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THEMEN IN DIESEM BEITRAG

Beim Freiwilligen Ökologischen Jahr denken viele sofort an Aufgaben wie Vögel zu zählen oder Seerobben-Junge an der Nordseeküste zu füttern. Welche Einsätze sind außerdem möglich?

Issel: Natürlich gehören Vogelzählungen dazu. Eigentlich ist das FÖJ aber wesentlich vielfältiger - so gibt es Einsatzstellen mit Büroarbeit, in der Umweltbildung oder sogar in der Forschung. Manche Freiwillige haben sogar ihr eigenes Forschungsprojekt und schreiben eine Forschungsarbeit. Natürlich gibt es auch einige landwirtschaftliche Einsatzstellen.

Wer ein FÖJ anstrebt, muss jünger als 27 Jahre alt sein und die Vollzeitschulpflicht erfüllt haben. Welches Konzept steckt hinter dem FÖJ? Ist es mit einem Praktikum vergleichbar?

Medalal: Nein, es ist kein Praktikum, es ist vielmehr eine Bildungsmaßnahme. Das FÖJ dauert ein Jahr und in dieser Zeit können die Freiwilligen ganz aktiv mitarbeiten und so in den Arbeitsbereich hineinschnuppern. Als Teil des Kollegiums können sie viel hinzulernen. Zudem ist es möglich, das Fachabitur mit dem FÖJ als praktischen Teil zu absolvieren. Das Jahr im FÖJ wird auch auf die Wartezeit für ein Studium angerechnet. Die Anforderungen sind hier je nach Bundesland etwas verschieden.

Werden die Mitarbeitenden im FÖJ in den zwölf Monaten bezahlt?

Issel: Ja, je nach Bundesland und Träger können das zwischen 250 und 500 Euro pro Monat sein. Teilweise gibt es noch Zuschüsse für Verpflegung oder Mobilität, aber das ist sehr unterschiedlich.
Kraft: Ganz wichtig dabei ist, dass es sich um ein Taschengeld handelt, das damit steuerfrei ist. Da das FÖJ als Bildungsmaßnahme anerkannt ist, wird außerdem weiterhin Kindergeld gezahlt.

Was sind die Anforderungen an Freiwillige und Einsatzstellen?

Kraft: Die Anforderungen an die Bewerberinnen und Bewerber für ein FÖJ hängen von den Einsatzstellen ab. Wenn dort beispielsweise viel am Wochenende gearbeitet wird, dann ist man eher an über 18-Jährigen interessiert, weil diese am Wochenende arbeiten dürfen. Außerdem ist für Einsatzstellen das Stichwort „Arbeitsmarktneutralität“ sehr wichtig. Die Freiwilligen sind ein fester Teil des Kollegiums, aber sie ersetzen keine Vollzeitstelle. Sie übernehmen vielmehr komplementäre Aufgaben zum Fachpersonal und unterstützen diese. Da das FÖJ als Bildungsmaßnahme konzipiert ist, sind die Einsatzstellen verpflichtet, die Freiwilligen an 25 Tagen im Jahr für Seminare freizustellen. Das sind in der Regel fünf mal fünf Tage. Die Seminare sind ein wichtiger Bestandteil des Freiwilligendienstes, bei dem sich die Freiwilligen untereinander austauschen können. Inhalte sind zum Beispiel Umwelttechnik der Zukunft, Globalisierung und Konsum oder auch Landwirtschaft.

Welche Einsatzstellen sind aktuell besonders begehrt?

Issel: Am beliebtesten sind tatsächlich die Einsatzstellen in Schleswig-Holstein an der Küste. Dort ist das FÖJ auch entstanden. Die Stellen an der Küste und auf den Inseln haben jedes Jahr eine besonders hohe Nachfrage.
Kraft: Im Augenblick ist es so, dass so gut wie alle Einsatzstellen in Deutschland, für die es eine Finanzierung gibt, auch mit Freiwilligen belegt werden. Angebot und Nachfrage sind recht ausgeglichen. Trotzdem kann es sein, dass mal eine Einsatzstelle leer ausgeht. Das liegt meistens daran, dass einige Träger mehr Einsatzstellen melden, als sie Plätze vergeben können, um mehr Auswahl für interessierte Jugendliche im Pool zu haben.

Wie schätzen Sie die Beliebtheit der landwirtschaftlichen Betriebe ein?

Issel: Die Freiwilligen, die das FÖJ in der ökologischen Landwirtschaft absolviert haben, waren sehr zufrieden und sind richtig darin aufgegangen. Die Rückmeldungen, die uns erreichen, sind eindeutig: Die Freiwilligen fanden es cool, dass sie Traktoren fahren durften, sich um die Tiere kümmern konnten, im Feld gearbeitet und Gemüse geerntet haben. Viele wollen danach auch weiter im landwirtschaftlichen Arbeitsfeld bleiben.
Kraft: Das spiegelt sich auch in den Zahlen wider. Laut Einsatzstellen-Finder des Trägerverbandes gibt es in Deutschland aktuell 482 Stellen in der Landwirtschaft. Die Bandbreite hier ist groß: Vom ökologischen Betrieb über die Biostation bis zum Kinderbauernhof ist alles dabei.
Issel: Landwirtschaftliche Betriebe benötigen allerdings mindestens das EU-Bio-Siegel, um FÖJ-Einsatzstelle zu sein.


