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Das Horizont Europa-Projekt FLIARA (Female-led Innovation in Agriculture and Rural Areas) untersuchte von Anfang 2023 bis Ende 2025 Innovationen von Frauen in der Landwirtschaft und in ländlichen Räumen quer durch Europa. Ziel war es dabei, vor allem die Sichtbarkeit und Rolle von Frauen als Innovationstreiberinnen in landwirtschaftlichen und anderen regional verankerten Unternehmen und Initiativen zu stärken. Im Zuge des Projekts wurden politische und praktische Empfehlungen erarbeitet, um das oft ungenutzte Potenzial engagierter Frauen sichtbar zu machen und sie in ihrer Rolle als Innovatorinnen wirksam zu unterstützen.

Die FLIARA-Projektgruppe wählte dazu 200 erfolgreiche, von Frauen vorangetriebene Innovationen aus zehn EU-Ländern aus, darunter Deutschland. Mittels Befragungen wurden die Erfahrungen und Erfolgsfaktoren für ihre Betriebe, Unternehmen und Initiativen analysiert. Aus den Untersuchungen konnten die speziellen Herausforderungen und Lösungsansätze für Innovatorinnen in stadtnahen sowie entlegenen Regionen identifiziert werden. Die Ergebnisse zeigen, dass Frauen aktive Treiberinnen für eine nachhaltige Entwicklung und wichtige Unterstützerinnen für die lokale Wirtschaft sind. Ihre Kreativität und Engagement führen zu mehr ökologischer und sozialer Nachhaltigkeit, Tierwohl, Einkommen und Beschäftigung, wird auf dem Land allerdings oft übersehen beziehungsweise unterschätzt.

Datenerhebung

Im FLIARA-Projekt wurden die Daten überwiegend mit qualitativen sozialwissenschaftlichen Methoden erhoben, um von Frauen geführte Innovationen in Landwirtschaft und ländlichen Räumen systematisch zu erfassen. Zentrale Erhebungsinstrumente waren leitfadengestützte Interviews im Rahmen von Fallstudien in neun europäischen Regionen (insgesamt rund 200 Tiefeninterviews), die sich in landwirtschaftliche und ländliche Fallstudien gliedern. Die Befragung wurde ergänzt durch Workshops zum Thema Zukunftsvisionen für frauengeführte Innovationen, bei denen auch relevante Planungs- und Politikakteure des ländlichen Raums mitwirkten.

Für die deutsche Fallstudie zur Landwirtschaft wurden insgesamt zehn Innovatorinnen ausgewählt, darunter bewusst fünf Frauen aus den neuen Bundesländern. Dieser regionale Schwerpunkt trägt den historisch, sozial und ökonomisch gewachsenen Unterschieden zwischen Ost und West Rechnung, die bis heute Betriebsstrukturen, Familienbetriebstraditionen und die Sozialisation von Frauen in der Landwirtschaft prägen. Drei der zehn Fallstudienteilnehmerinnen sind in städtischen Kontexten aufgewachsen, vier weitere zwar ländlich, jedoch ohne familiären Landwirtschaftshintergrund, drei Frauen haben hingegen elterliche Betriebe übernommen und führen diese weiter. In der deutschen Fallstudie zu Innovationen im ländlichen Raum mit ebenfalls zehn Befragten stammen drei Frauen aus den neuen Bundesländern, wobei nur eine von ihnen dort sozialisiert wurde. Die Mehrheit (acht) der ländlichen Innovatorinnen ist im ländlichen Raum aufgewachsen, drei von ihnen auf einem landwirtschaftlichen Betrieb.

Förderrechtliche Grauzone

Parallel zur Fallstudienarbeit erfolgte eine Bestandsaufnahme bei den Förderprogrammen. Gesucht wurde nach Programmen, die gezielt Frauen in Landwirtschaft und ländlichen Räumen unterstützen. Auch wenn Frauen und Männer in gleichem Maße Zugang zu Unterstützungsmaßnahmen für zum Beispiel neue Geschäftsideen haben, bestehen in der Praxis doch nicht die gleichen Chancen vor Ort. Viele Frauen in der Landwirtschaft sind nicht als Antragsberechtigte im Betrieb registriert beziehungsweise wollen in einem Bereich aktiv werden, der zwar zur betrieblichen Diversifizierung und damit wirtschaftlichen Stabilität der Landwirtschaft langfristig beiträgt, aber förderrechtlich nicht als Primärproduktion eingestuft wird. Gleichzeitig erkennt beispielsweise die Wirtschaftsförderung die Nähe zur Landwirtschaft und verweist daher auf die Förderung der ländlichen Räume. Dies ist nur ein Beispiel für eine typische Hürde, der Frauen begegnen, wenn sie für eine innovative Geschäftsidee nach finanzieller Starthilfe suchen.

