der Region Bayerisch-Schwaben sowie dem Alpenvorland.

Die Vorsitzende des Vereins „Soziale Landwirtschaft Bayern“, Dr. Viktoria Lofner-Meir, erzählt von den Anfängen: „Für das Projekt wurde 2023 beim Bayerischen Demenzfonds ein Förderantrag für die Vergütung der ersten zwei Netzwerke von je neun Auszeithöfen gestellt. Mit dieser Förderung können einem Auszeithof für sein rund 30 Minuten langes, erlebnisorientiertes Angebot ausschließlich für Senioren, Demenzkranke und deren pflegende Angehörige bis zu 180 Euro vergütet werden. Im Dezember 2025 werden für zwei weitere Netzwerke Förderanträge gestellt.“ Der Förderzeitraum sei allerdings auf lediglich zwei Jahre beschränkt, bedauert Lofner-Meir.

Im Oktober dieses Jahres wurde am Institut für Gesundheit und Generationen (IGG) der Hochschule Kempten eine Koordinationsstelle für das Projekt der Auszeithöfe installiert. Deren Aufgaben: die Qualitätssicherung, die betriebswirtschaftliche Kalkulation der Angebote und vor allem die nachhaltige Finanzierung des Projekts Auszeithöfe. Insgesamt sei die Akzeptanz der Auszeithöfe sehr gut, viele Höfe könnten zwei- oder dreimal im Monat ihre Zielgruppe bedienen, so die Vereinsvorsitzende. Besonders erfreulich sei, dass das Projekt auch auf „große Begeisterung“ beim Bundesminister für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat, Alois Rainer, gestoßen ist. Auf Einladung des Bundesministers wird der Verein das Projekt der Auszeithöfe bei der Grünen Woche 2026 präsentieren.