Artikel herunterladen

pdf, 1 MB
Download

Der Gartenbau ist eine Branche, die von Natur aus stark mit den Prinzipien der Nachhaltigkeit verbunden ist. Die Arbeit im produzierenden Gartenbaubetrieb, im geschützten Anbau, in Gärten, Parks und Landschaften erfordert nicht nur ein tiefes Verständnis der Pflanzenwelt, sondern auch die kontinuierliche Auseinandersetzung mit ökologischen, ökonomischen und sozialen Herausforderungen. Auch wenn der Gartenbau in vielen Bereichen von sich aus nachhaltig agiert, ist es dennoch notwendig, Fachkräfte regelmäßig weiterzubilden und auf dem neuesten Stand zu halten, um den komplexen Anforderungen der modernen Agrargesellschaft und ihrer Systeme gerecht zu werden.

Das Projekt QUAGA (Qualifizierung gartenbaulicher Fachkräfte sichern) verfolgt das Ziel, die Nachhaltigkeit im Gartenbau durch gezielte Weiterbildungen insbesondere für Fachkräfte und auch deren Führungskräfte zu stärken. QUAGA wird bundesweit von verschiedenen Bildungseinrichtungen und Experten der Branche unterstützt und finanziell über den Europäischen Sozialfonds (ESF Plus) gefördert. Seit dem 1. April 2023 werden im Rahmen von QUAGA Bildungsmanuals zur systematischen Weiterbildung von gartenbaulichen Fachkräften entwickelt und erprobt. Das Projekt läuft noch bis 2026.

Bedarfsanalyse

Der Gartenbau hat sich bereits in vielen Bereichen der ökologischen Nachhaltigkeit etabliert, sei es in der Anwendung von umweltfreundlichen Düngemitteln, der Reduktion des Wasserverbrauchs oder der Förderung biologischer beziehungsweise integrierter Pflanzenschutzmethoden. Doch die Branche steht weiterhin vor großen Herausforderungen – besonders im Hinblick auf Klimawandel-Anpassungsstrategien.

Das zeigte auch die umfassende Bedarfsanalyse zum Start des Projekts im Jahr 2023. Über 350 Gartenbaubetriebe beteiligten sich daran. Die Ergebnisse machten eine klare Zweiteilung sichtbar: Einerseits handeln viele Betriebe bereits nachhaltig und investieren in die Weiterentwicklung ihres Unternehmens. Andererseits sehen sie einen erheblichen Bedarf an gezielten Weiterbildungen für ihre Fachkräfte, um den Anforderungen einer nachhaltigen Betriebsführung gerecht zu werden.

Schulungskonzept

QUAGA orientiert sich an den folgenden drei Säulen der Nachhaltigkeit, die auch im Gartenbau eine zentrale Rolle spielen:

  • Ökologische Nachhaltigkeit: Hier geht es um den verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen wie Wasser, Energie und Boden. Die Themen reichen von der nachhaltigen Düngung und Bewässerung bis hin zu innovativen Lösungen wie Torfersatzstoffen oder integriertem Pflanzenschutz. Diese Themen sind von besonderer Bedeutung für die gartenbaulichen Betriebe, die langfristig ihre Umweltbilanz verbessern möchten.
  • Ökonomische Nachhaltigkeit: Wirtschaftliche Aspekte sind ebenfalls ein zentraler Bestandteil des Projekts. Die Betriebe müssen lernen, nachhaltige Praktiken nicht nur aus ökologischer Sicht zu betrachten, sondern auch unter ökonomischen Gesichtspunkten umzusetzen. Dies umfasst beispielsweise die Frage der Betriebsnachfolge oder die Kommunikation von Nachhaltigkeit im Verkauf. Die ökonomische Tragfähigkeit nachhaltiger Praktiken ist entscheidend, um die Wettbewerbsfähigkeit der Betriebe langfristig zu sichern.
  • Soziale Nachhaltigkeit: Ein ebenso wichtiger Bestandteil der nachhaltigen Betriebsführung ist die soziale Dimension. Hierbei geht es um die Gesunderhaltung der Beschäftigten, den Umgang mit Konflikten und die Förderung einer positiven Arbeitsatmosphäre. Die Kommunikation und das Wohlbefinden der Mitarbeitenden spielen eine wichtige Rolle für die langfristige Stabilität und Produktivität eines Betriebs.

