
Das Ministerium für Ländlichen Raum, Landwirtschaft und Heimat Baden-Württemberg (MLR) hat im Jahr 2024 einen Expertenkreis eingerichtet, in dem Maßnahmen zur qualitativen Stärkung der Fachschulen beraten werden. Hintergrund ist die sich wandelnde Studierendenstruktur an den Fachschulen für Landwirtschaft. Qualifiziert wird dort in den Fachrichtungen Landwirtschaft, Gartenbau, Weinbau, Obstbau, Hauswirtschaft, Milchwirtschaft und Floristik.
Zukunftsfähige Standorte
Die Fachrichtung Landwirtschaft ist mit derzeit rund 300 Studierenden die mit Abstand größte Fachrichtung an den Fachschulen für Landwirtschaft in Baden-Württemberg. Die Studierendenzahl in dieser Fachrichtung ist seit dem Schuljahr 2014/15 von rund 420 auf rund 300 Studierende im Schuljahr 2025/26 zurückgegangen (rund 28 Prozent). Damit fällt der Rückgang in der Fachrichtung Landwirtschaft deutlich stärker aus als der Gesamtrückgang über alle Fachrichtungen hinweg; dieser liegt bei etwa neun Prozent.
Mit der sogenannten Fachschulkonzeption des MLR sollen die Standorte zukunftsfähig aufgestellt werden. Die zeitgemäße Anpassung der Lehrinhalte selbst ist eine fortlaufende Aufgabe der Schulaufsicht und wird inhaltlich auch von den in der Fachschulkonzeption gesetzten Schwerpunkten getragen. Eine grundlegende Novellierung der Lehr- beziehungsweise Bildungspläne wie die jetzt anstehende, erfolgt allerdings nur in Abständen von zehn bis 15 Jahren. Die jetzt zu setzenden Inhalte werden also über Jahre hinweg den Rahmen vorgeben, den Unterricht prägen und die Basis für die Qualifizierung künftiger Betriebsleitungen sein.
Aktionsplan Bio BW
Die Bildungsplannovellierung berücksichtigt die Ziele des Aktionsplans „Bio aus Baden-Württemberg", mit dem das Land den Anteil ökologisch bewirtschafteter Fläche bis 2030 auf 30 bis 40 Prozent erhöhen will. Aus-, Fort- und Weiterbildung sind im „Aktionsplan Bio" ein eigener Handlungsbereich. Viele der künftigen Bewirtschafterinnen und Bewirtschafter werden heute und in den kommenden Jahren an den Fachschulen qualifiziert. Die Curricula sind damit ein Baustein, der zum Erreichen des Flächenziels beiträgt.
Der Zeitpunkt der Novellierung ist auch deshalb günstig, weil parallel die bundesweite Neuordnung der Berufsausbildung zum Landwirt und zur Landwirtin läuft. Die Fachschulen bauen inhaltlich auf der dualen Erstausbildung auf. Was dort an Inhalten zum Ökolandbau verankert wird, soll in den Fachschulbildungsplänen anschlussfähig sein und vertieft werden.
Fachlicher Anspruch
Der ökologische Landbau ist ein vielfältiges Anbausystem. Er versteht den landwirtschaftlichen Betrieb als zusammenhängendes System, in dem Boden, Pflanze, Tier und Mensch in Wechselwirkung stehen:
- Vielfältige Fruchtfolgen sichern Bodenfruchtbarkeit und Pflanzengesundheit, der Anbau von Leguminosen versorgt nachfolgende Kulturen mit Stickstoff.
- Eine flächengebundene Tierhaltung schließt Nährstoffkreisläufe zwischen Stall und Acker.
- Mechanische Unkrautregulierung und vorbeugende Sortenwahl sichern Pflanzengesundheit und unkrautarme Äcker.
- Organische Düngung und Humusaufbau sichern langfristig die Bodenfruchtbarkeit.
Diese Systemlogik betrifft die landwirtschaftliche Bildung als Ganzes. Bodenfruchtbarkeit, Biodiversität, Tiergesundheit und Klimaanpassung sind Anforderungen, die alle landwirtschaftlichen Betriebe in den kommenden Jahren stärker beschäftigen werden. Der ökologische Landbau hat dafür über Jahrzehnte praktische Lösungen entwickelt, die curricular zugänglich gemacht werden sollen.
