
Nur gut sieben Prozent der Schweizer Landwirtschaftsbetriebe werden von Frauen geleitet, obwohl der Anteil der landwirtschaftlichen Ausbildungsabsolventinnen stetig zunimmt (BLW, 2025). Der Großteil der Frauen in der Schweizer Landwirtschaft ist mit einem Betriebsleiter verheiratet oder in Partnerschaft lebend und sieht sich laut der neusten Studie des Schweizer Bundesamts für Landwirtschaft (BLW) in der Rolle als Bäuerin, Hausfrau und Mutter (Moser und Saner, 2022). Mindestens ein Drittel dieser Bäuerinnen arbeitet gemäss BLW-Studie ohne Lohn in den Betrieben ihrer Ehemänner beziehungsweise Partner mit. Einerseits besteht diese unbezahlte Mitarbeit traditionsbedingt und ist eherechtlich bis zu einem gewissen Grad gestützt. Andererseits können einige Betriebe ohne diese unbezahlte Mitarbeit finanziell nicht überleben. Die Studie weist weiter auf den relevanten ökonomischen Beitrag der Frauen für die Familienbetriebe hin. Dieser wird generell jedoch viel zu stark ausgeblendet – auf den Landwirtschaftsbetrieben, in den Ausbildungen und in der Agrarpolitik.
Geschlechter(un)gerechtigkeit
Die Forschung im Bereich Geschlechtergerechtigkeit in der Landwirtschaft macht deutlich, dass die traditionelle Arbeitsteilung auf landwirtschaftlichen Familienbetrieben geschlechtsspezifisch organisiert ist und folglich zu typisch männlichen beziehungsweise weiblichen Bereichen und Aufgaben führt. In dieser traditionellen Arbeitsteilung sind Frauen oft die unbezahlten und unsichtbaren Arbeitskräfte.

Die Forschung hat bisher vor allem die Situation derjenigen Frauen betrachtet, die nach dieser traditionellen Arbeitsteilung und den damit verbundenen Rollenbildern leben. Obschon deren Situation mitunter prekär ist, ist es ebenso wichtig, den Fokus auch auf diejenigen Frauen in der Landwirtschaft zu richten, die nicht den traditionellen Rollen entsprechen und bisher nicht im Zentrum der Geschlechterforschung standen: die Landwirtinnen, die Co-Betriebsleiterinnen, die Quereinsteigerinnen, also die Praktikerinnen. Sie leisten nicht nur einen wichtigen ökonomischen Beitrag für die gesamte Landwirtschaft, sondern prägen diese auch mit ihren Betrieben. Ihre Leistung wird jedoch kaum wahrgenommen. Und im Gegensatz zu den Bäuerinnen haben sie keine Lobby und sind nicht vernetzt.
Die landwirtschaftlichen Praktikerinnen sichtbarer zu machen, zu stärken und zu vernetzen, ist ein Hauptziel des transdisziplinären Forschungsprojekts der BFH-HAFL und Vision Landwirtschaft (Laufzeit: Januar 2023 und bis Ende 2027). Mit Praktikerinnen sind in der Schweiz jene Frauen gemeint, die unabhängig von ihrem Bildungsabschluss oder ihren offiziellen Status maßgeblich in die betrieblichen Arbeiten, Entscheidungsprozesse und Verantwortung eingebunden sind.
