
Die europäischen Netzwerke ländlicher Beraterinnen und Berater von IALB (Internationale Akademie für ländliche Beratung), EUFRAS (European Forum for Rural Advisory Services) und SEASN (South East European Rural Advisory Services Network) trafen sich Ende Juni zu ihrer gemeinsamen Jahrestagung in Brüssel. Die Fachtagung wurde vom Freistaat Bayern in Zusammenarbeit mit seiner Vertretung bei der EU durchgeführt. Über allem stand die Maxime, dass Beratung und Bildung die Schlüssel zur Bewältigung der großen Herausforderungen sind, denen der ländliche Raum und die Landwirtschaft gegenüberstehen.
Die Landwirtschaft …
- steht unter Kostendruck und nicht beeinflussbaren Preisschwankungen in der Produktion;
- leidet unter Fachkräftemangel, Klimawandel und Verlust der Biodiversität;
- muss sich mit steigenden Anforderungen an das Tierwohl und veränderten Ernährungsgewohnheiten auseinandersetzen;
- hat einen kontinuierlichen Anpassungsprozess hinsichtlich Künstlicher Intelligenz und Digitalisierung zu bewältigen;
- muss mit gesellschaftlicher Kritik konstruktiv umgehen.

Folgende zentrale Botschaften gehen von der Tagung und dem gemeinsamen Positionspapier von IALB, EUFRAS und SEASN aus: Beratung und Bildung stärken Landwirtschaft in Europa und weltweit. Beraterinnen und Berater sind systemrelevante Experten für Ernährung, Landwirtschaft und lebenswerte ländliche Räume. Die ländliche Beratung ist ein zentraler Akteur im agrarischen Wissens- und Innovationssystem in Europa.
So betonten Dr. Max Wohlgschaft (Bayerisches Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft, Forsten und Tourismus, IALB), Rachel Fischer (Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen, IALB) und Jussi Juhola (ProAgria, EUFRAS), dass Beratungs- und Bildungsarbeit Schlüsselrollen im Agrarischen Wissens- und Innovationssystem (AKIS) einnehmen. Dr. Sladjan Stankovic von SEASN unterstrich die Forderung des gemeinsamen Positionspapiers nach starken, öffentlich geförderten Beratungs- und Bildungssystemen. Diese Dienste seien in den EU-Beitrittsländern von wesentlicher Bedeutung, um die Kluft zwischen den Zielen der europäischen Politik und den praktischen Realitäten der ländlichen Entwicklung zu überbrücken.
Gezielte Weiterentwicklung
Die Tagung machte deutlich: Für die nachhaltige Ernährungssicherung und die Umsetzung der agrarpolitischen Ziele der EU ist die professionelle Begleitung durch agrarische Beraterinnen und Berater unverzichtbar. In der GAP ab 2028 müssen daher ausreichend Haushaltsmittel vor allem für die Aus- und Fortbildung ländlicher Beratungskräfte und zur Finanzierung unabhängiger Beratungsdienste bereitgestellt werden. Die Herausforderungen für die Landwirtschaft und den ländlichen Raum reichen vom Klimawandel über gesellschaftliche Erwartungen an Tierwohl und Biodiversität bis hin zu steigenden Anforderungen hinsichtlich Dokumentation und Nachhaltigkeit.