Mit ihren neuen Verarbeitungsverfahren, touristischen oder sozialen Angeboten fallen sie häufig in die förderrechtliche Grauzone zwischen landwirtschaftlicher Erzeugung und Gewerbe. Ob es Förderprogramme gibt, die gezielt diese und andere typische Hemmnisse für innovative Frauen in Landwirtschaft und ländlichen Unternehmen beziehungsweise Initiativen adressieren, wurde in der Analyse von Förderprogrammen gezielt untersucht. Die Ergebnisse zeigen, dass es im Rahmen der Förderung von Landwirtschaft und ländlichen Räumen aber kaum Angebote gibt.

Mehrmals im Jahr kamen zudem die Projektpartnerinnen und einige der Befragten in verschiedenen europäischen Ländern zusammen. Dabei besuchten sie die Betriebe und Initiativen lokaler Innovatorinnen und arbeiteten gemeinsam an Zukunftsvisionen für die Landwirtschaft und die ländlichen Räume. Auf dieser Grundlage erarbeiteten sie praxisnahe Vorschläge für politische Maßnahmen zur Förderung von innovativen Lösungen, Produkten und Dienstleistungen, die auf das Innovationspotenzial von Frauen und ihre speziellen Herausforderungen zugeschnitten sind.

Vielfältige Innovationswege

Die in Deutschland befragten Innovatorinnen im Projekt FLIARA verbindet eine klare Motivation: Sie möchten Landwirtschaft sichtbarer machen und Verbraucherinnen und Verbrauchern den Wert nachhaltiger Produktion näherbringen. Viele wollen aktiv über Klima-, Biodiversitäts- und Ressourcenschutz sowie Tierwohl informieren und damit die Nachfrage nach regional und fair gegenüber Menschen, Tieren und der Natur erzeugten Produkten stärken. Dabei verstehen sich die befragten Frauen als Teil eines größeren agrarpolitischen und gesellschaftlichen Wandels.

Zahlreiche von ihnen wirtschaften nach Öko-Verbandsstandards, setzen sich für das Gemeinwohl beziehungsweise für die Dorfgemeinschaft ein. Sie führen ihre Betriebe oder Initiativen mit einem ausgeprägten Verantwortungsbewusstsein, oftmals in gemeinschaftlicher Leitung mit Eltern, Partner oder Partnerin und mit dem Augenmerk auf Gleichberechtigung, Transparenz und faire Entscheidungsprozesse. Soziale Verantwortung gehört für viele selbstverständlich dazu, sei es durch Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderungen, Weiterqualifizierung Erwerbsloser oder gezielte Unterstützung junger Frauen in der Landwirtschaft.

Wie vielfältig Innovation im ländlichen Raum aussehen kann, zeigen die Beispiele der deutschen FLIARA-Innovatorinnen: Eine landwirtschaftliche Betriebsleiterin nutzt Social Media, um Einblicke in nachhaltige Produktionsweisen zu geben und den Dialog mit unterschiedlichen Akteurinnen und Akteuren in Stadt und Land zu fördern. Eine Hotelbesitzerin sensibilisiert ihre Gäste in einer klimapositiven Pension auf einem alten Hof für ökologische Hauswirtschaft und gibt praktische Tipps für den Alltag. Eine Sozialarbeiterin betreibt eine mobile Beratungsstelle zu häuslicher Gewalt und schließt damit wichtige Informations- und Versorgungslücken im ländlichen Raum. Zwei weitere Innovatorinnen führen spezialisierte Hofläden in strukturschwachen Regionen und schaffen dort Orte der Begegnung, wo sonstige Einkaufsmöglichkeiten in der Nachbarschaft fehlen. Und eine Meisterkonditorin produziert ihre Torten in einem umgebauten Lkw direkt auf landwirtschaftlichen Betrieben – ein mobiles Konzept, das Transportwege minimiert und die Regionalvermarktung stärkt.

Herausforderungen und Lösungen

Die FLIARA-Ergebnisse fassen typische Herausforderungen für die Innovatorinnen zusammen:

  • der Zugang zu passgenauer Beratung und Qualifizierung für die Umsetzung der innovativen Idee, verbunden mit teils langwierigen Behördengängen, um Fördermittel, Genehmigungen und weitere Unterstützung zu erhalten;
  • die Vereinbarkeit von Erwerbs- beziehungsweise Innovationsarbeit und Familienaufgaben, insbesondere rund um Schwangerschaft, Geburt und Kinderpflege bei selbstständiger Tätigkeit.

Auffällig bei allen befragten Frauen ist die proaktive Haltung, sich das Wissen anzueignen, das für die Umsetzung erforderlich ist. Zudem spielt die intensive Vernetzung eine zentrale Rolle, da sie neue Chancen wie die gezielte Einbindung relevanter Stakeholder oder den Zugang zu speziellen Informationen ermöglicht. Viele Innovatorinnen erproben und verbreiten ihre Ideen in regionalen Strukturen und Netzwerken, die sie maßgeblich selbst mit aufgebaut haben oder durch ihre Aktivitäten nachhaltig stärken konnten.

