
Der Besuch der Fachschule Kleve – Fachrichtung Agrarservice verfolgt das Ziel, junge Menschen auf die unternehmerische Tätigkeit in der Führungsebene im landwirtschaftlichen Dienstleistungssektor vorzubereiten. Gleichzeitig wird das notwendige Rüstzeug vermittelt, um in der berufsständischen Meisterprüfung Fachkraft Agrarservice zu bestehen. Angelehnt an den jährlichen Rhythmus der anfallenden Arbeiten im Agrarservicebereich findet der Unterricht in zwei aufeinanderfolgenden Winterhalbjahren in Vollzeit am Versuchs- und Bildungszentrum Landwirtschaft Haus Riswick statt. Die für die Studierenden arbeitsärmere Zeit kann somit gut zur Fortbildung genutzt werden.
Projektunterricht fest verankert
Die Prüfungsfächer der Meisterprüfung decken das vielfältige Berufsbild ab (Pflanzenproduktion, Verfahrens- und Agrartechnik, Dienstleistungen; Betriebs- und Unternehmensführung sowie Berufsausbildung und Mitarbeiterführung) und finden sich in der Ausbildungs- und Prüfungsordnung Berufskolleg (APO BK Anlage E) wieder, sodass sich die schulischen Inhalte mit den Prüfungsthemen wechselseitig ergänzen. Insbesondere der Projektunterricht, für den im Stundenplan zwei Unterrichtsstunden pro Woche fest eingeplant sind, spiegelt die Verknüpfung von Schule und Meisterprüfung perfekt wider. So erheben die Studierenden in dem Sommerhalbjahr zwischen den Unterrichtsblöcken eigenständig praktische Versuchsdaten, die im Nachgang im Unterricht ausgewertet und interpretiert werden.
Betriebliche Fragestellungen
Im ersten Winterhalbjahr wird zunächst erarbeitet, welche Bedeutung projektorientiertes Arbeiten in der heutigen Gesellschaft hat und wie die Umsetzung gewonnener Erkenntnisse in Familienunternehmen schrittweise erfolgen kann. Durch die Erarbeitung der Grundlagen des Feldversuchswesens sowie durch die fächerübergreifende vertiefte Nutzung von Textverarbeitungs- und Kalkulationsprogrammen (zum Bespiel MS Office) werden weitere Inhalte im Projektunterricht vermittelt. Die von den Studierenden mitgebrachten speziellen Fragestellungen aus den Betrieben werden Teil des Unterrichts und auf Grundlage der Initialgedanken gehen die Studierenden in die Planung und Auswertung.
Bei der abschließenden Evaluation des Prozesses stellt sich häufig heraus, dass sowohl die Studierenden durch das projektorientierte Arbeiten in ihrer persönlichen Entwicklung weiterkommen, aber auch die Unternehmen von der Analyse betrieblicher Fragestellungen profitieren. Die Themen der Meisterarbeit, die durch den Berufsstand genehmigt werden müssen, werden im Projektunterricht im ersten Winterhalbjahr aufgegriffen und in Übungen zur Hypothesenformulierung, dem Planen der Versuchsdurchführung sowie deren Präsentation vorbereitet.
Diversifikation von Dienstleistungen
Landwirtschaftliche Lohnunternehmen zeichnen sich durch ein hohes Maß an Individualität in den betrieblichen Strukturen aus, da sie im Vergleich zu landwirtschaftlichen Betrieben in größeren Aktionsradien agieren und die Voraussetzungen (Betriebsgröße, Witterungs- und Standortbedingungen) sowie die wirtschaftliche Tätigkeit ihrer Kunden (Markt-, Veredlung- oder Gemischtbetrieb) repräsentieren. Gleichzeitig reichen die Kunden den wirtschaftlichen Druck sowie die volatilen Rahmenbedingungen (Kosten- und Marktentwicklung) in den landwirtschaftlichen Dienstleistungssektor weiter.
Dies führt in Verbindung mit der Suche nach Dienstleistungen, die ganzjährig Erlöse generieren, dazu, dass Agrarserviceunternehmen auch in außerlandwirtschaftlichen Wirtschaftssektoren arbeiten oder durch das Angebot innovativer Verfahren versuchen, Nischen zu besetzen. Die Diversifikation des Dienstleistungsportfolios sowie der Einkommensquellen trägt zur Senkung des Unternehmensrisikos bei und erhöht einhergehend die Attraktivität des Unternehmens als Arbeitgeber in einem durch Fachkräftemangel geprägten Arbeitnehmermarkt.