Freiwilligendienste als Chance

Praktika und Freiwilligendienste ermöglichen jungen Erwachsenen, Erfahrungen zu sammeln und eine Entscheidung zu treffen, welcher Beruf oder welches Studium zu den eigenen Interessen passt. Bekannt sind das Freiwillige Soziale Jahr (FSJ) oder der Bundesfreiwilligendienst (BFD). Weniger verbreitet ist das Freiwillige Ökologische Jahr (FÖJ). 1993 bundesweit eingeführt, nahmen im vergangenen Jahr laut Angaben des Bundesministeriums für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend etwa 3.200 Freiwillige an einem FÖJ teil. Zum Vergleich: Beim FSJ und BFD sind die Zahlen um mehr als das 10-fache höher.


Auf Berufsmessen wird das FÖJ regelmäßig vorgestellt. Wie können Bildungs- und Beratungsorganisationen im Agrarbereich dazu beitragen, das FÖJ bekannter zu machen?

Kraft: Im Grunde gibt es drei Möglichkeiten: Zum einen kann man selbst Einsatzstelle werden und damit Berufsorientierung bieten. Zum anderen können Organisationen, die in beratender Funktion mit ökologisch wirtschaftenden Betrieben im Austausch stehen, diesen nahelegen, ein FÖJ anzubieten. Eine dritte Möglichkeit, über die wir uns sehr freuen, ist, die aktive Werbung in Berufsschulen. Auch wenn dort nicht vorrangig die Zielgruppe zu finden ist, so ist diese Multiplikatoren-Ebene nicht in ihrer Bedeutung zu unterschätzen.
Medalal: Das FÖJ dient der Berufsorientierung. Im Grunde kann man es zu jedem Zeitpunkt machen, auch wenn bereits eine landwirtschaftliche Ausbildung absolviert wurde, beispielsweise um einfach noch einmal in andere Tätigkeitsbereiche hineinzuschauen.

Gibt es für landwirtschaftliche Betriebe oder Organisationen, die ein FÖJ anbieten möchten, Hilfestellungen?

Kraft: Anlaufstelle sind die Träger, zum Beispiel Naturschutzvereine, Umweltschutzverbände, deren Jugendorganisationen, kirchliche Träger oder auch Behörden. Es gibt in jedem Bundesland mindestens einen, manchmal auch mehrere Träger. Fast alle Träger sind Mitglied im bundesweiten Dachverband, dem Förderverein Ökologische Freiwilligendienste e. V., abgekürzt FÖF e. V., und lassen sich über diesen zertifizieren. Dort werden bestimmte Qualitätsstandards festgelegt. Bei landwirtschaftlichen Betrieben ist, wie gesagt, das EU-Bio-Siegel Grundvoraussetzung. Die weiteren
Kriterien für die Einsatzstellen legen die einzelnen Träger selbst fest. Das ist sehr individuell. Allgemein gilt der Grundsatz: Nähe zu Naturschutz, Umweltschutz und Nachhaltigkeit. Der Kontakt zwischen Träger und Einsatzstellen ist sehr eng, es findet ein regelmäßiger Austausch statt.

Welche Vorteile haben die Einsatzstellen, wenn sie ein FÖJ anbieten?

Issel: Die neuen Leute, die jedes Jahr kommen, bringen „frischen Wind“ mit. Man lernt junge engagierte Menschen kennen, kann sich mit diesen austauschen und so vielleicht auch gegenseitige Vorurteile abbauen. Ganz wichtig: Das FÖJ bietet auch eine Möglichkeit, Nachwuchskräfte zu gewinnen. Auf meiner Einsatzstelle wurde beispielsweise eine FÖJ-lerin direkt in eine frei gewordene Stelle übernommen, weil alles gepasst hat und sie natürlich schon eingearbeitet war.

Welche Aufgaben haben die Bundessprecherinnen und -sprecher des FÖJ und wie kommt man in dieses Amt?

Medalal: Über den Träger sind alle Freiwilligen in Seminargruppen eingeteilt. In diesen werden Gruppensprecherinnen und -sprecher gewählt. Diese kommen auf Landesebene zusammen und wählen die Landesprecherinnen und -sprecher, die als Bundesdelegierte ihr Bundesland auf den Bundesdelegiertenkonferenzen vertreten (s. Abbildung). Auf der ersten (von drei) Bundesdelegiertenkonferenzen werden auch die fünf Bundessprecherinnen und -sprecher gewählt, die die Forderungen und Interessen der Freiwilligen gegenüber der Politik vertreten und Aktionen für FÖJ-ler organisieren.

Bei der Bundesdelegiertenkonferenz werden Themen festgelegt, die für das FÖJ besonders wichtig sind. Welche sind es in diesem Jahr?

Issel: In einem Positionspapier sind insgesamt 15 Punkte zusammengefasst. Ganz wichtig ist uns in diesem Jahr das Thema ÖPNV. Wir fordern, dass alle Freiwilligen das Deutschlandticket für neun Euro bekommen.
Kraft: Wir wünschen uns auch bundesweit einheitliche Vergünstigungen mit dem Freiwilligenausweis, um das Engagement der Freiwilligen wertzuschätzen. Bisher ist es eher ein Flickenteppich.
Issel: In diesem großen Plenum wird gemeinsame Energie spürbar und Demokratie, der Wert der eigenen Stimme, erlebbar. Bei allen, egal ob auf Landes- oder Bundesebene steckt viel Herzblut in der Sache. Das finde ich sehr beeindruckend.


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