Insbesondere die europaweiten Netzwerktreffen des Projektes, die sowohl in Präsenz als auch online zwischen Innovatorinnen unter Begleitung der Projektpartnerinnen stattfanden, erwiesen sich für die Teilnehmerinnen als sehr bereichernd. Die Frauen berichteten bei Projektabschluss, dass der Austausch über die Grenzen hinweg ihr Vertrauen in das eigene Vorhaben gestärkt habe. Auch das Gefühl der Gemeinschaft sei sehr wichtig und habe ihnen neue Energie gegeben. Denn viele der innovativen Frauen sehen sich oft allein gelassen mit ihrem Engagement, Dinge anders zu machen und Neues auszuprobieren und damit gegen eingefahrene Strukturen in den teilweise entlegenen ländlichen Regionen anzugehen. Die Betriebsbesuche bei anderen FLIARA-Innovatorinnen boten zudem neue fachliche und persönliche Inspiration. Sie wollen auch nach Projektende von FLIARA in Verbindung bleiben. Die „FLIARA Visibility Campaign“ in den sozialen Medien und bei Veranstaltungen rückte die Leistungen und Erfahrungen der beispielhaft ausgewählten Innovatorinnen aus unterschiedlichen ländlichen Regionen Europas ins Rampenlicht.

Politikinstrumente schärfen

Auf Basis der FLIARA-Fallstudien wurden Empfehlungen für politische Entscheidungsträgerinnen und -träger in den zehn teilnehmenden Ländern sowie auf EU-Ebene entwickelt. Dabei wurde berücksichtigt, welche Förderinstrumente und Politikprogramme in den jeweiligen Ländern oder auf EU-Ebene bereits existieren, wie diese gezielt ergänzt oder geschärft werden können und wo, im Falle offensichtlicher Lücken, neue Maßnahmen zur Unterstützung von innovativen Frauen in Landwirtschaft und ländlichen Räumen zu konzipieren sind. Die Empfehlungen wurden von den Projektpartnerinnen auf EU- und nationaler Ebene gemeinsam mit relevanten Akteurinnen und Akteuren aus Praxis und Politik abgestimmt.

Die Ergebnisse der deutschen FLIARA-Fallstudien mündeten in vier Leitfäden für Entscheidungsträgerinnen und -träger in Deutschland, die thematisch ineinandergreifen:

  • Starke Netzwerke von Frauen beziehungsweise Innovatorinnen bilden den Nährboden für innovative Ideen und Projekte (Leitfaden 1). 
  • Neugründungen von landwirtschaftlichen Betrieben oder innovative Sozialunternehmen können entstehen, wenn Frauen Zugang zu (Mikro-)Kapital, Wissen, Qualifizierung und Mentoring haben. Dafür braucht es Förderprogramme, die sich speziell an Frauen in ländlichen Räumen richten (Leitfaden 2).
  • Um eine breite Wirkung zu entfalten, brauchen Innovatorinnen Schlüsselkompetenzen, um relevante Zielgruppen und zentrale Interessengruppen sowie politische Entscheidungsträger in ihre Projekte einzubinden (Leitfaden 3).
  • Ergänzt wird dieser Kreislauf der Innovationsförderung durch Leitfaden 4, der die Risiken von Berufsunterbrechungen durch Schwangerschaft und Betreuungsarbeit in den Blick nimmt. Ein wichtiger Faktor für Gründerinnen ist es, den Mutterschutz für Selbstständige im Mutterschutzgesetz rechtlich abzusichern.

Das EU-weit ausgerichtete FLIARA-Projekt und die daraus resultierenden Empfehlungen verdeutlichen, dass das besondere Potenzial von Frauen mit großer Innovations- und Tatkraft in ländlichen Räumen mehr Sichtbarkeit und gezielte Unterstützung verdient haben – dies insbesondere deshalb, weil Frauen häufig einen umfassenden Blick auf die Lösung von Problemen haben. Neben der eigenen wirtschaftlichen Existenzgrundlage sehen sie sich auch in der Verantwortung, soziale, ökologische und kulturelle Aspekte mit umzusetzen. Mit gezielten, auch kleinräumig verfügbaren Maßnahmen und strukturellen Anpassungen ließe sich das große Potenzial weiblicher Innovationskraft im Interesse der Landwirtschaft, ländlichen Wirtschaft und der vielfältigen Nachhaltigkeitsinitiativen in ländlichen Regionen noch viel mehr im gesamtgesellschaftlichen Interesse nutzen.


Links

FLIARA-Projekt: https://fliara.eu/about/ (Abruf: 10.3.2026)

Mehr Informationen zu den Innovatorinnen: https://fliara.eu/innovators/ (Abruf: 10.3.2026)