Die ein- bis zweitägigen Kurse richten sich an Fach- und Führungskräfte in gartenbaulichen Betrieben aller Fachrichtungen und decken die genannten Themenbereiche ab. Die Schulungen sind innerhalb der Projektlaufzeit kostenfrei und benötigen lediglich eine Freistellungserklärung der jeweilig zu schulenden Fachkräfte. Besonders berücksichtigt wird dabei die Saisonabhängigkeit der gartenbaulichen Betriebe, weshalb die Kurse zu verschiedenen Zeiten im Jahr angeboten werden. Dies ermöglicht eine hohe Flexibilität für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Für die Wintermonate 2024 und 2025 wurde das Kursangebot auf Grundlage der ersten Erfahrungen überarbeitet. Ziel ist es, die Inhalte kontinuierlich an die Bedarfe der Betriebe anzupassen und so eine größtmögliche Relevanz und Praxisnähe zu gewährleisten.

In der Säule „Soziale Nachhaltigkeit“ wurden in QUAGA-Schulungen Führungskräfte aus zwölf Betrieben erreicht. In einem Inklusionsbetrieb kamen 25 Beschäftigte in den Genuss einer fachlichen Fortbildung in der Vegetationsflächenpflege. Der Aspekt der ökologischen Nachhaltigkeit wird mit einem Bildungsmanual adressiert, das auch als online-Format angeboten wird (Zielgruppe Ausbilderinnen und Ausbilder des Gartenbaus). Schulungen zur Integration nachhaltiger Argumente in Verkaufssituationen mit dem Endkunden wurden umgesetzt und für 2025 terminiert. Durch die Kooperation mit dem Projekt FINITO (https://projekt-finito.de/) werden Möglichkeiten eines reduzierten Torfeinsatzes vermittelt. Die Frage der Betriebsnachfolge in der Säule ökonomische Nachhaltigkeit wird in einem Seminar bearbeitet, welches den Prozess für potenziell Nachfolgende erarbeitet.

QUAGA arbeitet mit zahlreichen Expertinnen und Experten sowie Bildungseinrichtungen zusammen, um ein umfassendes und praxisorientiertes Weiterbildungsangebot zu gewährleisten. Zu den Mitwirkenden gehören unter anderem die Lehr- und Versuchsanstalt für Gartenbau und Arboristik (LVGA) in Großbeeren, die Staatliche Lehr- und Versuchsanstalt für den Gartenbau (LVG) in Heidelberg und die Bildungsstätte Gartenbau in Grünberg. Diese Einrichtungen bringen jahrelange Erfahrung in der Ausbildung und Weiterbildung von Fachkräften im Gartenbau mit und sind wesentliche Partner für die Umsetzung des Projekts.

Ziel ist es, neben den Weiterbildungsmaßnahmen, einen Wissensspeicher für Nachhaltigkeit im Gartenbau zu etablieren, der den Betrieben bei der Umsetzung nachhaltiger Praktiken hilft. Dieser Wissenspool soll laufend von den Akteuren des Gartenbaus aktualisiert werden und eine wertvolle Ressource für die gartenbaulichen Betriebe darstellen.

Die Projektverantwortlichen hoffen, bis zum Ende des Projekts im Jahr 2026 eine zufriedenstellende Anzahl an Betrieben erreicht zu haben und eine nachhaltige Veränderung in den dort eingesetzten Praktiken zu bewirken. Ein weiterer wichtiger Bestandteil des Projekts ist der Online-Erfahrungsaustausch, der den Teilnehmenden nach dem Kurs zur Verfügung steht. Hier können Fachkräfte betriebsübergreifend ihre Erfahrungen teilen, voneinander lernen und gemeinsam nach Lösungen für konkrete Herausforderungen suchen. Dieser Austausch wird von Branchenexperten moderiert, die zusätzliche Impulse und Expertise beisteuern.

Betriebsprojekte

Bei der Suche nach individuellen Lösungskonzepten möchte das Projekt QUAGA die Gartenbaubetriebe unterstützen und eine berufsständisch getragene Wissensbasis aufbauen, die Fach- und Führungskräften hilft, sich zu orientieren. Damit Betriebe von den Erfahrungen anderer Betriebe profitieren können, begleitet QUAGA auch Betriebsprojekte mit unterschiedlicher inhaltlicher Ausrichtung. Im Mittelpunkt steht immer die Weiterentwicklung des Betriebs und seiner Fachkräfte. Die von externen Experten moderierte Unterstützung trägt dazu bei, neue Impulse in Sachen betriebliche Nachhaltigkeit auszulösen. Zudem können bereits auf den Weg gebrachte Initiativen hinterfragt und gegebenenfalls neu justiert werden. Die Effekte der Nachhaltigkeitsmaßnahmen in den Betrieben werden dann im Rahmen von QUAGA aufbereitet und in die Branche kommuniziert.