Gleichzeitig bleibt die Fachschule für Landwirtschaft auf eine vielfältige landwirtschaftliche Praxis hin ausgerichtet. Der überwiegende Teil der landwirtschaftlichen Betriebe in Baden-Württemberg wirtschaftet konventionell. Auch diese Betriebe stehen vor vielfältigen Anforderungen an Klimaanpassung, Boden- und Gewässerschutz und Biodiversität und entwickeln – auch aus Kostengründen – eigene Antworten, etwa über integrierten Pflanzenbau, Präzisionstechnik, reduzierte Bodenbearbeitung oder eine gezielte Reduktion des Pflanzenschutzmitteleinsatzes.
Die Bildungsplanarbeit zielt deshalb nicht auf eine Umstellung der landwirtschaftlichen Bildung auf Ökolandbau, sondern auf eine fachlich fundierte Auseinandersetzung mit verschiedenen Wirtschaftsweisen und Anbausystemen. Studierende sollen befähigt werden, die Systemlogik des ökologischen Landbaus zu verstehen und für ihren späteren Betrieb – ob konventionell, in der Umstellung oder bereits ökologisch zertifiziert – informierte Entscheidungen zu treffen.

Kombinierter Ansatz
Wie weit Ökolandbau in den landwirtschaftlichen Fachschulen schon präsent ist, lässt eine Bestandsaufnahme an den Standorten erkennen. Sie zeigt ein Bild, das die Status-quo-Analyse des Kompetenzzentrums Ökolandbau Niedersachsen (KÖN) aus dem Jahr 2019 für viele Bundesländer beschrieben hatte: Ökolandbau spielt in den geltenden Bildungsplänen bisher eher eine untergeordnete Rolle. Einzelne Lehrkräfte vermitteln aus eigenem fachlichem Interesse mehr Inhalte als curricular vorgesehen – teils mit eigenen Lernsituationen, teils in Kooperation mit ökologisch wirtschaftenden Betrieben in der Region. Diese vorhandene Praxis sichtbar zu machen und in die Bildungsplanarbeit einzuspeisen, ist eines der Anliegen der Novellierung.
Baden-Württemberg verfolgt dabei einen kombinierten Ansatz: Die spezialisierte Ökofachschulklasse in Emmendingen-Hochburg wird ergänzt durch Ökolandbau als Querschnittsthema in allen Fachrichtungen. Drei Standorte werden in der Konzeption als fachschulische Kompetenzzentren ausgewiesen:
- die Akademie für Landbau und Hauswirtschaft Kupferzell,
- die Fachschulregion Oberschwaben als Schulverbund und
- das Landwirtschaftliche Bildungszentrum Emmendingen-Hochburg mit Schwerpunkt ökologischer Landbau.
Am Standort Emmendingen-Hochburg läuft seit 2014 die einzige Fachschulklasse des Landes mit Öko-Schwerpunkt; seit 2015 ist dort auch das Kompetenzzentrum Ökologischer Landbau Baden-Württemberg (KÖLBW) angesiedelt.
Für den Ökolandbau sind in der Fachschulkonzeption zwei Linien angelegt, die die Bildungsplanarbeit inhaltlich aufnimmt. Erstens soll der Bildungsplan am Landwirtschaftlichen Bildungszentrum Emmendingen-Hochburg gezielt weiterentwickelt werden. Zweitens sollen die Bildungspläne für Wirtschafter und Wirtschafterin, Techniker und Technikerin und das Ergänzungsangebot zur Nebenerwerbslandwirtschaft an geeigneten Stellen um ökologische Inhalte ergänzt werden. Dabei sollen die ökologischen Bildungsanteile nicht additiv, sondern vielmehr integraler Bestandteil der Lehre sein.
Arbeitsgremien
Die inhaltliche Arbeit an den Bildungsplänen wird in mehreren Arbeitsgremien geleistet, die unter anderem die Bereiche (Öko-)Landbau, Digitalisierung, Tierische Erzeugung, Unternehmensführung sowie Persönlichkeitsentwicklung abdecken. Koordiniert wird die Arbeit vom Referat 28 (Bildung und Beratung) des MLR; die Zusammensetzung der Gremien wird derzeit konkretisiert.
