
Die Landwirtschaft befindet sich im Wandel: Klimawandel, gesellschaftliche Erwartungen und technologische Entwicklungen stellen Betriebe vor neue Herausforderungen und eröffnen zugleich Chancen für nachhaltiges Wirtschaften. Damit Innovationen nicht abstrakte Konzepte bleiben, sondern in der Praxis wirksam werden, braucht es Menschen, die sie verstehen, anwenden und mitgestalten.
Innovationsfähigkeit ist kein Zufall, sondern das Ergebnis gezielter Förderung. Etwa durch praxisnahe Bildungsangebote, fundierte Beratung und die frühzeitige Einbindung junger Landwirtinnen und Landwirte. Wie solche Formate aussehen können, zeigte ein Workshop, der Anfang des Jahres in Osnabrück stattfand. Er verknüpfte technologische Pionierarbeit mit landwirtschaftlicher Praxis und setzte auf das EIP-Agri-Netzwerk als Motor für zukunftsfähige Innovationen.
Von der Idee zum Start-up
Wie lassen sich junge Menschen für Innovationen begeistern? Wie können sie dabei begleitet werden, eigene Ideen umzusetzen? Antworten auf diese Fragen suchte der Workshop „Von der Idee zum Start-up – Durchstarten im Stall und auf dem Acker“, der Anfang Februar im Osnabrücker Gründungszentrum Seedhouse stattfand. Rund 20 junge landwirtschaftliche Praktikerinnen und Praktiker, Auszubildende und Studierende nahmen teil, um einen Tag lang konkrete Einblicke in Innovationsprozesse, Förderstrukturen und technologische Entwicklungen zu erhalten. Veranstaltet wurde der Workshop von der Niedersächsischen Landjugend in Kooperation mit dem Netzwerk EIP Agrar & Innovation Niedersachsen: ein Zusammenspiel von Bildungsarbeit, Praxiswissen und Innovationsförderung.
Im Mittelpunkt stand der Zugang zu Innovation durch Erleben und Austausch. Nach einer gemeinsamen Begrüßung und Vorstellung im Seedhouse tauchten die Teilnehmenden in die Welt der Start-ups im Bereich AgTech (Agricultural Technology) ein. Dieser Begriff steht für technische Innovationen, die die datengetriebene, vernetzte, digitale Landwirtschaft der Zukunft betreffen. Es folgten Einblicke in die Förderlogik und Beispiele für EIP-geförderte Innovationsprojekte. Anschließend stellten sich drei konkrete Projekte vor. Darunter die sensorgestützte Stadtbaum-Bewässerung „NuTree“ (siehe Infokasten), die präzise Fütterung von „NextMix“ (siehe Infokasten) und die KI-gestützte Tierverhaltensanalyse des Start-ups „VetVise“.

Präzisionsfütterung mit NextMix
Die Fütterung ist ein zentraler Stellhebel in der Milchviehhaltung – sowohl für die Tiergesundheit als auch für die Wirtschaftlichkeit und ökologische Bilanz des Betriebs. Doch in der Praxis bleibt ein kritischer Parameter bislang oft ungenau oder unbeachtet: der Trockensubstanz-gehalt (TS) im Mischfutter. Dieser schwankt täglich, etwa durch Witterungseinflüsse oder Silage-unterschiede, und kann mit Folgen für Leistung, Stoffwechsel und Nährstoffeffizienz zu Über- oder Unterversorgung führen. Genau hier setzt das EIP-Projekt NextMix an. Ziel ist die Entwicklung eines sensorgestützten Echtzeitsystems, das den TS-Gehalt direkt während des Mischens im Futtermischwagen erfasst. Möglich wird dies durch innovative Nahinfrarotsensorik (NIR), die kontinuierlich Messwerte liefert und so eine dynamische Anpassung der Futterrationen abgestimmt auf den tatsächlichen Feuchtegehalt der Komponenten erlaubt.
Neben der technischen Entwicklung liegt ein Schwerpunkt auf der Anwenderfreundlichkeit. Das System soll für Landwirtinnen und Landwirte intuitiv bedienbar, robust und in bestehende Arbeitsabläufe einzubinden sein. Die Projektpartner, darunter ein landwirtschaftlicher Betrieb, ein Technologie-Start-up und eine Hochschule, arbeiten hierfür eng zusammen. Ziel ist es, nicht nur technische, sondern auch betriebswirtschaftliche und arbeitsorganisatorische Anforderungen zu berücksichtigen.
Im Rahmen des Workshops diente das Projekt NextMix auf einer Exkursion als eindrucksvolles Beispiel dafür, wie Hightech in den Stall kommt und wie Digitalisierung konkret zur nachhaltigen Weiterentwicklung der Tierhaltung beitragen kann. Die Teilnehmenden konnten das Projekt auf einem Milchviehbetrieb direkt erleben und mit den beteiligten Akteuren ins Gespräch kommen. Gerade für junge Betriebsleitende wurde hier deutlich: Innovation beginnt nicht im Labor, sondern auf dem Betrieb, wenn technische Lösungen gezielt auf reale Herausforderungen ausgerichtet sind.
Der methodische Ansatz des Workshops setzte auf Peer-Learning und unmittelbare Praxiseinblicke. Im Vordergrund standen der Dialog mit Projektverantwortlichen, praxisnahe Einblicke auf einem innovativen Milchviehbetrieb sowie der informelle Austausch beim gemeinsamen Mittagessen. Die Vorstellung realer Anwendungsbeispiele schuf niedrigschwellige Zugänge zu komplexen Hightech-Themen wie Sensorik, künstlicher Intelligenz und datenbasierter Prozesssteuerung: greifbar, diskussionswürdig und inspirierend. So zeigte das Format beispielhaft, wie Bildung und Beratung Innovationskompetenz nicht nur vermitteln, sondern erlebbar machen können.
Innovationsförderung durch EIP Agri

