
Gesunde Böden sind eine zentrale Grundlage landwirtschaftlicher Produktion – und eine Ressource, deren Bedeutung in der landwirtschaftlichen Praxis, Beratung, Forschung und Politik zunimmt. Neben Nährstoffversorgung und Wasserspeicherfähigkeit rückt dabei immer stärker auch die Frage in den Fokus, wie gesunde Böden zur Stabilisierung von Erträgen, zur Anpassung an den Klimawandel und zugleich zum Klimaschutz beitragen können.
Böden spielen im globalen Klimasystem eine wesentliche Rolle. Sie fungieren als Speicher sowie als Quelle von Treibhausgasen und beeinflussen damit unmittelbar den globalen Kohlenstoffkreislauf. Insbesondere der organische Kohlenstoff im Boden ist von zentraler Bedeutung: Er verbessert nicht nur Bodenstruktur, Fruchtbarkeit und Wasserspeicherfähigkeit, sondern erhöht auch die Widerstandsfähigkeit landwirtschaftlicher Systeme gegenüber extremen Wetterereignissen wie Dürren oder Starkregen und puffert die Auswirkungen von akuten Düngemittelkrisen ab. Gleichzeitig können landwirtschaftlich genutzte Böden durch den Aufbau und die Speicherung organischer Substanz einen wichtigen Beitrag zur Bindung von Kohlenstoff leisten und damit Teil der Lösung im Umgang mit der Klimakrise werden.
Gemeinsame Lösungsansätze
Vor diesem Hintergrund wurde die Initiative "4 per 1000" (s. Infokasten) ins Leben gerufen. Leitbild ist die Vision gesunder und kohlenstoffreicher Böden als Grundlage für Ernährungssicherheit, klimaresiliente Landwirtschaft und den Schutz natürlicher Ressourcen. Seit ihrer Gründung hat sie sich zu einer internationalen Multi-Stakeholder-Plattform mit fast 900 Mitgliedern und Mitwirkenden entwickelt. Die strategische Ausrichtung der Initiative basiert auf einem mehrjährigen Konsultationsprozess mit Mitglieds- und Partnerorganisationen weltweit. Daraus entstand ein gemeinsamer strategischer Rahmen mit Zielsetzungen bis 2030 und 2050, der als Grundlage für die Planung, Koordination und Bewertung der Aktivitäten der Initiative dient.

Initiative "4 per 1000"
Die Initiative wurde im Rahmen der COP21 in Paris 2015 ins Leben gerufen und setzt sich für die nachhaltige Stärkung der Kohlenstoffvorräte in Böden weltweit ein. Ziel ist es, Maßnahmen zu fördern, die den organischen Bodenkohlenstoff erhöhen, landwirtschaftliche Produktivität verbessern und gleichzeitig den Klimaschutz unterstützen. Frankreich, Deutschland und Spanien zählen zu den größten Unterstützern der Initiative, die internationale Kooperationen und Projekte zur Bodenkohlenstoffanreicherung vorantreibt.
Die Arbeit der Initiative verfolgt einen ganzheitlichen Ansatz entlang der gesamten landwirtschaftlichen Wertschöpfungskette. Neben der stärkeren Integration von Bodengesundheit in agrar- und umweltpolitische Prozesse stehen insbesondere Wissenstransfer, Sensibilisierung und internationale Vernetzung im Mittelpunkt. Gleichzeitig fördert die Initiative den Austausch zu nachhaltigen Bewirtschaftungsansätzen und agroökologischen Transformationsprozessen. Der breite Multi-Stakeholder-Ansatz schafft die Grundlage dafür, unterschiedliche Perspektiven zusammenzuführen und gemeinsame Lösungsansätze für nachhaltige Bodennutzung zu entwickeln.
Die Initiative versteht sich hierbei als Schnittstelle zwischen Wissenschaft, Politik und Praxis. Sie bereitet wissenschaftliche Erkenntnisse auf, fördert den internationalen Wissensaustausch und macht zentrale Ansätze eines nachhaltigen Bodenmanagements für unterschiedliche Akteure zugänglich.