Möchte ein Betrieb den eingeschlagenen Weg zu mehr Nachhaltigkeit mit Unterstützung von QUAGA fortsetzen, bieten sich verschiedene spezifische Betriebsprojekte an. Diese orientieren sich am konkreten Bedarf der Betriebe. Eine Variante sind Führungskräfteschulungen, die an zwei Tagen Basiswissen zur Rolle von Führungskräften, zu Kommunikation, Konfliktbearbeitung und Fragen eines systematischen Arbeits- und Gesundheitsschutzes im Betrieb vermitteln.

Insbesondere werden dabei Kommunikationsstrategien und -techniken geschult. Mit der Methode „1-2-4-All“ soll beispielsweise der offene und produktive Austausch innerhalb einer Gruppe erleichtert werden („Betroffene werden zu Beteiligten“). Die „Gebrauchsanleitung für mich selbst“ ist eine Methode, die eine Basis für gemeinsame Vereinbarungen und Prinzipien der Zusammenarbeit schaffen soll. Alle Teammitglieder machen sich selbst bewusst, wie sie gut und effektiv zusammenarbeiten (Was brauche ich für gute Arbeit? Wenn ich im Stress bin, dann …? Die beste Art, mir Feedback zu geben, ist …). Handlungssicherheit gewinnen, Orientierung geben und in alle Richtungen effizienter kommunizieren – das sind die angestrebten Wirkungen dieser QUAGA-Schulung.

Gleichzeitig sollen die Gartenbaubetriebe sensibilisiert werden, ihre Anstrengungen in Sachen Arbeitsschutz systematischer anzugehen und noch besser zu dokumentieren. Die Faktoren, die die Arbeitsfähigkeit bestimmen und die Gesunderhaltung der Beschäftigten fördern, illustriert das „Haus der Arbeitsfähigkeit“ (s. Abbildung), ein Konzept, das der finnische Professor Juhani Ilmarinen entwickelt hat, um die Notwendigkeit einer ganzheitlichen Betrachtung und die gegenseitige Abhängigkeit individueller, betrieblicher und gesellschaftlicher Aspekte zu verdeutlichen. Erst wenn eine stabile Balance zwischen allen Stockwerken des Hauses hergestellt werden kann, ist der Betrieb arbeitsfähig.

Über praxisnahes Wissen, anwendbare Methoden und Austausch schaffen die Betriebsprojekte einen Schatz an Lösungsideen, die in die Branche getragen werden können und so neue Antworten in Richtung sozialer Nachhaltigkeit geben. QUAGA bietet den Betrieben des Gartenbaus eine Richtschnur beim nachhaltigen Handeln, die aus der Mitte der Branche stammt, relevante Akteure und Branchenwissen bündelt und so betriebliche Handlungsfähigkeit fördert.

Bisher wurden vier Betriebsprojekte zu sozialer Nachhaltigkeit mit rund 50 Teilnehmenden durchgeführt. Den betrieblichen Bedarfen entsprechend werden gegenwärtig Schulungen zum biologischen Pflanzenschutz und Biodiversität im Gartenbau erarbeitet. Für Inklusionsbetriebe wird gerade ein im Betriebsprojekt erprobtes Schulungskonzept überarbeitet und bei anderen Betrieben beworben.

Fazit

Das Projekt QUAGA stellt somit einen wichtigen Schritt in die Zukunft des Gartenbaus dar. Durch die gezielte Weiterbildung von Fachkräften werden die Betriebe nicht nur auf die aktuellen Anforderungen der nachhaltigen Betriebsführung vorbereitet, sondern erhalten auch konkrete Werkzeuge, um zukünftige Herausforderungen zu meistern. Die enge Zusammenarbeit mit Bildungseinrichtungen und Branchenexperten gewährleistet, dass das Angebot praxisorientiert, flexibel und auf die Bedürfnisse der Betriebe zugeschnitten ist.


Link

Informationen zu dem Projekt und den angebotenen Schulungskursen unter: https://www.hortigate.de/projekt-quaga/  

Projektträger ist die INIFES gGmbH. 
Das Projekt koordiniert Alexander Kühl, kuehl@inifes.de, Mobil: 0172/3033224