Anhand der Projektarbeit von Joshua Kayser, angestellt beim Agrarservice-Unternehmen Fleischmann in Edesheim am Rande des Pfälzerwaldes, ist der Ablauf des Projektunterrichts beispielhaft erkennbar. Die historischen Dienstleistungsschwerpunkte des Unternehmens lagen in den maschinellen Pflege- und Erntemaßnahmen im Weinbau. Die daraus resultierenden saisonalen Arbeitsspitzen und der Einsatz von Fremdarbeitskräften gaben Anlass, weitere Tätigkeitsfelder zu erschließen. Bei dem betroffenen Lohnunternehmen – wie auch bei vielen weiteren – bot sich der Einstieg in die Erledigung von kommunalen Tätigkeiten als weiterer Dienstleistungssektor an. Dieser, sich fortwährend entwickelnde Betriebszweig trägt mittlerweile signifikant zum Unternehmensergebnis in dem Betrieb bei. Für die Akquise von umfangreicheren Aufträgen ist die Teilnahme an öffentlichen Ausschreibungen unumgänglich. Auf diese Weise lassen sich hohe Maschinenauslastungen zur Senkung der anteiligen Fixkosten generieren und konkurrenzfähige Wettbewerbspreise wirtschaftlich darstellen.

Kalkulationstool für Ausschreibungen
Für eine wirtschaftliche Angebotsabgabe in Ausschreibungen ist jedoch ein hohes Maß an Erfahrung erforderlich. Gleichzeitig fallen durch den Abgabeprozess in einem beträchtlichen Umfang kostensteigernd Personalstunden an. In dieser Problemstellung setzt die zugrunde liegende Projektarbeit an. Die eigenständige Entwicklung eines Kalkulationstools auf Basis von Microsoft Excel soll die effizientere Teilnahme an Ausschreibungen ermöglichen. Marktfähige Softwarelösungen stehen aufgrund der betriebsindividuellen Fragestellung nicht zur Verfügung.
Bei der gemeinsamen Projektplanung wurde festgelegt, dass neben den Maschinenkostenkalkulationen auf Grundlage von historischen Betriebsdaten für alle zum Einsatz kommenden Verfahren (Großtraktor mit Standardmulcher oder Förderbandmulcher, Handarbeit) die Kennzahlen zum Arbeitszeitbedarf und die realisierten Leistungen erfasst und dokumentiert werden. Im Rahmen der Ausarbeitung wurden typische in Ausschreibungen aufgeführte auftragsbeschreibende Faktoren (zum Beispiel Mulchstrecke, Arbeitsbreite) sowie leistungslimitierende Parameter (zum Beispiel Anzahl Leitpfosten, Strecke Leitplanke) in über hundert Aufträgen mit unterschiedlichen Geometrien und Erschwernissen bahnbezogen erfasst. In der Auswertung des erfassten Leistungsdatensatzes ließen sich robuste Mittelwerte und charakteristische Muster für leistungslimitierende Parameter sowie Effizienzunterschiede bei der eingesetzten Technik ermitteln.
Die Verschneidung der Vollkostenkalkulationen mit dem Leistungsdatensatz bot die Grundlage zur Parametrisierung des zu entwickelnden Kalkulationstools, das im letzten Entwicklungsschritt anhand historischer, von der Parametrisierung unabhängiger Auftragsdaten validiert und letztendlich evaluiert werden konnte. Hier stellte sich heraus, dass die gelieferten Prognosewerte des Kalkulationstools mit realen Werten gut übereinstimmten. Lediglich in Sondersituationen (komplexe Straßenabschnitte, Sonderlagen) ergaben sich Abweichungen, die Ansatzpunkte für weitere Entwicklungen liefern. Durch die teilweise oder vollständige Integration des (weiterentwickelten) Kalkulationstools in die Unternehmensführung kann die Komplexität in Ausschreibungsprozessen reduziert werden. Ebenso wird Erfahrungswissen skalierbar und die Angebotserstellung transparenter und reproduzierbarer.
Handlungskompetenz stärken
Das Prinzip der vollständigen Handlung findet sich sowohl im Unterricht als auch in den Ausarbeitungen der Studierenden wieder, da das Konzept des projektorientierten Arbeitens von einer zunächst sehr abstrakten Theorie über Praxisbeispiele erfahrbarer wird. Die Handlungs- und Fachkompetenz der Studierenden wird zunehmend gestärkt, sodass die mitgebrachten betrieblichen Fragestellungen ins Verhältnis gesetzt und mit einer zunächst noch angeleiteten Planung bearbeitet und beantwortet werden können.
Dieser Zugewinn an Selbstkompetenz zeigt sich im zweiten Winterhalbjahr in einer zunehmend selbstständigen, ziel- und lösungsorientierten Arbeitsweise. Sie bestärkt die Studierenden in ihrem Selbstverständnis, bereitet sie auf die späteren Herausforderungen im Berufsleben vor und ebnet den Einstieg in die veränderten Positionen durch den höheren Berufsabschluss. Abschließend wird das fertiggestellte Fachprojekt als Meisterarbeit für die berufsständische Meisterprüfung Fachkraft Agrarservice vorgestellt.