Beratung muss daher weit mehr leisten als reine Fachvermittlung. Sie soll Brücken schlagen zwischen Forschung, Praxis und politischen Anforderungen und komplexe Transformationsprozesse begleiten. „Die Beraternetzwerke IALB, EUFRAS und SEASN sprechen sich deshalb für eine gezielte Weiterentwicklung der agrarischen, unabhängigen Beratung und Bildung mit Unterstützung der öffentlichen Hand aus, die die Betriebe mit einem gesamtbetrieblichen Ansatz in ihrer ökonomischen, ökologischen und sozialen Entwicklung und Resilienz stärkt“, heißt es in dem vorgestellten Positionspapier. „Die ländlichen Beratungsdienste und die Bildung werden dabei als zentrales Instrument zur Umsetzung strategischer und politischer Ziele geschätzt.“
In Fachimpulsen und im Plenum wurden vielfältige Ansätze zur Stärkung von Beratung und Bildung vorgestellt: Marta Messa von Slow Food präsentierte die zentralen Ergebnisse des Strategischen Dialogs, welcher die Beratung als wichtiges Tool sieht, um die aktuellen transformativen Prozesse in Europas Agrarsystem zu managen. Bernadette Bennett von YEUFRAS (Young European Forum for Agricultural and Rural Advisory Services) und Teagasc (Agriculture and Food Development Authority, Irland) gab Einblicke in die Herausforderungen und Bedürfnisse junger Beraterinnen und Berater, besonders im Kontext des Berufseinstiegs. Sie zeigte eindrucksvoll, wie wichtig Mentoring ist, um gut in das Aufgabenfeld Beratung und Bildung einzusteigen. Reflexion und Austausch ermöglichen eine persönliche und berufliche Weiterentwicklung.
Konstantin Kockerols, EU-Korrespondent bei „top agrar“, zeigte auf, wie Journalismus und Beratung Hand in Hand arbeiten können. Vertrauensvolle Zusammenarbeit sei hier gefragt, um die geballte Fachkompetenz der Beratung fach- und kundengerecht aufzubereiten. Inge van Oost und Joanna Kiszko (Generaldirektion Landwirtschaft und ländliche Entwicklung – DG AGRI) betonten die Bedeutung unabhängiger Beratungsarbeit und streben vonseiten der EU-Kommission eine stärkere Integration der Beratung im AKIS an. Lukas Kilcher, Präsident von AGRIDEA, konnte bei der EU-Agrarpolitik viele Parallelen zum AKIS in der Schweiz aufzeigen. Wie auch anderen Referenten war ihm der Hinweis wichtig, dass die Ernährungssicherheit mitgedacht wird und neue Formate der Zusammenarbeit zwischen Praxis, Wissenschaft und Beratung entwickelt und eingesetzt werden.
Praxis trifft Politik
Vor Ort übermittelte der Leiter der Vertretung des Freistaates Bayern bei der EU Dr. Armin Hartmuth und per Videobotschaft die Staatsministerin für Ernährung, Landwirtschaft, Forsten und Tourismus Michaela Kaniber ihre Grußworte zum agrarpolitischen Abend. Auf der Agenda der bayerischen Landwirtschaftsministerin: den Betrieben eine bessere Perspektive ermöglichen und das europäische Lebensmittelsystem stabil und wettbewerbsfähig halten. Hartmuth verwies auf die Vorschläge der EU-Kommission zur Zukunft der Agrarberatung im Rahmen der gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) ab 2028.
Mit welchen Anforderungen muss sich die Agrarberatung in Europa konkret auseinandersetzen? Dazu diskutierten Adam Nowak, Unterstaatssekretär im polnischen Ministerium für Landwirtschaft und ländliche Entwicklung und Vertreter der polnischen Ratspräsidentschaft, Norbert Lins, Mitglied des Europäischen Parlaments und seit Juli 2024 stellvertretender Vorsitzender des Agrarausschusses, sowie Mario Milouchev, Direktor für „GAP-Strategiepläne II“ in der Generaldirektion Landwirtschaft und ländliche Entwicklung der Europäischen Kommission, mit den Teilnehmenden der Jahrestagung. Einigkeit bestand, dass eine unabhängige Beratung, die professionell, wissenschaftsbasiert und vernetzt agiert, notwendig ist.