Politikberatung
Ein wichtiger Schwerpunkt liegt zudem auf der internationalen Policy Advocacy. Die Initiative bringt wissenschaftliche Erkenntnisse und Praxiserfahrungen in politische Prozesse ein und setzt sich dafür ein, dass Bodengesundheit, nachhaltiges Bodenmanagement und die Perspektiven landwirtschaftlicher Betriebe stärker in nationale und internationale Strategien integriert werden. Dabei versteht sich die Initiative auch als Stimme der Landwirtinnen und Landwirte auf internationaler Ebene und vertritt deren Interessen in globalen Debatten zu Landwirtschaft, Klima und Ernährungssicherheit.

Forschungsaustausch
Unterstützt wird die Arbeit zudem durch das Scientific and Technical Committee (STC) aus renommierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern verschiedener Fachrichtungen und Weltregionen. Das Gremium begleitet die Initiative fachlich und stellt sicher, dass die entwickelten Empfehlungen auf einem soliden wissenschaftlichen Fundament stehen. Gleichzeitig fördert die Initiative transdisziplinären Forschungsaustausch – von grundlegenden Fragestellungen der Bodenkunde bis hin zu Monitoringmethoden und sozioökonomischen Transformationsprozessen – und trägt damit zur Weiterentwicklung wissenschaftlich fundierter Ansätze für gesunde Böden und nachhaltige Landnutzung bei.
Regionalkonferenzen
Ein zentrales Instrument zur Förderung von Wissenstransfer und Multi-Stakeholder-Austausch sind die jährlich in verschiedenen Weltregionen ausgerichteten Regionalkonferenzen. So fand im vergangenen Jahr zum Beispiel die internationale Konferenz „SoilCarbon4Climate“ in Berlin statt. Sie wurde vom Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (BMLEH) ausgerichtet und von der Initiative „4 per 1000“ und dem Bundesprogramm Humuserhalt und -aufbau mitorganisiert. Die Konferenz versammelte im September 2025 über 180 Expertinnen und Experten aus 24 Ländern, um Strategien für Bodengesundheit, Humusaufbau und Kohlenstoffspeicherung zu diskutieren.
Zentrale Themen waren die Förderung regenerativer Landwirtschaft durch gut gestaltete Finanzierungsmodelle und Kohlenstoffmärkte, die Berücksichtigung der Bodenmikrobiome bei nachhaltigen Managementpraktiken und der Schutz sowie die Wiedervernässung von Moorböden. Dabei wurde deutlich, dass gesunde Böden nicht nur eine ökologische, sondern auch eine wirtschaftliche Chance darstellen – vorausgesetzt, politische Rahmenbedingungen und ökonomische Anreize sind darauf abgestimmt. In diesem Jahr liegt der regionale Fokus auf dem südlichen Afrika.
Webinar-Reihe
Die „Soil Carbon Science Webinar Series“ stellt in regelmäßigen Abständen aktuelle Forschungsergebnisse, innovative Ansätze und praxisnahe Lösungen rund um Bodengesundheit und Bodenkohlenstoff vor. Die Reihe richtet sich an Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Praktikerinnen und Praktiker, Politikverantwortliche und Interessierte aus dem Agrar- und Umweltbereich. Dabei werden aktuelle Debatten, wie zum Beispiel der Effekt von langjährigem Humusaufbau zur Abfederung internationaler Düngemittelkrisen, oder die Eignung verschiedener Messmethoden zur Quantifizierung von Bodenkohlenstoff, in den Fokus gestellt. Die Teilnehmenden erhalten nicht nur Einblicke in die neuesten Entwicklungen, sondern auch konkrete Handlungsempfehlungen für die Anwendung auf regionaler und globaler Ebene.