Landwirtin oder Bäuerin
Um Landwirtin zu werden, absolviert eine Frau eine landwirtschaftliche Berufslehre und erlangt damit ein Fähigkeitszeugnis. Sie arbeitet während der drei Jahren in einem landwirtschaftlichen Betrieb und besucht die kantonale Berufsschule. (Quelle: https://www.Inforama.ch/berufsbildung)
Bäuerinnen haben i.d.R. die Bildung Bäuerin absolviert. Sie haben Praxiserfahrung in einem bäuerlichen Haushalt und lernen in ihrer Ausbildung, nebst Grundlagen zur Landwirtschaftlichen Betriebslehre, die Organisation und Führung des bäuerlichen Haushalts. (Quelle: https://www.landfrauen.ch/bildung)
Austausch in Living Labs
In fünf Treffen über zwei Jahre verteilt, trafen sich Praktikerinnen in sogenannten Living Labs (lebendige Labore) in zwei Regionen der Deutschschweiz und einer in der französischsprachigen Schweiz. In diesen beiden Jahren kamen 19 Frauen in den 5 Versammlungen zusammen und tauschten sich über die spezifischen Herausforderungen und Lebensrealitäten als Betriebsleiterinnen oder Co-Betriebsleiterinnen in der Landwirtschaft, aber auch über fachliche Themen und über den gesellschaftlichen und politischen Handlungsbedarf aus. Herausforderungen bestehen in der Männerdomäne Landwirtschaft einige. Der Zugang zu Land und zu Betrieben ist für Frauen oft schwerer als für Männer oder wird in vielen Fällen erst über Umwege erreicht. So wird den Frauen die körperlich anstrengende Arbeit zuerst schlicht nicht zugetraut. Oder sie kommen erst dann als Hofnachfolgerinnen in Frage, wenn der prädestinierte männliche Nachfolger doch noch abspringt. Weiter stellt die Mutterschaft insbesondere die alleinigen Betriebsleiterinnen, aber auch Co-Betriebsleiterinnen vor Herausforderungen, da der Mutterschutz in der Schweiz sehr gering und die Betriebshilfe teuer und unterbesetzt sind.
Die Diskussionen in den Living Labs zeigten zudem, dass eine stärkere Vernetzung und politische Einflussnahme von Praktikerinnen notwendig sind, um ihre Stimmen gehört und ihre Relevanz im Schweizer Landwirtschaftssystem sichtbar zu machen. Dies ist besonders wichtig, um die aktuellen Herausforderungen im Ernährungssystem ganzheitlich und mit vielfältigen Perspektiven auf politischer und betrieblicher Ebene anzugehen. Das UNO-Jahr der Landwirtinnen ist ein wichtiges Momentum, um die im Rahmen des Projektes entwickelten Maßnahmen zur Stärkung der Praktikerinnen bekannter zu machen und zu verbreiten. Daneben soll es dazu dienen, die formale Vernetzung zu fördern und den Praktikerinnen das Gewicht in den landwirtschaftlichen Verbänden und der Politik zu geben, das notwendig ist. Das Projekt der BFH-HAFL und Vision Landwirtschaft kann diese Prozesse mit den transdisziplinär entwickelten Erkenntnissen und Maßnahmen unterstützen. So sollen beispielsweise im nächsten Winter Regionalgruppen aufgebaut oder bestehende (re)aktiviert werden, in denen sich Praktikerinnen regelmäßig und langfristig austauschen können. Zudem wurde auch auf Berufsverbandsebene eine Diskussion angestoßen, die hoffentlich in einer besseren Sichtbarkeit und Vertretung von Landwirtinnen und Betriebsleiterinnen mündet.
Literatur und Links
Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) (2025): Agrarbericht, Betrieb und Strukturen.
URL: https://www.agrarbericht.ch/de/betrieb/strukturen/betriebe (Abruf: 12.02.2026).
Moser, R.; Saner, K. (2022): Frauen in der Landwirtschaft, Bericht zur Studie. Lindau: AGRIDEA.
URL: https://www.agridea.ch/fileadmin/AGRIDEA/Theme/Gestion_d_entreprise_famille/Pilotage_courant_developpement_entreprise/Femme_et_Homme_sur_la_ferme/Frauen_in_der_Landwirtschaft_Studie2022_AGRIDEA.pdf (Abruf: 12.02.2026).
Link zur Projektseite: https://www.frauenlandwirtschaft.ch