Ein spannendes Praxisbeispiel für einen gelungenen Beratungsprozess präsentierten Sabine Biberger (Beraterin Direktvermarktung, Kipfenberg) und die Bäuerin und Unternehmerin Kathrin Voreck (Sonnenpusterei, Beilngries). Dabei ermöglicht eine ausführliche Ist-Analyse eine klare Zielformulierung. Der Weg zur Zielerreichung wird durch Meilensteine festgelegt und Schritt für Schritt abgearbeitet und gegebenenfalls angepasst.
Neun parallele Workshops thematisierten drängende Zukunftsfragen: Wie können Innovationen bei Studierenden, Landwirten und Beratenden erfolgreich angeregt werden? Wie kann der Einsatz von KI die Beratungstätigkeit unterstützen? Wie lassen sich nachhaltige Landwirtschaft, soziale Innovationen und Biodiversität umsetzen? Die praxisorientierten Beispiele aus der Schweiz, Österreich, Deutschland und Serbien verdeutlichten den Beitrag, den Beratung auf dem Weg zu einer gelungenen Transformation der Landwirtschaft leisten kann. Darüber hinaus ermöglichten exklusive Besuche bei EU-Institutionen einen direkten Einblick in die agrarpolitischen Prozesse und boten eine Gelegenheit zum Austausch mit politischen Entscheidungsträgern in Brüssel. Im Rahmen von drei ergänzenden Exkursionen, die von Marleen Gysen, Beraterin für Klima und Energie beim belgischen Bauernverband (Boerenbond) organisiert wurden, berichteten vier unternehmerische Landwirtsfamilien anhand ihrer eigenen Hofgeschichten, wie Diversifizierung gelingen kann. Eine Gruppe besuchte den Versuchsbetrieb TRANSfarm der Universität Leuven.
Klares Bekenntnis zur Beratung
Zum Abschluss der Brüsseler Tagung zeigte sich IALB-Präsidentin Regine Wiesend erfreut, dass alle EU-Institutionen ein klares Bekenntnis zur Schlüsselrolle von Beratung und Bildung abgegeben haben. Dr. Vér András, IALB-Vorstands- und SEASN-Mitglied fasste zusammen: „Wenn wir echten Wandel in der Landwirtschaft erreichen wollen, ist die Stärkung von Forschung, Beratung und Bildung keine Option, sondern eine Voraussetzung. Dafür braucht es jetzt die Unterstützung der Politik.“ Jussi Juhola, EUFRAS-Vorstandsmitglied, ergänzte diese Aussage: „Berater sind oft die ersten Personen, an die sich Landwirte wenden, um Hilfe zu erhalten. Diese müssen sich daher über die aktuelle Politik und die neuesten Entwicklungen im Sektor auf dem Laufenden halten, woraus sich ein ständiger Weiterbildungsbedarf ergibt. Die Agrarpolitik muss die Aufrechterhaltung gut funktionierender Beratungsdienste in Europa unterstützen, die in der Lage sind, den Landwirten bei der Bewältigung des von der Gesellschaft auf sie ausgeübten Drucks zu helfen.“ Die gezielte Weiterentwicklung der agrarischen Beratung und Bildung gelinge seiner Auffassung nach nur mithilfe der Unterstützung durch die öffentliche Hand.
Die nächste Fachtagung der ländlichen Beratungsnetzwerke findet vom 15. bis 18. Juni 2026 in Slowenien statt. Sie wird von SEASN und der Landwirtschaftskammer Slowenien organisiert.
Links
Das Dokumentationsteam junger bayerischer Beraterinnen und Berater hat im Blog-Stil live während der Tagung die Dokumentation erstellt. Für jeden Abschnitt der Konferenz wurden Bilder und Kurznachrichten in Padlet-Pinnwänden gepostet und Präsentationen veröffentlicht: https://ialb.org/index.php/bildungsangebote/ialb-tagungen/ialb-tagung/dokumentation.
Das vollständige Positionspapier steht unter https://ialb.org/index.php/bildungsangebote/ialb-tagungen/ialb-tagung/dokumentation auf Deutsch und Englisch zum Download zur Verfügung.




