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Die Verbindung von Landwirtschaft und sozialen Dienstleistungsangeboten eröffnet sowohl für die betreuten Personen, als auch für landwirtschaftliche Betriebe Entwicklungsmöglichkeiten. Eine ad hoc-Studie (s. Infotext) zu diesem Tätigkeitsfeld in Baden-Württemberg bildet den Auftakt und die Grundlage der Arbeit der AG Soziale Landwirtschaft. Beteiligt sind das Ministerium für Ernährung, Ländlichen Raum und Verbraucherschutz Baden-Württemberg (MLR), die Landesanstalt für Landwirtschaft, Ernährung und Ländlichen Raum (LEL) sowie die unteren Landwirtschaftsbehörden der Landratsämter in den Landkreisen.

Unter Sozialer Landwirtschaft wird die Betreuung und Beschäftigung von Personen mit besonderen (sozialen) Bedürfnissen in der Landwirtschaft, in der ländlichen Hauswirtschaft, im Forst und im Gartenbau verstanden. Zielsetzung ist:

  • eine individuelle, adäquate Lebensführung bei den Nutzerinnen und Nutzern dieser Angebote zu fördern und
  • eine verlässliche Wertschöpfung in Form von Einkommen und/oder Arbeitsleistung für den landwirtschaftlichen Betrieb zu erzielen.

Die Angebotspalette im Betriebszweig Soziale Landwirtschaft ist dabei äußerst breit und reicht von Betreuung und Beschäftigung über Integration, Rehabilitationsmaßnahmen, Therapie bis hin zur Resozialisierung. Zielgruppen können Kinder und Jugendliche mit und ohne sozialen Hilfebedarf, Menschen mit Beeinträchtigungen, Senioren mit Unterstützungsbedarf, Personen mit Suchterfahrungen oder Personen zum Wiedereinstieg in die Arbeit sein (ad hoc-Studie Soziale Landwirtschaft, MLR, 2021). Daraus lassen sich vier Angebotsformen der Sozialen Landwirtschaft ableiten: Versorgung, Betreuung, Mitarbeit und Wohnen auf dem landwirtschaftlichen Betrieb. Zu den ersten beiden Gruppen zählen niedrigschwellige Angebote wie beispielsweise Bauernhofkindergärten. Mittels sozialversicherungspflichtiger Arbeitsplätze im Inklusionsbetrieb oder Außenarbeitsplätzen einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung (WfbM) können beeinträchtigte Menschen auf einem landwirtschaftlichen Betrieb arbeiten. Seniorenwohngemeinschaften oder betreutes Wohnen in Gastfamilien beziehungsweise unterstütztes Einzelwohnen sind denkbare Wohnformen auf dem landwirtschaftlichen Betrieb.


Ad hoc-Studie

Im Rahmen der Bewertung des Maßnahmen- und Entwicklungsplan Ländlicher Raum Baden-Württemberg 2014 bis 2020 (MEPL III) hatte das Ministerium für Ernährung, Ländlichen Raum und Verbraucherschutz Baden-Württemberg (MLR) im Jahr 2020 eine ad hoc-Studie Soziale Landwirtschaft in Auftrag gegeben. Das Ziel war, die Soziale Landwirtschaft in Baden-Württemberg abzubilden. So wurden einerseits Chancen von Angeboten Sozialer Landwirtschaft als unternehmerische Aktivität geprüft und bewertet. Andererseits wurden Schlussfolgerungen für landwirtschaftliche Beratung und Fördermaßnahmen abgeleitet. Im Fokus standen Landwirtinnen und Landwirte, die in Verbindung mit einer landwirtschaftlichen Tätigkeit soziale Leistungen für bestimmte Zielgruppen dauerhaft anbieten.


Wissen und Struktur schaffen

Angesichts dieser Vielfalt an Angeboten ist es nicht leicht, einen Überblick zu bekommen oder zu behalten. Aus diesem Grund hat die AG Soziale Landwirtschaft sogenannte Steckbriefe zu den unterschiedlichen Angeboten erarbeitet und veröffentlicht. Grundlage war der Leitfaden Soziale Landwirtschaft der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL, 2016), welcher auf baden-württembergische Verhältnisse angepasst wurde. Die Steckbriefe dienen interessierten Landwirtinnen und Landwirten sowie Beratungskräften als Orientierungshilfe. Sie beinhalten Voraussetzungen bezüglich des Standorts, des Betriebs, der Betriebsleitung sowie der Unternehmerfamilie. Außerdem sind Rahmenbedingungen hinsichtlich Finanzwirtschaft, Kostenträger, Rechtsvorschriften und Marktpotenzial aufgearbeitet. Bisher wurden acht Steckbriefe veröffentlicht.

Vernetzung ermöglichen

Jährlich organisiert die AG Soziale Landwirtschaft eine Fachveranstaltung. Seit 2021 wurden Fachveranstaltungen zu den Themen „Soziale Landwirtschaft – eine Perspektive für meinen Betrieb“, „Gut geplant ist halb gebaut“, „Kinderbetreuung auf dem Bauernhof“ und „Soziale Landwirtschaft – Tiere als Brückenbauer“ durchgeführt. Die Veranstaltungen finden teils online, teils in Präsenz statt und bieten Raum für Austausch und Vernetzung. Praktikerinnen und Praktiker, Beratungskräfte oder Träger liefern dabei wertvolle inhaltliche Beiträge. Ein Rundbrief informiert über Aktuelles in der Sozialen Landwirtschaft Baden-Württemberg. Berichte über Menschen, Projekte und Initiativen stärken die positive Kommunikation und Vernetzung.

