
Das Gefühl der Unterforderung stellt sich bei Auszubildenden vor allem in den folgenden Situationen ein:
- Auszubildende werden gehäuft mit Routineaufgaben betraut, die sie als langweilig empfinden.
- Sinn und Zweck der erteilten Aufgaben werden nicht ausreichend erläutert.
- Die Auszubildenden haben keine Möglichkeit, eigene Ideen einzubringen.
- Die Bearbeitung von Arbeitsaufträgen wird durch exakt einzuhaltende Einzelschritte bestimmt und lässt keinerlei Gestaltungsspielraum.
- Auszubildende haben phasenweise keine Arbeitsaufträge zu bearbeiten und werden auch von niemandem betreut.
- Auszubildende erhalten unzureichendes Feedback zu ihrer Arbeit und sind sich daher unsicher über ihre Lernfortschritte.
Lernziele und ihre Erfüllung werden nicht eindeutig kommuniziert, dies verunsichert die Auszubildenden.
In solchen Situationen macht sich bei Auszubildenden das Gefühl breit, mit Arbeiten beschäftigt zu werden, die anspruchslos, bei anderen unbeliebt und ohne Lerneffekt sind.
Unterschätzte Folgen
Selbstverständlich gibt es in jedem Ausbildungsberuf zahlreiche Routinearbeiten zu erledigen. Es ist normal, dass auch einmal ein gewisser Leerlauf auftritt, weil gerade weniger zu tun ist oder Ausbildungsverantwortliche eine hohe Betreuungsfrequenz nicht immer gewährleisten können. Was zum „normalen“ Ausbildungsalltag dazugehört, kann allerdings problematisch werden: Denn schon die subjektive Wahrnehmung von Unterforderung führt bei den Auszubildenden dazu, dass sich Schritt für Schritt eine „Abwärtsspirale“ entwickelt. Diese negative Entwicklung ist in Tabelle 1 dargestellt. Der erste Schritt sollte also darin bestehen, die Frustgefühle der Auszubildenden zu registrieren und ernst zu nehmen – auch wenn sie unberechtigt erscheinen.

Wenn sich bei den Auszubildenden Signale für beginnenden Frust zeigen, geht es zunächst einmal darum, die subjektive Wahrnehmung der Auszubildenden nachzuvollziehen. Erst dann sollte bewertet werden, ob eine verzerrte Wahrnehmung der Auszubildenden vorliegt oder ob Betriebsabläufe tatsächlich angepasst werden sollten. Tabelle 2 zeigt, wie sich die subjektive Wahrnehmung von Auszubildenden in beispielhaften Situationen relativieren lässt.

Abwechslung schaffen

Wenn sich zeigt, dass eine Relativierung nicht ausreicht oder tatsächlich in bestimmten Fällen eine individuelle Unterforderung vorliegt, stehen zahlreiche Stellschrauben zur Verfügung, um die Situation zu verbessern. Es geht dabei vor allem darum, ein spürbares Gegengewicht zu schaffen, um den Ausbildungsalltag – trotz nerviger Routineaufgaben – abwechslungsreicher zu gestalten und den Auszubildenden Erfolgserlebnisse zu verschaffen. Dies betrifft Lernangebote, Betreuung und Aufgabenvielfalt
(s. Tabelle 3).
Bei diesen Gegensteuerungsmaßnahmen ist selbstverständlich der Aufwand im Blick zu behalten. Sicherlich macht es Arbeit, sich Zusatzaufgaben zu überlegen oder geeignete Mini-Projekte zu finden. Selbstverständlich kostet es Zeit, Mentoring-Maßnahmen und zusätzliche Lernangebote auf den Weg zu bringen. Dennoch zahlt sich dieser Aufwand in mehrfacher Hinsicht aus: Auszubildende bleiben motiviert und leistungsbereit, weil sie einen abwechslungsreichen Ausbildungsalltag erleben, der ihnen vielfältige Möglichkeiten des Lernens und Gestaltens bietet. Dies fördert nicht nur den Ausbildungserfolg, sondern auch den anschließenden Verbleib der Auszubildenden als Nachwuchsfachkräfte im Unternehmen.