Innovationen in der Land-, Forst- und Ernährungswirtschaft praxisnah, lösungsorientiert und interdisziplinär zu fördern – genau dieses Ziel verfolgt die Europäische Innovationspartnerschaft „Produktivität und Nachhaltigkeit in der Landwirtschaft“ (EIP Agri). In Niedersachsen wird EIP Agri seit 2016 durch das Netzwerk EIP Agrar & Innovation begleitet, das Projektpartnerschaften unterstützt, Wissen bündelt und den Austausch zwischen Landwirtschaft, Wissenschaft und Wirtschaft organisiert.
Im Workshop wurde EIP Agri durch reale Innovationsprojekte greifbar. Ob Sensorik zur Baumgesundheit, KI in der Tierbeobachtung oder sensorgestützte Präzisionsfütterung: All das sind Ergebnisse aus EIP-geförderten Vorhaben, die auf dem Weg von der Idee zur Praxis begleitet werden. Gerade dem landwirtschaftlichen Berufsnachwuchs zeigt EIP auf, dass Innovation kein abstrakter Begriff bleiben muss, sondern mit guter Beratung, gezielter Förderung und engagierten Partnern zur konkreten Veränderung auf dem Betrieb führen kann.
Bildung ermöglicht Wandel
Der Workshop zeigte eindrucksvoll, wie praxisnahe Bildungsformate Innovationsfreude wecken und den Zugang zu komplexen Zukunftsthemen erleichtern können. Durch den direkten Kontakt mit Projekten wie NextMix und NuTree wurde Hightech im Stall und im urbanen Raum anschaulich und nachvollziehbar. Entscheidend war dabei der Dialog auf Augenhöhe zwischen landwirtschaftlichen Nachwuchskräften und Expertenkreisen. Alle beteiligten Akteure waren vom Workshop überzeugt und sind grundsätzlich bereit, das Format zu wiederholen.
Innovationen brauchen Räume, in denen Fragen gestellt, Ideen gesponnen und neue Perspektiven ausprobiert werden dürfen. Formate wie dieser Workshop bieten einen solchen praxisnahen Einstieg, konkrete Anknüpfungspunkte und das Erleben von Veränderung als Chance. Für die agrarische Bildung und Beratung, insbesondere im ländlichen Raum, liegt hier großes Potenzial. Denn Innovationskompetenz lässt sich lernen, wenn sie erlebbar wird. Wenn junge Landwirtinnen und Landwirte frühzeitig an Innovationsprozessen beteiligt werden, entstehen nicht nur individuelle Kompetenzen, sondern es entwickelt sich eine breite Innovationskultur, die die Agrarwirtschaft insgesamt zukunftsfähig macht. Bildung und Beratung sind damit nicht nur Vermittler, sondern Ermöglicher des Wandels.

Mit NuTree gegen Trockenstress
Der Klimawandel stellt Land und Stadt weltweit vor neue Herausforderungen. Insbesondere Hitzeperioden und anhaltender Trockenstress setzen urbanen Grünflächen zu. Mit erheblichen Folgen für Stadtklima, Biodiversität und Lebensqualität. Gerade Stadtbäume, die als natürliche Klimaanlagen wirken, geraten durch die zunehmende Trockenheit unter Druck. Herkömmliche Bewässerungsroutinen stoßen dabei an ihre Grenzen. Sie sind oft ungenau, ressourcenintensiv und reagieren zu spät.
Das EIP-Projekt NuTree zeigte im Workshop auf, wie datenbasierte Technologie helfen kann, urbane Vegetation resilienter zu machen. Herzstück des Projekts ist ein System aus Bodensensoren, die in Echtzeit Daten zur Bodenfeuchte im Wurzelraum liefern. Diese Informationen werden durch eine KI-basierte Plattform analysiert, die Umweltfaktoren wie Wetterdaten, Baumart und Standortbedingungen einbezieht. Auf dieser Basis können präzise, bedarfsorientierte Bewässerungsentscheidungen automatisiert oder als Handlungsempfehlung für die Praxis getroffen werden.
Ziel ist es, mit möglichst wenig Wasser ökologisch wie ökonomisch möglichst viel Wirkung zu erzielen. Durch die gezielte Bewässerung wird nicht nur Wasser eingespart, sondern auch die Vitalität und Langlebigkeit der Bäume erhöht. Das Projekt war in einer Baumschule und der Landeshauptstadt Hannover mit unterschiedlichen Baumarten im Einsatz und liefert praxisnahe Erkenntnisse für das Grünflächenmanagement der Zukunft.
Im Workshop fungierte NuTree als Querschnittsbeispiel für systemische Digitalisierung in der Praxis. Obwohl auf urbane Räume fokussiert, bietet das Projekt wichtige Anknüpfungspunkte für die Landwirtschaft. Etwa im Bereich der präzisen Bewässerungssteuerung, im Einsatz von Sensorik oder beim Aufbau datengestützter Entscheidungslogiken. Für die Teilnehmenden war dies ein Aha-Moment: Gute Ideen und digitale Lösungen sind oft übertragbar, wenn die Bereitschaft besteht, interdisziplinär zu denken und über den Tellerrand hinauszuschauen.