Beratung unterstützen

Als Form der Diversifizierung zielen Angebote der Sozialen Landwirtschaft darauf ab, Einkommen zu generieren. Die Wirtschaftlichkeit ist demnach zentrales Element für die Arbeit der AG. Wie bei anderen Einkommensalternativen wie zum Beispiel Direktvermarktung oder Urlaub auf dem Bauernhof gilt es, Erlöse und Kosten gegenüberzustellen und insbesondere die eigene Arbeitszeit bei der Kalkulation nicht zu vernachlässigen.

Das Tätigkeitsfeld Soziale Landwirtschaft erfordert viel Idealismus, inneren Antrieb und Herzblut. Eine weitere Besonderheit: Für die Beantragung, Bewilligung und Ausführung sozialer Dienstleistungen bildet das sozialwirtschaftliche Dreieck die Grundlage. Das bedeutet, dass neben dem Leistungserbringer (Betrieb) und dem Leistungsnehmer (betroffene Person) ein Kostenträger (zum Beispiel Jugendamt, Sozialamt oder Agentur für Arbeit) maßgeblich bei der Organisation der Sozialen Landwirtschaft beteiligt ist. Die AG Soziale Landwirtschaft entwickelt Planungsgrundlagen, Marketingstrategien und Kalkulationsunterstützung für Einkommensalternativen. Aktuelle Informationen und erarbeitete Materialien werden auf der Internetseite https://www.soziale.landwirtschaft-bw.de bereitgestellt.

Gemeinsame Zielsetzung

Wenn die Rahmenbedingungen stimmen, bietet Soziale Landwirtschaft viele Vorteile – für Mensch und Landwirtschaft. Der aktuelle Strategieplan zur Umsetzung der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) der EU fördert die Stärkung der ländlichen Räume, unter anderem durch Diversifizierung der landwirtschaftlichen Betriebe und Einkommen sowie die Verbesserung der Daseinsvorsorge in ländlichen Räumen durch Versorgungseinrichtungen für die Bevölkerung. Der Erhalt des kulturellen und natürlichen Erbes sowie die Entwicklung von vitalen Ortskernen sind explizit benannt. (GAP-Strategieplan 2023-2027 „Den Wandel gestalten“).

Die derzeitig erkennbaren Entwicklungstrends können sich positiv auf die Ausweitung sozialer Dienstleistungsangebote auf landwirtschaftlichen Betrieben auswirken. Mitglieder der Familienbetriebe haben zunehmend eine breite berufliche Qualifikation, auch in sozialen Berufen. In einer Gesellschaft, die älter und über alle Altersschichten hinweg einsamer wird, werden Versorgungs- und Betreuungsleistungen geschätzt. Landwirtschaft steht für sinnstiftende Arbeit mit der Natur; der Arbeitsalltag im Stall und auf dem Feld bietet Halt. In Mehrgenerationenhaushalten, die Menschen auf dem Hof in ihre Familie integrieren, stehen ständig Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner zur Verfügung.

Obwohl die Nachfrage das Angebot weit übersteigt, ist Soziale Landwirtschaft kein Selbstläufer. Um diesen Betriebszweig gemeinsam voranzubringen, braucht es Wissen und Struktur in Form von Leitfäden, praxisnahen Konzepten und erfolgreichen Praxisbeispielen. Akteurinnen und Akteure müssen vernetzt, Leistungen sichtbar gemacht und ressortübergreifend zusammengearbeitet werden. Unverzichtbar sind außerdem Sensibilisierung und Qualifizierung von Beratungskräften sowie Qualifizierungsangebote für Praktikerinnen und Praktiker (ad hoc-Studie Soziale Landwirtschaft, MLR, 2021). Geeignete Rahmenbedingungen zu schaffen und die Beteiligten in der Sozialen Landwirtschaft zu unterstützen – das ist die Motivation der AG Soziale Landwirtschaft in Baden-Württemberg.


Links und Literatur

Internetseite Soziale Landwirtschaft: https://lw.landwirtschaft-bw.de/,Lde/Startseite/Betrieb+und+Umwelt/Soziale+Landwirtschaft 

Rundbrief Soziale Landwirtschaft: https://lel.landwirtschaft-bw.de/,Lde/Startseite/Unsere+Themen/Newsletter+Soziale+Landwirtschaft 

Steckbriefe Soziale Landwirtschaft: Angebotsformen - Steckbriefe - Infodienst - LEL Schwäbisch Gmünd

Ministerium für Ernährung, Ländlichen Raum und Verbraucherschutz (MLR) (2021): Ad hoc-Studie Soziale Landwirtschaft in Baden-Württemberg im Rahmen der Bewertung des „Maßnahmen- und Entwicklungsplan Ländlicher Raum Baden-Württemberg 2014-2020 (MEPL III), URL: https://lel.landwirtschaft-bw.de/site/pbs-bw-mlr-root/get/documents_E1456899231/MLR.LEL/PB5Documents/lel/Abteilung_2/Ad%20hoc-Studie_Soziale%20Landwirtschaft_art.pdf (Abruf: 11.11.2025)

Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (BMLEH) (2023): Den Wandel gestalten! Zusammenfassung zum GAP-Strategieplan 2023-2027, URL: https://www.bmleh.de/SharedDocs/Downloads/DE/_Landwirtschaft/EU-Agrarpolitik-Foerderung/gap-strategieplan-kurzueberblick.pdf?__blob=publicationFile&v=5 (Abruf: 11.11.2025)