Bewertungsinstrument
Das Formative Assessment of Soil Projects (FASP) ist ein Service der Initiative „4 per 1000“, der mit Unterstützung der Expertise des Wissenschaftlichen und Technischen Komitees (STC) durchgeführt wird. Ziel des Instruments ist es, Projekte im Bereich Bodengesundheit und Bodenkohlenstoff systematisch zu bewerten, Verbesserungsvorschläge zu geben und ihre Wirkung sichtbarer zu machen. Dadurch sollen Projekte besser für Investierende, politische Entscheidungstragende und Partnerorganisationen nachvollziehbar und attraktiver werden.
Die Bewertung basiert auf einem strukturierten Rahmenwerk aus Referenzkriterien und Indikatoren. FASP prüft dabei, inwieweit Projekte zur Erhöhung oder Erhaltung von Bodenkohlenstoff beitragen und gleichzeitig ökologische, soziale und wirtschaftliche Nachhaltigkeit gewährleisten. Der Bewertungsprozess ist in mehrere Themenbereiche gegliedert:
- Sogenannte Safeguard-Kriterien stellen sicher, dass Projekte keine negativen Auswirkungen auf Menschen- und Landnutzungsrechte oder Armutsverhältnisse haben und eine verantwortungsvolle Land Governance (Landnutzung) unterstützen.
- Die darauffolgenden direkten Kriterien erfassen die Auswirkungen auf Bodengesundheit, Kohlenstoffspeicherung, Klimaschutz, Klimaanpassung und Ernährungssicherheit.
- Ergänzend werden indirekte Effekte betrachtet, etwa auf Biodiversität, Wasserressourcen sowie soziale und wirtschaftliche Lebensbedingungen.
- Abschließend werden Querschnittsaspekte wie partizipative Ansätze sowie Trainings- und Kapazitätsaufbau bewertet, die für die langfristige Wirksamkeit und Skalierbarkeit von Projekten entscheidend sind.
Gleichzeitig unterstützt das Instrument Projekte dabei, Risiken frühzeitig zu identifizieren, Monitoring- und Evaluationsstrategien zu verbessern und die Qualität ihrer Maßnahmen kontinuierlich weiterzuentwickeln.
Monitoringverfahren
Einen wichtigen inhaltlichen Schwerpunkt stellen MRV-Systeme und -Tools (Monitoring, Reporting und Verification) dar, um die Wirkung von Maßnahmen zur Erhöhung von Bodenkohlenstoff und zur Förderung nachhaltiger Landnutzung besser zu erfassen und vergleichbar zu machen. Ein wichtiger Meilenstein in diesem Zusammenhang war eine umfassende Studie des Prüfungs- und Beratungsunternehmens Deloitte-France zu MRV-Systemen für Bodenkohlenstoff und Bodengesundheit. Die Ergebnisse der Studie wurden anschließend in ein Online-Tool übersetzt. Dieses bietet einen ersten Überblick über bestehende MRV-Systeme und gibt Orientierung bezüglich der Auswahl der passenden Tools für die jeweiligen Fragestellungen und Einsatzbereiche. Die Ergebnisse wurden anschließend durch das (2025 abgeschlossene) ORCaSa-Projekt (Operationalising International Reseach Cooperation on Soil carbon) aufgegriffen und zu einem „MRV Cookbook“ weiterentwickelt.
Durch die Verbindung von wissenschaftlicher Expertise, systematischem Inventar bestehender MRV-Lösungen und strategischem Projektvorschlag schafft die Initiative eine solide Basis für evidenzbasierte Entscheidungen in Politik, Landwirtschaft und Forschung. MRV wird so nicht nur als technische Methodik, sondern als integraler Bestandteil eines ganzheitlichen Ansatzes für Bodengesundheit, Klimaschutz und nachhaltige Landnutzung etabliert.
Links
Initiative "4 per 1000": https://4p1000.org/
SoilC4C – SoilCarbon4Climate Conference: https://www.ktmlandingpage.bmleh.de/sc4c
Webseminar Serie: https://www.youtube.com/watch?v=I-MLDGZyX4Y
Inventories: https://4p1000.org/mrv-systems-related-to-soil-health-and-the-4-per-1000-initiative/?lang=en
FASP: https://wiki.isacore.net/display/FASP/Formative+Assessment+of+Soil+Projects