Drei Querschnittsthemen sollen in alle Bildungspläne einfließen: Digitalisierung, Ökologie sowie soziale und psychologische Gesundheit. Das Querschnittsthema Ökologie umfasst dabei auch die ökologische Kompetenz im engeren Sinne, also Inhalte des ökologischen Landbaus. In den Gremien wirken Fachleute aus Praxis und Verbänden, Vertreterinnen und Vertreter der agrarischen Landesanstalten, die Regierungspräsidien als obere Schulaufsicht sowie Lehrkräfte der Fachschulstandorte mit. Die inhaltliche Arbeit erfolgt von Sommer 2026 bis Ende 2027. Die novellierten Bildungspläne sollen zum September 2028 in Kraft treten.

Fachschulnetz Agrar
Begleitend zur Bildungsplanarbeit ist im Februar 2026 das Fachschulnetz Agrar online gegangen: https://www.lel-web.de/app/id_lms/login/index.php (Freischaltung: Jule.Lohrer@lel.bwl.de). Die Plattform für Lehrkräfte an Fachschulen für Landbau und Hauswirtschaft in Baden-Württemberg wird im Auftrag des MLR von der Landesanstalt für Landwirtschaft, Ernährung und Ländlichen Raum (LEL) betreut. Ihr zentrales Ziel ist es, Lehrkräfte in der Unterrichtsvorbereitung zu entlasten.
Das Fachschulnetz Agrar bündelt Unterrichtsmaterialien, fördert den Austausch zwischen Lehrkräften und informiert zu fachschulspezifischen Themen. Zugleich greift die Plattform ein Anliegen auf, das in den Dialogforen des bundesweiten Projekts des Kompetenzzentrums Ökolandbau Niedersachsen (KÖN) formuliert worden war: Lehrkräfte brauchen für den Unterricht zum Ökolandbau gut aufbereitetes Material. Bundesweit werden ergänzend Unterrichtsbausteine zum Ökolandbau bereitgestellt, etwa über das Bundesinformationszentrum Landwirtschaft (BZL) zu Fruchtfolgeplanung, Unkrautregulierung oder ökologischer Mastschweinefütterung. Sie können auch in Baden-Württemberg eingesetzt werden.
Die ersten Sitzungen der Arbeitsgremien beginnen im Sommer 2026; bis Ende 2027 soll die inhaltliche Arbeit abgeschlossen sein. Bis dahin bleiben Punkte zu klären. Eine zentrale Herausforderung ist die Unterrichtsversorgung: Auch in Baden-Württemberg wird in den kommenden Jahren ein erheblicher Lehrerkräftebedarf den landwirtschaftlichen Fachschulen erwartet. Wer die Inhalte nicht selbst im Studium oder in der eigenen Berufspraxis vertieft hat, ist auf kollegialen Aus-tausch und passende Materialien angewiesen. Hier setzt das Fachschulnetz Agrar an.
In welchem Umfang die ökologischen Inhalte tatsächlich im Unterricht ankommen, wird sich nach 2028 zeigen. Die strukturellen Voraussetzungen dafür sind mit Konzeption, Bildungsplanarbeit und Fachschulnetz in Arbeit. Die konkrete Umsetzung hängt entscheidend von den Lehrkräften ab. Begleitende Fortbildungsangebote sollen sie bei der Umsetzung der neuen Bildungspläne unterstützen.
Kontakte
Landwirtschaftlichen Bildungszentrum Emmendingen-Hochburg (LBZ)
Sophia Lienhard, Fachbereichsleiterin Schule, Ausbildung und Fortbildung
Tel.: 07641 451-9180,
bildungszentrum@landkreis-emmendingen.de
Fachschulnetz Agrar
Jule Lohrer, Projektkoordinatorin, Landesanstalt für Landwirtschaft, Ernährung und Ländlichen Raum (LEL) Schwäbisch Gmünd
Tel.: 07171 917-116,
Jule.Lohrer@lel.bwl.de




